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"Der Schatten Schäfers" - Filmemacherin Baumeister über die Colonia Dignidad

Mitte März ist auf Arte und im Ersten eine vierteilige Dokumentation zur Geschichte der ehemaligen deutschen Sektensiedlung "Colonia Dignidad" zu sehen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) schildert Regisseurin Annette Baumeister, wie sie sich dem Thema näherte.

Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad im Jahr 2014. Foto: Villa Baviera, XarucoponceCC BY-SA 3.0, Zuschnitt

Anfang der 1960er Jahre wanderte der selbst ernannte Laienprediger Paul Schäfer von Deutschland nach Chile aus. Dort gründete er die Colonia Dignidad, in der er seinen Anhängern ein "urchristliches Leben im gelobten Land" versprach. Tatsächlich installierte der Kinderschänder und Psychopath in den nachfolgenden rund vier Jahrzehnten eine Hölle auf Erden. Die Bewohner mussten Sklavenarbeit verrichten; Eltern wurden von ihren Kindern getrennt, Teile der "Kolonie der Würde" wandelten Schäfer und seine Helferhelfer in ein Folterzentrum für die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet um. 

KNA: Frau Baumeister, wie sind Sie zur Beschäftigung mit der düsteren Geschichte der Colonia Dignidad gekommen?

Baumeister: In dem Falle habe nicht ich das Thema gefunden, sondern das Thema kam zu mir, und zwar über die Produktionsfirma LOOKSfilm. Deren Mitarbeiter waren dabei, rund 400 Stunden Filmmaterial und 9.000 Fotos zu restaurieren, die der Leiter des Filmdepartements der Colonia Dignidad, Wolfgang Müller, meinem chilenischen Kollegen Cristian Leighton übergeben hatte. LOOKSfilm fragte mich, ob ich Lust hätte, bei der Aufarbeitung dieser besonderen Episode der deutsch-chilenischen Vergangenheit als Regisseurin und Autorin dabei zu sein.

Was wussten Sie bis dahin über die Colonia?

Im Wesentlichen das, was Gero Gemballa Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre in seinen TV-Beiträgen gezeigt hat.

Gemballa war einer der ersten in Deutschland, die sich mit dem Thema auseinandersetzten. Er starb 2002 mit nur 41 Jahren. Immer wieder gab es Gerüchte, er sei Opfer einer Nervengas-Attacke der Colonia Dignidad geworden.

Als Journalistin und Historikerin war mein erster Impuls: Jetzt habe ich die Möglichkeit, vor Ort nachzuschauen, ob das, was Gemballa über die Colonia recherchiert hatte, wirklich so passiert ist. Ein sehr reizvoller Gedanke.

Sie haben dann reihenweise Geschichten von Bewohnern und chilenischen Folteropfern gehört, die einem noch heute die Schauer über den Rücken laufen lassen. Wie haben Sie diese oft schwer traumatisierten Menschen dazu gebracht, von sich zu erzählen - und das auch noch vor einer Kamera?

Indem wir uns Zeit genommen haben. Ich habe in der Colonia mehr als 25 Tage verbracht und konnte eine Beziehung zu den Menschen aufbauen, die jetzt noch dort leben. Irgendwann hatten sie offenbar das Gefühl: Unsere Geschichte ist bei denen gut aufgehoben. So ging es wohl auch den chilenischen Folteropfern.

Gab es etwas, dass Sie besonders berührt hat?

Schäfer hatte eine komplett gestörte Beziehung zu Mädchen und Frauen, nannte sie "blöde Ziegen", die voller Dreck seien. Männer und Frauen wurden auf sein Geheiß strikt voneinander getrennt. Von Anfang an ist mir aufgefallen, dass die Frauen, die unter ihm in der Colonia gelebt haben, tendenziell gebückt gehen. Durch die Gespräche habe ich gelernt, dass sie dies taten, um ihre Brüste zu verbergen. Bis heute haben viele von ihnen ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich zum Beispiel schminken, weil Schäfer ihnen eintrichterte, dass das sündhaft sei.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Schäfers Schatten liegt auf allen ehemaligen Bewohnern. Das ist etwas, was die Menschen nie los werden und was sie bis zu ihrem Lebensende begleiten wird.

Wofür brauchte Schäfer die Religion?

Schäfer nutzte Religion als Mittel, um die Menschen zu unterdrücken. In der Beichte redete er den Menschen ein, dass sie mit ihren vermeintlichen Verfehlungen des Teufels seien.

Wie stehen die ehemaligen Bewohner heute zur Religion?

Ich hatte war davon ausgegangen, dass dort niemand mehr etwas damit zu tun haben wollte. Aber das Gegenteil war der Fall: Ich habe keinen einzigen getroffen, der nicht an Gott glaubt.

Wie das?

Nachdem Schäfer weggegangen war, griffen viele Bewohner zum ersten Mal zur Bibel, was ihnen vorher verboten war. Dort erfuhren sie, dass Männer und Frauen zusammenkommen dürfen, dass Nächstenliebe ein hohes Gut ist. In den Gesprächen haben die Bewohner vor allem aus der Bergpredigt zitiert. Die Bibel, so hat mir ein Psychologe erklärt, der die Menschen dort betreut, gibt ihnen eine Struktur - nachdem sie praktisch alles verloren haben, was ihr bisheriges Leben ausmachte.

Das Geschehen in der Colonia haben Gesellschaft und Politik in Deutschland jahrzehntelang verdrängt. Könnte so etwas Ähnliches wieder passieren?

Ich fürchte, ja. Das können Sie auch beim Umgang mit sexuellem Missbrauch sehen. Das Geschehen wird eine Zeit lang von Öffentlichkeit und Medien skandalisiert. Aber wenn es darum geht, echte Hilfe für die Betroffenen zu leisten, werden sie schnell zu einer Last für die Gesellschaft.

Regierung und Bundestag haben sich 2019 auf ein Hilfekonzept für die ehemaligen Bewohner der Colonia Dignidad verständigt, das auch Anerkennungszahlungen für das erlittenes Leid vorsieht. Ein erster Schritt in die richtige Richtung?

Ich finde, 7.000 oder in Ausnahmefällen 10.000 Euro für ein zerstörtes Leben sind zu wenig.

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