Bischöfliche Aktion Adveniat e.V.
Mexiko |

Brand im Abschiebegefängnis

In der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez kam es zu einer Tragödie, als die Migrationspolizei beim Ausbruch eines Feuers Geflüchtete in einer Sammelzelle ersticken ließ.

Migrantinnen und Migranten gehen in Mexiko am Grenzzaun zu den USA entlang. Foto (Symbolbild): Carolina Rosas Heimpel

Auf dem Video der Überwachungskamera schlagen Flammen aus der Zelle; ein Mann ist hinter der Gittertür zu erkennen. Drei uniformierte Männer verlassen zügig aber ruhig den Vorraum. Keiner von ihnen macht Anstalten, die Zelle aufzuschließen. Kurze Zeit später ist die Rauchentwicklung so heftig, dass sie die Sicht der Kamera versperrt. Erst die eintreffende Feuerwehr wird die Zelltür aufbrechen und 44 Tote und 26 Bewusstlose aus dem fensterlosen Raum des Abschiebegefängnis bergen. Die betroffenen Geflüchteten waren am selben Tag bei Razzien auf den Straßen der Stadt aufgegriffen worden.

„Mit den Festnahmen sollte das Bild von Ciudad Juárez gesäubert werden“, sagt Pater Javier Calvillo, Leiter der Migrantenherberge Casa de Migrante. Nun sei die Stadt in aller Welt in den Medien angesichts der Tragödie, zu der es gekommen ist. „Rassismus und der fehlende Wille aller politschen Ebenen, eine sich ankündigende humanitäre Krise zu vermeiden, stehen dahinter.“ Es hätte an diesem Tage schlimme Kommentare in den sozialen Medien gegeben, die den Festnahmen applaudierten. 

„Ich hoffe, dass die Kommentatoren nun sehen, wohin der Druck geführt hat, den sie auf die Stadtregierung ausgeübt haben. Die Opfer sind tot oder liegen in kritischem Zustand im Krankenhaus“, seufzt Pater Calvillo, der seit 18 Jahren das Casa de Migrante in Ciudad Juárez leitet. Lange war es die einzige Migrantenherberge in der Stadt, heute gibt es zwei Dutzend und es bräuchte unzählige mehr. Pater Calvillo schüttelt den Kopf. „Wir haben mit den Frauen der Männer gesprochen, die in Haft gehalten wurden. Viele von ihnen hatten eine Aufenthaltsgenehmigung in Mexiko, hatten sogar eine Arbeit. Es gab überhaupt keine Rechtfertigung, sie einzusperren und mit der Abschiebung zu drohen.” 

Extreme Armut

Ciudad Juárez an der Grenzmauer zu den USA. Eine Stadt von Migrantinnen und Migranten, die seit fast einem halben Jahrhundert um das Vielfache durch den Zuzug aus dem Süden gewachsen ist. In den Weltmarktfabriken an der Grenze gibt es Arbeit und der American Dream ist hier tatsächlich nur einen Katzensprung entfernt. Seit die USA unter dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump das Asylrecht eingeschränkt hat und es in der Pandemie ganz aushebeln ließ, stranden immer mehr Menschen in der Grenzmetropole oder werden in diese zurückgeschoben. Seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Venezuela trifft dies vermehrt von dort Geflüchtete. Im Winter campierten sie zu Hunderten am Río Bravo, in der Hoffnung auf einen politischen Wechsel. Doch Präsident Joe Biden ließ die Nationalgarde aufmarschieren und die Stadtregierung von Juárez ließ die Camps räumen.

„Die venezolanischen Geflüchteten baten uns damals, mit dem Bischof zu sprechen“, erzählt Pater Calvillo. „Sie sagten uns, wir sind durch so viele Länder gereist, aber nirgendwo ist uns so viel Korruption und Gewalt widerfahren wie in Mexiko.“ Seit der Räumung der Lager sind die Familien auf den Straßen der Stadt präsent. An den Verkehrskreuzungen der mehrspurigen Boulevards betteln Männer und Frauen mit kleinen Kindern im Arm. Sie haben auf Schilder geschrieben, dass sie aus Venezuela kommen oder halten die gelb-blau-rote Flagge ihres Landes den Autofahrerinnen und Autofahrern entgegen. Ihre Armut steht ihnen ins Gesicht geschrieben, es sind magere Gestalten in abgenutzter Kleidung. Im Zentrum der Stadt, wo immer noch viele Häuser aus den Zeiten des Drogenkrieges und der militärischen Besetzung verlassen sind, haben sie sich notdürtig in Ruinen eingerichtet. 

Rückkehr unmöglich

Mittlerweile sollen 12 000 Menschen mit dem Ziel USA in Ciudad Juárez sein. Eine von den US-Regierung eingeführte App, mit der man eine Asylvorladung beantragen kann, ist jeden Morgen nur für zwei Minuten zugänglich, dann sind alle Termine belegt. So bleibt es den meisten nur, ihre Tage an den Ampeln zu verbringen und Windschutzscheiben zu putzen. Doch die Ablehnung gegen sie in der Stadt spitze sich immer weiter zu. „Dabei sind es Geflüchtete aus Mittel- und Südamerika, die von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen betroffen sind”, berichtet Pater Oscar Enriquez. Er leitet das Menschenrechtszentrum Paso del Norte. 

Seine Organisation dokumentiert die Aussagen unzähliger von der Lokalpolizei verschleppter Geflüchteter, die in verlassenen Lagerhallen gefoltert und mit dem Tode bedroht werden, um Geld zu erpressen. Doch wer Tote produziert, dass sind die Kartelle, die ein Millionengeschäft mit dem klandestinen Grenzübertritt angesichts fehlender legaler Möglichkeiten machen. „In Ciudad Juárez und im angrenzenden Juáreztal verschwinden immer wieder Geflüchtete, denen Schlepper versprechen, sie über die Mauer zu bringen.“ Wie im Januar, als die Leichen von vier Menschen aus Mittelamerika gefunden wurden, die vormals ihren Familien angekündigt hatten, dass sie jetzt den Grenzübertritt wagen würden. „Doch die Familien können nicht zurück in ihre ebenso von Gewalt und Armut zerrütteten Herkunftsländer.“ 

Misshandlungen, Brände, Massaker

Pater Enriquez hat verfolgt, wie sich die Ablehnung gegen sie in der Stadt im März immer weiter zuspitzte. Wie Polizisten in die Flüchtlingsanlaufstelle unter der Kathedrale von Ciudad Juárez eindrangen und drei venezuelanische Geflüchtete verschleppten und folterten; einer von ihnen minderjährig. Wie Menschen im Zentrum der Stadt gegen die Misshandlungen und Einschüchterungen durch Beamtinnen und Beamte der Migrationspolizei demonstrierten. „Und vor zwei Wochen versuchten hunderte verzweifelte Geflüchtete über die Grenzbrücke Santa Fe zu stürmen und wurden von der US-Nationalgarde gestoppt.“ Einen Tag später wird von der Stadtregierung ein Verbot ausgespochen, nicht an Verkehrskreuzungen zu betteln. Und am 27. März, jenem verheerendem Datum des Brandes im Abschiebegefängnis, sollen Razzien zwischen Lokal- und Migrationspolizei dieses endlich durchsetzen.

Wahrscheinlich haben die Eingesperrten selbst ein Feuer entfacht, um gegen ihre Haft zu protestieren. Die Bedingungen der Abschiebegefängnisse in Mexiko werden seit Jahrzehnten von Nichtregierungsorganisationen angeprangert. Vor zwei Jahren konnte erreicht werden, dass keine Minderjährigen mehr eingesperrt werden dürfen. Brände wie den vom Montag, gab es während der Pandemie sowohl in Tapachula wie auch in Tenosique, an der Südgrenze Mexikos. Beim ersteren kam eine Person ums Leben. Massaker an Personen in Haftbedingungen, bei denen Zuständige nicht die Tür öffnen und den Tod unzähliger Menschen bewusst in Kauf nehmen, sind in der Region eine traurige Konstante, wie die Gefängnisbrände in Honduras im Jahr 2004 und 2012 und der Brand in einem Mädchenheim in Guatemala vor fünf Jahren zeigen.

 

Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat steht bedürftigen Migrantinnen und Migranten zur Seite. So wurden in den vergangenen 10 Jahren bis zu 40 Projekte für Migranten in Mexiko gefördert und hilft ihnen mit Notunterkünften, Seelsorge und Rechtsberatung. Die Adveniat-Partnerinnen und -Partner des Menschenrechtszentrums „Paso del Norte“ in Ciudad Juárez gehen beispielsweise gegen die Gewalt, Folter und Entführungen vor, denen Migranten häufig ausgesetzt sind.

Autorin: Kathrin Zeiske

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