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Deutsche Industrie hofft auf Boliviens Lithium-Schatz

In Bolivien liegen die größten Lithiumvorkommen der Welt. Nach dem Wahlsieg des Linkspolitikers Luis Arce könnte das Land den Abbau des begehrten Rohstoffs in Angriff nehmen - zusammen mit deutschen Mittelständlern.

Bolivien, Salzsee, Lithium

Unter dem "Salar de Uyuni" in Bolivien, dem größten Salzsee der Welt, sollen bis zu 20 Millionen Tonnen Lithium liegen. Foto: Julia Taveras, CCO1.0

Eigentlich gibt die Mine nichts mehr her, aber die Kinder von Potosí versuchen trotzdem ihr Glück. In den Schächten des Cerro Rico, des "reichen Berges", graben sie nach den letzten Silberresten. Eine Ausstellung im Zentrum der bolivianischen Stadt, die 4000 Meter über dem Meeresspiegel liegt, zeigt ihr Elend.

Reich wurden in Potosí immer nur die anderen. Über Jahrhunderte ließ die spanische Krone hier so viel Silber abbauen, "dass man davon eine Brücke bis nach Europa bauen könnte", sagen die Bolivianer.

Bis zu 20 Millionen Tonnen Lithium

Während Boliviens Silbervorkommen fast völlig ausgebeutet wurden, sitzt das Land heute auf einem Bodenschatz, der noch weitgehend unberührt ist: Lithium. Der Salar de Uyuni ist der größte Salzsee der Welt. Darunter befinden sich bis zu 20 Millionen Tonnen des Rohstoffs, den die Industrieländer dringend für die Herstellung von Batterien brauchen. Es sind die größten Vorkommen weltweit.

Der Lithium-Schatz soll, anders als das Silber, den Bolivianern zugutekommen. "Die Geschichte von Potosí wird sich nicht wiederholen", sagt Juan Carlos Montenegro. Das war an einem sonnigen Freitag im April 2018 auf einer Bühne in der Innenstadt von Uyuni - einer Kleinstadt im Südwesten des Landes am Rande des Salzsees. Vor ihm haben sich Arbeiter, Soldaten und Schüler in traditioneller andiner Tracht versammelt.

Montenegro ist als Chef des staatlichen Lithium-Konzerns YLB gekommen, um den Startschuss für ein Megaprojekt zu geben. Zusammen mit Mittelständlern aus Deutschland sollen im Salar schon bald 40.000 Tonnen Lithiumhydroxid pro Jahr abgebaut werden - zu den Bedingungen Boliviens. "Mit dem Lithium beginnt die industrielle Epoche unseres Landes", so Montenegro damals.

Projekt könnte nach Protesten weitergehen

Zweieinhalb Jahre später liegt das viel beachtete Projekt auf Eis. Im November 2019 stoppte Boliviens damaliger Präsident Evo Morales das Abkommen mit den Deutschen per Dekret. Zuvor war es zu Protesten der Bevölkerung rund um Uyuni gekommen, die eine stärkere Beteiligung an den Geschäften forderte.

Morales floh ins Exil, (aus dem er am Montag zurückkehrte) der Lithium-Deal ging in den innenpolitischen Turbulenzen unter. Doch nach dem Wahlsieg des Linken Luis Arce - Wirtschaftsmnister unter Morales - steigen die Chancen auf einen Neustart.

"Wenn die deutsche Firma die Bedingungen anpasst, dann setzen wir die Zusammenarbeit fort", sagte Arce kurz nach seiner Wahl in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der Politiker gilt als Pragmatiker, der Bolivien in der Ära von Evo Morales wirtschaftlich öffnete und dem Andenstaat zu einem in Lateinamerika einmaligen Boom verhalf. Einer, der nicht nur weiß, auf welchem Reichtum Bolivien sitzt. Sondern auch, dass man Spezialisten aus dem Ausland braucht, um ihn zu heben. Umso größer sind nun die Hoffnungen auf deutscher Seite.

"Ein Projekt auf Augenhöhe"

Heiner Marx ist Vorstandschef des Thüringer Kali-Spezialisten K-Utec. Seine Firma sollte die Lithium-Förderanlangen in Uyuni bauen. Das Abkommen sei "ein Projekt auf Augenhöhe", betont Marx: "Wir haben Bolivien ein höchst interessantes Angebot gemacht, das auch soziale und ökologische Kriterien berücksichtigt. Ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung soll in der Region bleiben." Abfallprodukte im Herstellungsprozess könnten zu Dünger verarbeitet, Fachleute nach deutschem Vorbild vor Ort ausgebildet werden. Solarzellen sollen den Energiebedarf des Werks decken.

Marx spricht gar von einem "Segen für Bolivien", sollte das Projekt fortgeführt werden. Zugleich gesteht er ein, dass Chile und Argentinien, die neben Bolivien zum "Lithium-Dreieck" gehören, deutlich höhere Steuern auf den Abbau erheben. K-Utec ist dort bereits seit Jahren aktiv.

Nach mittlerweile "fast zwei verlorenen Jahren" in Uyuni wolle man sich mit Boliviens neuer Regierung nun einig werden, betont Marx. Daran sei nicht nur seine Firma interessiert, sondern die gesamte deutsche Industrie. Vor allem die Autohersteller VW, Daimler und BMW, die durch den Konkurrenten Tesla und höhere europäische Emissionsvorgaben unter Druck stehen und bald Millionen Elektrofahrzeuge auf den Straßen haben müssen.

Joint Venture unter bolivianischer Kontrolle

Ursprünglich waren in Uyuni Investitionen von 1,2 Milliarden Euro geplant. Ein Joint-Venture aus dem Staatskonzern YLB auf der einen und dem baden-württembergischen Projektentwickler ACISA sowie K-Utec auf der anderen Seite sollte bereits ab 2022 jährliche Zehntausende Tonnen Lithium aus dem Salz holen. 51 Prozent der Anteile sollten die Bolivianer halten, 49 Prozent die Deutschen. Die Laufzeit sollte bei 70 Jahren liegen.

Experten sehen gute Chancen für einen Neustart des Projekts - wenn die deutschen Firmen ihr Angebot aufbessern. "Dass Länder wie Bolivien einen höheren Anteil der Wertschöpfung im Land behalten möchten, ist verständlich und ein Trend, den wir auf den Rohstoffmärkten weltweit beobachten", sagt Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur.

Schmidt geht davon aus, dass sich der Lithiumbedarf Deutschlands in den kommenden fünf Jahren auf 31.000 Tonnen jährlich vervielfachen könnte. Allein der chinesische Konzern CATL käme für seine geplante Zellfertigung bei Erfurt auf einen Bedarf von bis zu 12.700 Tonnen pro Jahr.

Deutsches Wirtschaftsministerium bleibt vorsichtig

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte das Abkommen politisch flankiert. Zu einer Fortsetzung des Projekts möchte es sich nicht äußern. Auf DW-Anfrage schreibt das Haus von Wirtschaftsminister Peter Altmaier: "Die Bundesregierung hat deutlich gemacht, dass den Belangen der Umweltverträglichkeit der Lithiumgewinnung und der Wertschöpfung in Bolivien hohes Gewicht gegeben werden muss." Der Staatskonzern YLB lässt mehrere Anfragen der DW unbeantwortet.

Beim Bischof von Potosí habe man sich schon einmal erkundigt, wie man auf die Menschen in der Region finanziell zugehen könne, sagt Heiner Marx von K-Utec. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die deutschen Firmen am Ende doch noch zum Zug kommen. In der Zwischenzeit will die bolivianische Regierung sicherstellen, dass sich die Geschichte von Potosí nicht wiederholt.

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