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Rafael Cardoso: Das Vermächtnis der Seidenraupen

Foto: Buchcover-Zuschnitt/S. Fischer Verlag.
Foto: Buchcover-Zuschnitt/S. Fischer Verlag.

Es handelt sich um die Geschichte einer Familie, verrät der Untertitel, und im Vorwort des Autors erfahren wir dann, dass es sich um die Geschichte der Familie seines Vaters handelt.

Cardosos Urgroßvater, Hugo Simon mit Namen, stammte aus Berlin, war Sozialdemokrat und einst preußischer Finanzminister. Der Bankier spielte zudem eine wichtige Rolle in der Kunst- und Kulturszene der Weimarer Republik.

In São Paulo, im Haus von Hugo Simons Kindern, seinen Großeltern, fand Rafael Cardoso einen wahren Schatz an Fotografien, Briefen und anderen historischen Dokumenten. Sie wurden zu Teilen eines Puzzles, das Cardoso bei Recherchen in Berlin vervollständigte. Und in Berlin schrieb er auch das Buch.

Spurensuche mit Puzzlestücken

In sogenannten Zwischenspielen erläutert er, wie er nach und nach den Familiengeheimnissen auf die Spur kam. Das Ergebnis ist ein lesenswerter Roman, der fünfzehn Jahre deutscher und brasilianischer Geschichte so nachempfindet, wie sie Cardosos Familie auf der Flucht erlebt haben könnte. Dem heutigen Leser mutet das lebendig geschriebene Buch wie ein Abenteuerroman an. Und lässt sofort an die Flüchtlinge denken, die derzeit in Deutschland Zuflucht suchen.

Cardoso erzählt chronologisch. So führt der Roman zunächst in das Berlin des Jahres 1930, auf eine Abendgesellschaft im hochherrschaftlichen Haus von Hugo Simon und seiner Frau Gertrud. Die Crème de la Crème war da, Verleger Sammy Fischer, Graf Harry Kessler, und auch Albert Einstein fehlte nicht.

Angst in der Heimat

Die ersten Kapitel des Romans zeigen Hugo Simon in seinem Ambiente, als jemanden, der eine wesentliche Rolle spielt im intellektuellen und kulturellen Berlin. Es scheint zunächst unvorstellbar, dass dieser wohlhabende und bestens vernetzte Mann nur wenige Jahre später aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie Deutschland würde verlassen müssen.

Rafael Cardoso erzählt sehr eindringlich, wie die Stimmung in Berlin allmählich zugunsten der Nationalsozialisten umschlägt, und wie es sich für Hugo und Gertrud Simon und ihre jüngere Tochter Annette anfühlt, wenn man im eigenen Land plötzlich um sein Leben fürchten muss.

Die Simons fliehen zunächst nach Paris, wo bereits Autor Cardosos Großeltern, Simons ältere Tochter Ursula und ihr Mann Wolf Demeter leben. Hugo Simon ist dort in der deutschen Immigrantenszene politisch aktiv, bis die Nazis Frankreich besetzen und die Familie mit gefälschten Pässen erneut fliehen muss. Dieses Mal nach Brasilien.

Deutsche nicht Willkommen

Doch auch dort leben die Simons in der Angst, als Illegale ausgewiesen und nach Deutschland deportiert zu werden. Die Lage für Deutsche in Brasilien war damals nicht gut, ob sie nun Nazis waren oder nicht. Überall im Land attackierte man deutsche Geschäfte und Restaurants. In Rio Grande do Sul und Santa Catarina hatte man sogar versucht, deutsche Staatsbürger zu lynchen.

Mit dem Kriegsende endet auch der Roman. Nun war zumindest die Gefahr gebannt, doch noch in der alten Heimat in einem Konzentrationslager zu sterben. Doch zu altem Ansehen gelangte Hugo Simon nicht wieder. Er widmete sich in Brasilien der Zucht von Seidenraupen.

Autorin: Eva Karnofsky, Foto: Buchcover-Zuschnitt/S. Fischer Verlag.

Rafael Cardoso: Das Vermächtnis der Seidenraupen. Aus dem Englischen und Portugiesischen von Luis Ruby. S. Fischer Verlag, 572 Seiten, 25,00 Euro.