Antonio Skarmeta über seinen Freund Neruda
Der chilenische Autor Antonio Skármeta legte vor mehr als einem Vierteljahrhundert den weltweiten Bestseller „Mit brennender Geduld“ („Ardiente paciencia“) vor. Darin erzählte er, wie der Dichter Pablo Neruda einem schüchternen Postboten hilft, das Herz seiner Angebeteten zu erobern. Skármeta setzte Neruda mit dem Roman ein Denkmal und drückte seine Hochachtung vor dessen politischen und künstlerischen Leistungen aus. Nun ist die deutsche Übersetzung eines bereits 2004 auf Spanisch erschienenen Sachbuchs erhältlich.
Kurzbiographie und vielfacher Ausdruck von Begeisterung
Das Buch „Mein Freund Neruda“ („Neruda por Skármeta“) ist eine Art Zwitter. Im ersten Teil ist es ein leichthändiger biographischer Abriss, der zwei Aspekte in den Mittelpunkt rückt: Die Wirkung von Nerudas Poesie auf seine Leser, besonders auf die „einfachen“, literarisch ungebildeten Menschen, sowie Nerudas Einsatz für die von Salvador Allende geführte Regierung Chiles. Geprägt ist diese kurze Lebensgeschichte durch die persönliche Begeisterung Skármetas für seinen Vorbild und die anekdotischen Elemente, die sich auf die (wenigen und kurzen) Begegnungen der beiden Männer beziehen.
Skármeta präsentiert Erinnerungen, die Zeugnis von Pablo Nerudas Einfluss als Mensch und als Schriftsteller geben. So sollen beispielsweise die Zuhörer einer politischen Rede, die Neruda 1969 im Rahmen seiner Kampagne zur Präsidentschaftswahl gehört hatten, ihn mit dem Ruf „Gedichte, Gedichte, wir wollen Gedichte!“ nicht mehr von der Bühne gelassen haben. Dass eine große Menschenmenge im Politiker vor allem den Dichter erkannte, hat den jungen Skármeta tief beeindruckt. Neruda habe seit der Veröffentlichung seines frühen Zyklus „Zwanzig Liebesgedichte“ („Veinte poemas de amor y una canción desesperada“, 1924) vielen Chilenen die Möglichkeiten aufgezeigt, Gefühle in sprachliche Bilder und Tropoi zu fassen. Einzelne Passagen seien aus seinen Werken herausgetrennt und kollektiv memoriert worden. Sie zirkulierten bis heute mündlich in Chile, etwa die bekannte Zeile aus dem „Gedicht Nummer 20“: „So kurz dauert die Liebe und so lang das Vergessen.“ („Es tan corto el amor, y es tan largo el olvido.“)
Auswahl aus Nerudas Lyrik
Im zweiten Teil des Buches liefert Antonio Skármeta Interpretationen, Anmerkungen und Einlassungen zu 20 Gedichten aus Nerudas Gesamtwerk. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, mit der er die etablierte Literaturwissenschaft und die professionelle Kritik teils ergänzt, teils auch heftig anfährt. So setzt er sich etwa für die von der Literaturkritik verschmähten Gedichte aus Nerudas letzter Lebensphase ein („Wintergarten“, „Jardín de invierno“), in der der Dichter an Krebs erkrankt war und den Putsch rechtsgerichteter Militärs miterleben musste. Skármeta hält viel von diesen Versen, weil sie Hinweise auf die Vergänglichkeit des Lebens und auf die Trauer über ein bevorstehendes Unheil in sich tragen.
Der Band „Mein Freund Neruda“ stellt keine systematische Hinführung auf das Werk des großen Lyrikers dar. Er ist eher eine Hommage an ihn und eine dringliche Empfehlung, sich einmal wieder mit seinen Gedichten zu beschäftigen.
Thomas Völkner
Antonio Skármeta: Mein Freund Neruda
Übersetzung: Petra Zickmann
München: Piper-Verlag 2011
223 Seiten, EUR 19,95
ISBN 978-3-492-04845-3