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Brasilien |

Tod im Supermarkt – Proteste gegen Rassismus in Brasilien

In Brasilien haben weiße Sicherheitskräfte eines Supermarkts einen Schwarzen totgeprügelt. Der Fall sorgt für Protest in zahlreichen Städten des Landes und löst eine Debatte über strukturellen Rassismus aus.

Afrobrasilianer protestieren vor Carrefour Supermarkt in Rio de Janeiro. Foto: Tobias Käufer/ Adveniat

Diese per Überwachungskamera festgehaltenen Sekunden sind nur schwer zu ertragen: Zwei weiße Sicherheitskräfte schlagen im Kaufhaus Carrefour in Porto Alegre auf den am Boden liegenden Afrobrasilianer João Alberto Silveira Freitas (40) ein. Vier Minuten blieb er offenbar ohne Atemluft. Seine Schreie – aus Schmerz und Angst – sind deutlich zu hören. Um ihn herum Dutzende entsetzte Passanten, die die Szene filmen, während João Alberto schwer verletzt um sein Leben ringt. Der vierfache Vater, der im Dezember erneut heiraten wollte, überlebte diese tödliche Auseinandersetzung nicht. Freunde des Opfers forderten laut „O Globo“ Ermittlungen gegen den Supermarkt. Es sei nicht der erste rassistisch motivierte Vorfall gewesen.

Brasiliens "Black Lives Matter" 

Nun geht eine Wutwelle durch Brasilien, die an die „Black Lives Matter“ Bewegung in den USA erinnert. Auf der riesigen Avenida Paulista in São Paulo malten Aktivisten den Schriftzug „Vidas Pretas Importam“ (Schwarze Leben zählen) auf den Asphalt. Einige der Kaufhäuser der französischen Supermarktkette wurden von wütenden Demonstranten attackiert und verwüstet, in anderen zeigen vor allem Afrobrasilianer auf mitgebrachten Plakaten friedlich ihren Unmut über die Brutalität des Sicherheitspersonals mit dem Opfer.

Vizepräsident Hamilton Mourao, ein ehemaliger General, bedauerte den Tod des Mannes, schloss aber die Existenz von strukturellem Rassismus in Brasilien aus: „Das ist eine Sache, die sie importieren wollen, das gibt es hier nicht. Ich sage Ihnen in alle Ruhe, es gibt keinen Rassismus.“ Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro erklärte, es gäbe Kräfte, die die Diversität des brasilianischen Volkes zerstören und an seine Stelle den Konflikt, den Hass und die Spaltung der Rassen setzen wollten. Immer stets auf der Suche nach der Macht. Aber die Freiheit des brasilianischen Volkes sei nicht verhandelbar.

Menschenrechtsorganisationen und das UN-Büro in Brasilien sehen das allerdings anders. Die UN zeigten sich besorgt und sehen in dem Vorfall durchaus den Beweis für Rassismus in Brasilien.

Der Fall emotionalisiert die Brasilianer gleich auf mehrfache Weise: Da ist der französische Konzern Carrefour, der stellvertretend für die mächtigen kolonialen Strukturen steht, die das Land immer noch dominieren. Da ist die afrobrasilianische Bevölkerung, die täglich am eigenen Leib die strukturelle Benachteiligung erlebt, sei es bei der Bewerbung um den Arbeitsplatz, schlechtere Schulen, schlechte Infrastruktur oder eben als potentiell Verdächtige für Polizei oder private Sicherheitsdienste, die es zu eliminieren gilt. 

Rassismusvorwürfe gegen französischen Supermarkt

Die Menschenrechtsorganisation „EDUCAFRO“ fordert als Reaktion auf den Vorfall in Porto Alegre deshalb die Umsetzung eines Zehn-Punkte-Plans, darin enthalten sind eine zwingende Anti-Rassismus-Schulung für Sicherheitspersonal in Kaufhäusern und ein Ultimatum an Carrefour. Das Unternehmen soll bis Ende März nächsten Jahres 30 Prozent aller Posten auf der mittleren und höheren Führungsebene mit afrobrasilianischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzen und zehn Prozent des Jahresgewinns in den antirassistischen Kampf investieren. Carrefour läuft derweil Gefahr zum Symbol für den Rassismus im Land zu werden. Laut „Folha“ wurde das Unternehmen aus der Unternehmer-Initiative für ethnische Gleichheit ausgeschlossen. Und die Demonstranten im ganzen Land von den Carrefour-Zentralen rufen: „Carrefour Mörder“.

Da hilft es wenig, dass der Konzern darauf verweist, dass das Sicherheitspersonal von einer Dritt-Firma gestellt wurde. Die wiederum präsentierte am Wochenende ein Video, das ihre Mitarbeiter entlasten soll. Es zeigt, wie João Alberto unbewaffnet und eigentlich auch völlig unbeteiligt auf seine Frau wartend im Ausgangsbereich des Supermarktes steht. Dann kommt eine weiße Mitarbeiterin des Supermarktes und weist das Sicherheitspersonal an, João Alberto nach draußen zu schicken. João Alberto folgt der Aufforderung widerstandslos. Unmittelbar vor Verlassen des Supermarktes schlägt er allerdings unvermittelt einen der beiden Sicherheitskräfte. Daraus entwickelt sich der folgenreiche tödliche Kampf auf dem Boden, der nun ganz Brasilien aufwühlt.

Autor: Tobias Käufer 

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