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Studie beleuchtet die Verbindung zwischen VW und der Diktatur

Es war der Verkaufsschlager von Volkswagen: der Käfer. (Symbolbild) Foto: Adveniat/Hoch
Es war der Verkaufsschlager von Volkswagen: der Käfer. (Symbolbild) Foto: Adveniat/Hoch

„VW do Brasil in der brasilianischen Militärdiktatur 1964 - 1985 - Eine historische Studie“ lautet der Titel des 116 Seiten starken Berichts, den der Historiker Christopher Kopper von der Universität Bielefeld am Donnerstag, 14. Dezember 2017, auf dem Werksgelände von VW in São Bernardo do Campo präsentierte.

Rund ein Jahr intensive Arbeit hatte Kopper in den Bericht gesteckt. Den Anstoß zu der Untersuchung hatte 2014 der Bericht der Wahrheitskommission über Menschenrechtsverletzungen geliefert. Darin wurde erklärt, dass VW do Brasil gemeinsam mit der Politischen Polizei gegen gewerkschaftlich organisierte Arbeiter vorgegangen seien.

Viele Akten wurden vernichtet

Bereits zu Beginn stellt der Bericht klar, dass aufgrund der großen Zahl an vernichteten Akten eine Kooperation zwischen dem VW-Werkschutz und den Sicherheitsbehörden nur ansatzweise nachzuweisen sei. Sowohl bei VW wie auch bei den Behörden seien wichtige Unterlagen vernichtet worden. Allerdings sei klar, dass es zwischen 1969 und 1979 zu einem „regelmäßigen Informationsaustausch“ zwischen dem VW-Werkschutz und den Sicherheitsorganen gekommen sei. Ob der Austausch durch eine schriftliche Vereinbarung untermauert wurde, sei aufgrund fehlender Unterlagen nicht mehr zu rekonstruieren.

Erste Hinweise auf die Zusammenarbeit stammen vom 16. Juni 1969, als der Werkschutz die Behörden über das Auftauchen subversiver Flugblätter auf dem Werksgelände informierte. Bei mehreren weiteren Gelegenheiten wurden in den folgenden Jahren Gewerkschaftszeitungen bei VW gefunden, in denen zu Streiks aufgerufen wurde. Zudem wurden darin die Arbeitsbedingungen bei VW kritisiert.

Lucio Bellentani war elf Monate inhaftiert

Namen und Daten mehrerer Verdächtiger seien daraufhin vom Werkschutz an die Behörden übergeben worden. Um eine kommunistische Zelle unter den VW-Mitarbeitern zu sprengen, wurden so Anfang 1972 Informationen über 28 Arbeiter an die Behörden weitergereicht, darunter über den Werkzeugmacher Lucio Bellentani. Mitte 1972 wurden Bellentani und fünf weitere Arbeiter von der Polizei verhaftet. Zwar sei der Werksschutz nicht in der Position gewesen, die Verhaftungen auf dem Werksgelände zu untersagen. Dass die anschließenden Verhöre und Misshandlungen jedoch bereits auf dem VW-Gelände begangen wurden, hätte VW durchaus verhindern können, so Kopper.

Für die Verhafteten jedenfalls begann hiermit ein mehrwöchiges Martyrium von Verhören und Folter durch die Sicherheitsbehörden. Sowohl die Leitung von VW do Brasil wie auch die VW-Führung in Deutschland seien durch einen Bericht des Werksschutzes von den Aktionen der Polizei inklusive der Verhaftungen auf dem VW-Gelände informiert worden, so Kopper. Nach ihrer Freilassung durch die Polizei - Bellentani war mit elf Monaten Inhaftierung der am längsten festgehaltene Arbeiter gewesen - erhielten die Arbeiter von VW ihre Kündigungen. In den darauffolgenden Jahren hatten sie es schwer, eine neue Anstellung in der Metallbranche zu finden.

Werkschutz wollte Streiks unterdrücken

Im Jahr 1978 wurde eine weitere VW-Mitarbeiterin von der Polizei festgenommen. Inwieweit der Werkschutz daran beteiligt war, ließe sich nicht mehr rekonstruieren, so der Bericht. Der Werkschutz versuchte jedoch aktiv, die Streiks der Metaller Ende der 70er Jahre zu unterdrücken. Zudem wurden die Daten von Streikenden an die Politische Polizei weitergereicht. Dies führte zu weiteren Festnahmen von VW-Arbeitern. Der Werkschutz soll zudem regelmäßig Berichte über Gewerkschaftsaktivitäten an die Sicherheitsorgane weitergeleitet haben. Ein Bericht des Werkschutzchefs Ademar Rudge an die VW-Leitung aus dem Jahr 1974 legt nahe, dass der Werkschutz die Mitarbeiter auch außerhalb des VW-Geländes beobachtete und die dabei gesammelten Informationen an die Behörden weiterleitete.

Auch zu dem Rio-Cristalino-Projekt im Amazonaswald äußert sich der Bericht. Von 1973 bis 1987 unterhielt VW eine riesige Farm im Süden des Amazonasbeckens, die für die Haltung von bis zu 110.000 Stück Vieh ausgelegt war. Anfang der Achtzigerjahre hatten Medien jedoch über unmenschliche Arbeitsbedingungen auf der Farm berichtet.

Moderne Sklaverei wird im Bericht verkennt

Kopper bestätigt die unwürdigen Arbeitsbedingungen der rund 600 Wanderarbeiter, die in Schuldknechtschaft lebten und unter Gewaltanwendung zur Arbeit gezwungen wurden. Trotzdem widerspricht der Historiker damaligen Berichten, die von Sklaverei auf der Farm sprachen. Da die Arbeiter kein „Eigentum“ der Arbeitsvermittler waren, könne man nicht von „Sklaven“ sprechen. Damit verkennt Kopper die allgemein anerkannten Definitionen zu moderner Sklaverei. Kopper bestätigt zudem den Einsatz von gesundheitsschädlichen Entlaubungsgiften (Agent Orange) zur Rodung der Wälder. Insgesamt könne man VW eine indirekte Schuld und „erhebliche mittelbare Verantwortung“ für die unwürdigen Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter geben, so Kopper.

Auch zum Fall Franz Paul Stangl äußert sich der Bericht. Der ehemalige Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka war von 1959 bis 1967 bei VW beschäftigt gewesen. VW sei die Nazi-Vergangenheit Stangls nicht bekannt gewesen, so das Urteil Koppers. Die Behauptung der brasilianischen Wahrheitskommission, VW habe von Stangls Vergangenheit gewusst, sei damit falsch.

Teilweiser Freispruch für VW - Kritik am Bericht

Insgesamt kommt der Bericht einem teilweisen Freispruch VWs gleich. So sei die Zusammenarbeit zwischen Werkschutz und der Diktatur hauptsächlich auf Betreiben des Werkschutzchefs Ademar Rudge erfolgt. Aus politischer Loyalität gegenüber den Militärs habe die VW-Leitung in Brasilien das Verhalten geduldet. Gleichzeitig habe sich die VW AG in Deutschland nicht für die Vorgänge in Brasilien interessiert. Erst nach einem 15-tägigen Streik im dortigen VW-Werk habe man ab 1979 begonnen, sich für die Bedingungen der Arbeiter in Brasilien zu interessieren.

Die Präsentation des Berichts war in einen festlichen Rahmen eingebettet. In Gedenken an die Menschenrechtsvergehen während der Diktatur wurde eine Gedenkplakette auf dem VW-Gelände enthüllt. Zudem erklärte VW, die Menschenrechtsarbeit in Brasilien von nun an stärken zu wollen; als erstes Projekt werde man sich für sozial schwache Kinder und Jugendliche einsetzen.

Während des festlichen Events am Donnerstagmorgen protestierten ehemalige VW-Arbeiter vor dem Werksgelände, darunter mehrere in den Siebzigerjahren verhaftete und gefolterte Arbeiter. Man wolle kein Fest, sondern Gerechtigkeit, forderten die Arbeiter, darunter Lucio Bellentani. Der Bericht sei pures Marketing von VW, so der 63-jährige Tarcísio Tadeu. Man setze darauf, dass sich VW vor den brasilianischen Gerichten zu seiner Rolle während der Diktatur verantworten werde. Bisher habe man keinerlei offizielle Entschuldigung von VW erhalten. Solange die nicht erfolgt, werde man den Kampf gegen VW weiterführen, so Tadeu.

Autor: Thomas Milz

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