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Lateinamerikas Fußball braucht einen Neustart

Im Stadion Maracana in Rio de Janeiro feuern Fans der lokalen Mannschaft Flamengo ihr Team bei einer Begegnung gegen die Mannschaft Vasco da Gama an. Foto: Adveniat/Henning.
Im Stadion Maracana in Rio de Janeiro feuern Fans der lokalen Mannschaft Flamengo ihr Team bei einer Begegnung gegen die Mannschaft Vasco da Gama an. Foto: Adveniat/Henning.

Der Grund dafür liegt vor allem in seinen skrupellosen Managern. Ob bei den Fußball-Giganten Argentinien oder Brasilien oder den vermeintlichen Zwergen Nicaragua oder Guatemala: Quer durch alle Verbände zieht sich ein Maß an Korruption, dass selbst die hartgesottensten Fans nicht für möglich gehalten hätten.

Alles auf diesem Kontinent ist marode: Es fehlt an modernen Stadien, weil die Funktionäre die Millionen-Gewinne lieber in die eigenen Taschen stecken, als in nachhaltige Infrastruktur zu investieren. Es fehlt an einem Sicherheitskonzept, weil die nur auf sich fixierten Liga-Bosse einfach keine Lust haben, sich mit den gewaltbereiten und auch tatsächlich gewaltausübenden Ultras auseinanderzusetzen, schlimmer noch: Sie gehen mit ihnen wie in Argentinien oder Brasilien sogar unheilvolle Allianzen ein. Apathisch schauen die Funktionäre zu, wenn Klubs aus Kolumbien oder Mexiko zur Geldwäschestation von Drogenkartellen werden.

Und obendrein kauft das durch die lukrativen TV-Verträge steinreiche Europa jedes lateinamerikanische Talent weg. Mehr als 700 Profis werden allein aus Brasilien jedes Jahr in alle Ligen der Welt verkauft, beispielsweise auch in die zweite thailändische Liga.

Profis spielen nicht im eigenen Land

Die Konsequenz: Leere Stadien, weil sich verantwortliche Eltern nicht mehr trauen, mit ihren Kindern ins Stadion zu gehen. Und weil die Qualität unter dem "Fachkräftemangel" leidet. Um es einmal überspitzt zu formulieren: Wie zu Kolonialzeiten beutet Europa die Neue Welt aus. Beispiel gefällig: Kolumbiens Nationalmannschaft gespickt mit Superstars von Real Madrid, dem FC Chelsea oder Manchester United steht in der Weltrangliste auf Rang drei. Die nationale kolumbianische Liga aber gleicht einem Trauerspiel. Kaum Zuschauer, immer wieder - auch tödliche - Ausschreitungen, leere Stadien. Während die fußballbegeisterte Masse nachmittags in Bogota vor dem Fernseher sitzt und Real Madrid schaut, geht die nationale Liga den Bach hinunter. In Honduras wurde sogar schon einmal überlegt, die Liga ganz dicht zu machen, weil sowieso alle nur nach Barcelona und Madrid schauen. So geht die Schere jedes Jahr weiter auseinander. Globalisierungsgegner finden hier jedes Argument, das ihre Kritik bestätigt.

Und die bei der WM gefeierten Nationalmannschaften? Die gibt es kaum noch zu sehen, weil dubiose Vermarktungsagenturen, deren Manager nun ebenfalls per Haftbefehl gesucht werden, die Stars aus Brasilien, Argentinien oder Kolumbien lieber nach Singapur oder Dubai schicken. Hier schaut den Verbandsfunktionären bei den Abrechnungen niemand über die Schulter. Die Fans in der Heimat müssen so jahrelang auf ein Heimspiel ihrer Stars warten.

So wie in Brasilien: Die vielen neuen mit Steuermillionen erbauten WM-Stadien in Brasilien haben seit der WM 2014 kein Heimspiel der Selecao mehr gesehen, weil die überall auf diesem Planeten spielt, nur nicht im eigenen Land.

Chance auf einen Neuanfang

Lateinamerikas Vereinsfußball ist schon lange von Europas Vorzeigeligen abgehängt worden. Helfen können nur schwere abschreckende Strafen und ein personeller Neuanfang auf allen administrativen Ebenen. Deswegen hat dieser immense Skandal auch etwas Gutes. Die Justiz nimmt nun endlich einmal die mafiösen Strukturen im heimischen Fußball ins Visier, und an der Spitze der oft jahrzehntelang von Einzelpersonen dominierten Verbände kommt es zu einem personellen Neuanfang. Und noch etwas ist bemerkenswert: Aufgedeckt haben den Skandal übrigens die in Lateinamerika so misstrauisch beäugten US-Behörden. Das ist eine schallende Ohrfeige für alle Staatsanwaltschaften von Acapulco bis Feuerland.

Autor: Tobias Käufer, Bogota

Siehe auch: "Stoppt Korruption im Sport!" - Adveniat fordert angesichts der FIFA-Korruptionsaffäre mehr Transparenz und die Überprüfung des Handels mit TV-Sportrechten