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Ohrfeige mit Samthandschuhen - Kommentar zur Wahl in Bolivien

Die Bolivianer haben "ja" gesagt zum Sozialismus und "nein" zur Vetternwirtschaft. Sandra Weiss ist für Blickpunkt Lateinamerika vor Ort und kommentiert den Ausgang der Wahl in Bolivien.

Bolivien, MAS, La Paz

Teilnehmer einer Kundgebung in La Paz unterstützen die linksgerichtete Partei MAS (Movimiento al Socialismo). Archivfoto (2018): Adveniat/Martin Steffen

So sieht eine elegante Ohrfeige mit Samthandschuhen aus: Ganze 20 Punkte Vorsprung erreichte Luis Arce von der Bewegung zum Sozialismus (MAS) vor seinem bürgerlichen Gegner Carlos Mesa am Sonntag, 18. Oktober 2020, bei der Wahl in Bolivien. Damit rückt das Andenland nur ein Jahr nach dem erzwungenen Machtwechsel wieder nach links. Gleich mehrere Lektionen haben die Bolivianer ihrer politischen Elite mit diesem Ergebnis erteilt. Zum einen ist es eine klare Absage an die rechte Interimsregierung, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollte und mit rassistischen Sprüchen ebenso unangenehm auffiel wie mit dem Zusammenstreichen sozialer Errungenschaften, Korruption und einem inkompetenten Krisenmanagement in der Pandemie. Ihr Diskurs vom kommunistischen Schreckgespenst verfing bei den Bolivianern nicht.

Politische Vertreter müssen Indigene repräsentieren

Zum zweiten muss derjenige, der in Bolivien regieren will, die indigene Bevölkerung repräsentieren oder zumindest einbeziehen. Das gelang der gemäßigten Opposition um Mesa nicht. Noch vor einem  Jahr hatte Mesa nur knapp zehn Punkte hinter Evo Morales gelegen, dem Ziehvater von Arce. Doch während der etwas trocken und arrogant wirkende Universitätsprofessor gegenüber dem autoritär abdriftenden Evo als einzige demokratische Alternative auch bei vielen Indigenen punkten konnte, gelang ihm das mit dem Technokraten Arce als Gegner deutlich schlechter. Bei Debatten wirkten die beiden fast wie ungleiche Brüder, nicht wie Antagonisten.

Zum dritten ist es ist die fünfte Niederlage in Folge einer bürgerlichen Opposition, die in ein moderates und ein rechtsextremes Lager unter dem Drittplatzierten Fernando Camacho gespalten ist. Beide wirken ad hoc und improvisiert, keine von beiden hat es geschafft, auch nur annähernd so solide Parteistrukturen im ganzen Land zu etablieren wie die MAS.

Ja zum Sozialismus - Nein zur Vetternwirtschaft

Aber auch die für die MAS bringt das Ergebnis Lehren. Die Bolivianer haben “ja” gesagt zu einem Sozialismus, der ihnen im Gegensatz zu den Bruderländern in Kuba, Venezuela und Nicaragua wirtschaftliches Wachstum und sozialen Aufstieg gebracht hat. Sie haben “nein” gesagt zur Vetternwirtschaft und dem autoritären Abdriften eines Evo Morales. Das hat der als Ökonom kühl kalkulierende Arce verstanden. Ob er sich auch aus dem Würgegriff seines Übervaters befreien kann, steht auf einem anderen Blatt. Denn der MAS steht nun an vielen Fronten eine Bewährungsprobe bevor: Arce muss beweisen, dass er nicht nur im Boom, sondern auch in einer Rezession erfolgreiche Wirtschaftspolitik betreiben kann – das ist ungleich schwieriger. Und er muss eine MAS zusammenhalten, die mit zum Teil kriminellen Seilschaften verfilzt ist und die immer weiter in einen Evo-Fanclub und einen Reformflügel auseinanderdriftet.

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