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Brasilien: „Schwarze Frauen sind eine Gefahr für die Macht“

Mehr als zwei Jahre nach der weltweit mit Bestürzung aufgenommenen Ermordung der afrobrasilianischen Kommunalpolitikerin Marielle Franco erhält in Rio de Janeiro erneut eine Menschenrechtsverteidigerin massive Morddrohungen. Blickpunkt Lateinamerika hat mit der linksgerichteten Abgeordneten Taliria Petrone (PSOL) gesprochen.

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Die afrobrasilianische Politikerin Taliria Petrone aus Rio de Janeiro, Brasilien, erhält Morddrohungen. Foto: Tobias Käufer

Blickpunkt Lateinamerika:Frau Petrone, können Sie die Drohungen, die Sie erhalten konkret beschreiben?

Petrone: Seit Beginn meines öffentlichen Lebens als Stadträtin gibt es eine Serie politischer Gewalt. Einiges hat sich in Form von Drohungen widergespiegelt, anderes war mehr Ausdruck von Hass. Die Angriffe stammen ganz offensichtlich aus extremistischen Gruppen wie dem White-Supreme-Lager, so wie jene, die vor anderthalb Jahren aus dem "Deep Web" kamen. Die Polizei hat mich informiert, dass sie Informationen über geplante Mordanschläge gegen mich hat. Das bedeutet, dass sich das Risiko vergrößert hat. Das ist eine sehr ernste Sache.

Auf welche Weise erreichen Sie die Morddrohungen?

Sie erreichen mich auf verschiedene Art und Weise. Mal drohen sie am Telefon, mich umzubringen, mal kommen die Morddrohungen über das Internet.

Offensichtlich wird im “Deep Web“ auch über die Möglichkeit diskutiert, einen Auftragsmörder gegen Sie anzuwerben. Macht Ihnen das Angst?

Ja, es ist sehr besorgniserregend, was da im verborgenen Teil des Internets vor sich geht.

Glauben Sie dass diese Drohungen gegen Sie damit zusammenhängen, dass sie eng mit Marielle Franco zusammengearbeitet haben und ihre Politik fortsetzen möchten?

Dass die politische Gewalt in Brasilien groß ist und Personen verschiedener politischer Parteien erreicht, ist ein Fakt - daran habe ich keinen Zweifel. Offenbar ist es so, dass eine Afrobrasilianerin aus der Favela - und im Falle von Marielle handelte sich zudem noch um eine Frau, die eine andere Frau liebte - heutzutage nicht in die Institutionen passt. Die öffentliche Politik ist ein Raum der Macht, der schwarzen Frauen in der Geschichte verweigert wurde. Wenn also eine Afrobrasilianerin einen dieser Plätze besetzt, Themen wie die tödliche Polizeigewalt gegen junge schwarze Männer oder die Vorherrschaft der Sicherheitskräfte des Staates anspricht und eine seriöse öffentliche Politik einfordert, dann ist diese schwarze Frau unbequem.

Eine schwarze Frau ist jemand, der eine Stimme hat und jene Stimmen hörbar macht, die in den betreffenden Territorien immer zum Schweigen gebracht wurden. Deshalb bedroht eine afrobrasilianische Politikerin die Macht, und die Macht will diese Bedrohung beseitigen. Wir erleben einen Moment, in dem es notwendig wird, dass diese Frauen, die sich für diesen Kampf zur Verfügung stellen, über neue Strategien für die Sicherheit nachdenken. Sie müssen sichtbar gemacht werden, weil die aktuelle politische Lage für diese Frauen sehr bedrohlich ist.

Und wie soll das gelingen?

Wir sind diejenigen, die mit den solidarischen Netzwerken begonnen haben. Wenn zum Beispiel Lebensmittel fehlen, wenn Geld für eine Busfahrt fehlt, dann hilft eine Nachbarin aus. Wenn eine Kinderbetreuung fehlt, weil eine von uns im Haus einer reichen Weißen arbeitet, dann passt die andere auf. Ich sage dies, weil wir diese Erfahrungen und Solidarität in die Politik hineintragen müssen. Niemals war es so notwendig wie jetzt, die Teilnahme von Afrobrasilianerinnen an antirassistischen Programmen und ihre Präsenz in institutionellen Räumen zu unterstützen. Wir müssen mehr schwarze Frauen sichtbar machen.

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