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"Hass und Aggression" – Stimmung in Kolumbien nach den Ausschreitungen

Zerstörte Busse, verletzte Polizisten, tote Demonstranten – Kolumbiens Hauptstadt Bogotá hat bei den Ausschreitungen der vergangenen Tage schwere Gewaltexzesse erlebt. Politiker suchen nun nach Schuldigen und fordern Konsequenzen. Die Stimmung im Überblick 

Polizisten in Bogotá (Archivbild). Foto: Police,Policía Nacional de los colombianos, CC BY-SA 2.0

Kolumbiens Hauptstadt Bogotá hat in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schwere Ausschreitungen erlebt. Die kolumbianische Zeitschrift "El Espectador" sprach von einer "beispiellosen" Eskalation der Gewalt. Bereits im Zuge der nationalen Proteste Ende 2019 sei es zu Ausschreitungen gekommen, doch die Brutalität der vergangenen Tage hätte ein neues Niveau erreicht, so das Blatt. 

Bei Straßenschlachten in verschiedenen Vierteln prallten Demonstranten und Sicherheitskräfte direkt aufeinander. Auf Videos ist zu sehen, wie wütende Protestierende eine Polizeistation anzünden, Steine auf Polizisten werfen und Busse zerstören. Einige nutzten das Chaos aus, um Läden und Supermärkte zu plündern. Die Polizei reagierte ebenfalls mit Gewalt: Uniformierte schlugen auf Demonstranten ein, die bereits fixiert waren und schossen Tränengas auf sie ab. Bei den Konfrontationen sind in Bogotá Medienberichten zufolge sieben Menschen ums Leben gekommen, drei weitere starben in der benachbarten Gemeinde Soacha. 147 Polizisten seien zudem verletzt worden, einige schwer, teilte Bogotás Bürgermeisterin Claudia López auf Twitter mit. Insgesamt sollen wohl rund 248 Menschen verletzt worden sein ­– darunter wohl auch zahlreiche Personen durch Schusswaffen der Polizei. 

Immer wieder riefen die Demonstranten: "Mörder, Mörder" und "Gerechtigkeit für Javier Ordoñez". Der Auslöser der Ausschreitungen war der Tod des Anwalts und Familienvaters Javier Ordoñez, der bei einer Polizeiaktion in Bogotá ums Leben gekommen ist.

Während Kolumbiens Hauptstadt noch immer unter Schock steht und die Opfer betrauert, suchen Politiker nach Schuldigen und fordern Konsequenzen. Wissenschaftler weisen indes auf tiefergreifende Probleme hin. Die Stimmung im Überblick:

Uribe: "Streitkräfte mit Fahrzeugen und Panzern auf die Straßen"

Der rechte Präsident Iván Duque forderte, dass der Fall von Javier Ordoñez nun "rigoros und mit voller Transparenz aufgeklärt" werden müssen. Kolumbien dürfe "null Toleranz gegenüber denjenigen zeigen, die die Uniform der Sicherheitskräfte entehren." Gleichzeitig rief er dazu auf, die Sicherheitskräfte nicht unter Generalverdacht zu stellen. Jede Form von Gewalt lehne er ab: "Wir dürfen nicht zulassen, dass manche versuchen, sich über das Gesetz zu stellen und Hass säen, der dann das Verhalten der Bürger prägt."  

Duques Parteifreund, der frühere Präsident Álvaro Uribe Vélez, rief indes aus seinem Hausarrest heraus zu einem härteren Vorgehen gegen Protestierende auf: Die Regierung solle eine Ausgangssperre verhängen und die "Streitkräfte mit Fahrzeugen und Panzern auf die Straßen schicken", um "ausländische Randalierer und die intellektuellen Urheber" der Proteste wegzuschaffen.

Auch Bogotás grüne Bürgermeisterin Claudia López verurteilte auf Twitter die Gewalt: "Indem wir Bogotá zerstören, werden wir die Polizei nicht verbessern und wir werden keine Gerechtigkeit bekommen." Sie wolle jedoch den wütenden Jugendlichen "eine bessere Zukunft bieten", abseits jeder Konfrontation.

Petro: "Faschismus" gegen die eigenen Bürger 

Der prominente linke Oppositionspolitiker und ehemalige Bürgermeister Bogotás Gustavo Petro gab indes hauptsächlich der Polizei und vor allem auch der Regierung Kolumbiens die Schuld an der Eskalation. In teils sehr scharfem Ton schrieb er auf Twitter von einem "Faschismus" gegen die eigenen Bürger und warf Polizisten vor, Demonstranten mit Schusswaffen zu verletzen.  Er beschuldigte zudem Claudia López, ihre Sicherheitskräfte nicht unter Kontrolle zu haben. Nur eine "massive Mobilisierung der Bürger" und sozialer Verbände könne aus seiner Sicht jetzt die "Demokratie wiederherstellen." 

Die Kritik eines weiteren prominenten Oppositionellen, Humberto de la Calle, ging in eine ähnliche Richtung: "Ein Polizist kann sich verteidigen. Ein Polizist kann Angst haben. Aber was wir in den Netzwerken sehen, ist Hass, Aggression, Exzess, Demütigung." Er forderte Präsident Duque auf, innerhalb der Polizei und der Sicherheitskräfte eine neue Kultur zu etablieren, die die Rechte der Bürger achtet. 

Während die Politiker Schuldige für die Eskalation der Gewalt suchen, weisen einige Wissenschaftler auf die tieferen Wurzeln der Wut hin. Sicherheitsexperten verweisen darauf, dass Polizeigewalt in Kolumbien schon lange dokumentiert und nicht erst seit der Regierung von Iván Duque oder Claudia López ein Problem sei. Nathalia Ávila, eine Sozioligen der Universität "Externado", sprach gegenüber der Zeitschrift "El Espectador" zudem von einer tief greifenden Unzufriedenheit vieler Kolumbianer. Daran gab sie der aktuellen Regierung eine Teilschuld: "Es gibt eine starke Ablehnung einiger Reformen der Regierung und der Morde an sozialen Aktivisten und Massaker." Massaker an der Zivilbevölkerung hatten in Kolumbien zuletzt stark zugenommen, die Regierung steht in diesem Zusammenhang in der Kritik zu wenig zu unternehmen, um die Menschen in abgelegenen Regionen zu schützen. Zudem hätte die Pandemie laut Ávila zum Unmut in der Bevölkerung beigetragen, denn sie lege die soziale Ungleichheit im Land mehr denn je offen. Der Tod von Javier Ordoñez hätte das Pulverfass nun zum Explodieren gebracht.  

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