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Bolivien sucht Nachfolger von Evo Morales

Als leichter Favorit geht Linkskandidat Luis Arce in die Präsidentenwahl. Experten befürchten Ausschreitungen, die Stimmung im Land ist aufgeheizt. Zudem wird die Corona-Pandemie die Abstimmung erschweren.

Teilnehmer einer Kundgebung in La Paz unterstützen den amtierenden Präsidenten Evo Morales. Symbolbild (2018): Adveniat/Martin Steffen

Teilnehmer einer Kundgebung in La Paz unterstützen den amtierenden Präsidenten Evo Morales. Symbolbild (2018): Adveniat/Martin Steffen

Es war ein Auf und Ab in den vergangenen Wochen in Bolivien. In den Umfragen genauso wie auf den Straßen. In den Vorhersagen für die Präsidentenwahl am Sonntag gewinnt der linke Kandidat Luis Arce mal im ersten Wahlgang, mal muss er in die Stichwahl Ende November gegen den ewigen Bewerber der moderaten Rechten, Carlos Mesa. Und auch auf den Straßen wogte es Auf und Ab. In den vergangenen Tagen registrierten die Wahlbeobachter 50 Gewaltvorfälle, die von Wortgefechten bis zu physischen Angriffen reichten. 

Vor allem die Regierung der rechten Übergangspräsidentin Jeanine Áñez und die Partei von Ex-Staatschef Evo Morales, „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS), überziehen sich gegenseitig mit Drohungen und Anschuldigungen. Die aktuellen Machthaber nennen die MAS-Anhänger „Bestien" und „Terroristen". Morales’ Unterstützer finden, die Übergangsregierung bestehe aus „Faschisten" und „Putschisten". Bolivien, noch immer eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, ist tief im Klassenhass verhaftet. Weiße Mittel- und Oberschicht gegen indigene Mehrheit. Diese Frontstellung hat sich in der Regentschaft des Aymara-Ureinwohners Morales von 2006 bis 2019 eher noch verschärft als aufgeweicht. 

Und so ist die Stimmung in Bolivien heute noch so gespannt wie im Oktober 2019, als Morales’ damalige Wiederwahl von Betrugsvorwürfen überschattet wurde. Es folgten tagelange Straßenproteste und Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzen. Schließlich trat Morales zurück und ging ins Exil, zunächst nach Mexiko, später nach Argentinien.

Herausforderungen und Ängste

Die eigentlich für Mai anberaumte Neuwahl wurde von Áñez wegen der auch in Bolivien wütenden Corona-Pandemie auf den 18. Oktober verschoben. Laut Johns-Hopkins-Universität starben in dem Andenstaat bisher knapp 8500 Menschen. Bolivianische Mediziner halten die Zahl für zu gering und gehen von bis zu 20.000 Toten aus. Experten vermuten, dass in La Paz, der wichtigsten Stadt des Landes, jeder Dritte infiziert sein könnte. 

Die Pandemie stellt auch die Wahlbehörde vor große Herausforderungen. Eine Corona-bedingte niedrige Wahlbeteiligung ist da nur ein Problem. Zudem muss sichergestellt werden, dass die Abstimmung kein Superspreader-Event wird. In den Wahllokalen müssen Stifte und Flächen ständig desinfiziert werden, der obligatorische Farbabdruck nach Stimmabgabe auf dem Daumen soll per Wattestäbchen aufgetragen werden. Denkbar, dass Hunderttausende trotz Wahlpflicht zu Hause bleiben. 

All das ist schon kompliziert genug. Und die explosive Stimmung zwischen den Lagern der Kontrahenten mache die Wahl noch unvorhersehbarer, sagt ein seit vielen Jahren in La Paz ansässiger internationaler Experte. Er geht davon aus, dass es nach Veröffentlichung der Ergebnisse zu Ausschreitungen kommen werde. „Keine der beiden Seiten wird eine Niederlage akzeptieren,“ betont der Experte im Gespräch mit „Blickpunkt Lateinamerika“. Zu polarisiert sei das Land, zu sehr würden die Linken den Rechten Betrug vorwerfen und umgekehrt.

Alle gegen die MAS?

Favorit bleibt nach jüngsten Umfragen Luis Arce, der Kandidat der MAS, der auf eine vorsichtige Distanz zu Morales gegangen ist. Für Ex-Wirtschafts- und Finanzminister Arce wollen laut der letzten Umfrage vom Wochenende 32,4 Prozent der Wahlberechtigten stimmen. Bei dem früheren Staatschef Mesa von der „Allianz Bürgergemeinschaft“ wollen demnach 24,5 Prozent der Bolivianer ihr Kreuz machen. Insgesamt kandidieren sechs Kandidaten, von denen fünf auf der rechten oder sogar ultrarechten Seite angesiedelt sind. Genau deshalb will die Morales-Partei unbedingt im ersten Wahlgang gewinnen, weil ein Triumph in der zweiten Runde fast unmöglich erscheint. Da wird es heißen: „Todos contra el MAS' – „Alle gegen die MAS“. 

Ein Wahlsieg in erster Runde wird nach bolivianischem Recht dann erzielt, wenn der Erstplatzierte auf mindestens 40 Prozent der Stimmen kommt und dabei zehn Prozent vor seinem nächsten Verfolger liegt. Noch vor zwei Wochen sahen die Umfragen für Arce beide Kriterien als erfüllt an. Aber dann zog die ungeliebte Übergangspräsidentin Áñez ihre Kandidatur zurück, damit das rechte Lager nicht allzu gespalten in die Wahl geht. Denn neben Mesa kandidiert vor allem noch der Ultrarechte Luis Fernando Camacho aus Santa Cruz im Tiefland, dem rund elf Prozent der Stimmen zufallen könnten. Bei einer eventuellen Stichwahl am 29. November hätte das vereinte rechte Lager gute Chancen, den MAS-Bewerber Arce zu schlagen. 

Morales und seine breite Bewegung MAS aus linken und indigenen Kräften standen 13 Jahre an der Spitze des Andenstaates. In dieser Zeit erlebte Bolivien einen Wirtschaftsboom, und es gelang der Regierung, die Armut zu reduzieren. Allerdings wandelte sich Morales in dieser Zeit immer weiter zu einem autoritären Herrscher, der nicht von der Macht lassen konnte und das Recht solange beugte, bis er vergangenes Jahr noch einmal zur Wahl antreten konnte.

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