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Kuba forscht an Impfstoffen gegen Corona

Kuba arbeitet an der Entwicklung eines eigenen Impfstoffs zur Bekämpfung des neuen Coronavirus. Gleichzeitig verhandelt der Karibikstaat mit Russland über die Produktion des dort entwickelten Impfstoffs auf der Insel. 

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Kuba forscht derzeit an vier Covid-19-Impfstoffen. Foto (Symbolbild): Universidad Magallanes, CCO1.0

Es war nur ein kurzer Nebensatz, der die kubanischen Fernsehzuschauer aufhorchen ließ. Es gebe verschiedene Länder, die an einem Coronaimpfstoff forschten, wie Russland, China, die USA oder Großbritannien, sagte Kubas Chef-Epidemiologe, Dr. Francisco Durán García, am Dienstag in seiner täglich live übertragenen Pressekonferenz, „auch unser Land arbeitet daran“.

„Das Erreichen eines wirksamen Impfstoffs gegen COVID-19 hat für unser gesamtes Wissenschafts- und Innovationssystem bei BioCubaFarma Priorität. Heute sehen wir am Finlay Institut, wie solide und schnelle Fortschritte in diesem Projekt erzielt wurden“, twitterte derweil Dr. Eduardo Martínez Díaz, Präsident des kubanischen Biotechnologie-Unternehmens BioCubaFarma. „Diese Fortschritte sind zweifellos ermutigend und wir werden jeden Schritt erfüllen, der für ein Projekt dieser Art erforderlich ist.“

Kuba forscht an vier Impfstoffen

Am Finlay Institut, einem staatlichen Wissenschaftszentrum in Havanna, das sich der Forschung und Herstellung von Impfstoffen widmet, arbeiten nach Informationen der staatlichen Presse kubanische Wisschenschaftler derzeit an vier möglichen Impfstoffen, von denen eine in Testversuchen weit fortgeschritten sei. Die kubanische Biotechnologie hat viel Erfahrung in der Entwicklung von Impfstoffen. Acht der dreizehn zum kubanischen Impfschema gehörenden Vakzine werden auf der Insel selbst hergestellt. Diese Erfahrung wird für die Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-Cov-2 nützlich sein.

„Angesichts der Ungewissheit der Pandemie in der Welt haben wir zwei Prioritäten: die Fähigkeit zu schnellem und massivem Testen, das eine epidemiologische Überwachung ermöglicht, und die Entwicklung spezifischer Impfstoffe, die zur Bekämpfung der Krankheit in unserem Land beitragen“, erklärte Dr. Rolando Pérez Rodríguez, Direktor für Wissenschaft und Innovation bei BioCubaFarma am Dienstagabend in einer Sondersendung im kubanischen Fernsehen. Auf Kuba wird an Impfstoffen mit unterschiedlichen technologischen Plattformen gearbeitet, und es würden günstigere Diagnosemethoden in nationaler Produktion gesucht, um technologische Unabhängigkeit zu erreichen, so Pérez.

„Ich bin sicher, dass sie es schaffen werden“, zeigte sich Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel per Twitter zuversichtlich, dass die Herstellung eines eigenen Impfstoffes gelingen werde.

Joint Venture mit Russland?

Unabhängige Experten halten dies für möglich, da Kuba im Gegensatz zu vielen Entwicklungsländern über eine leistungsstarke Biotechnologiesparte und eigene Labors verfügt. „Kuba produziert fast achtzig Prozent der Impfstoffe, die im Rahmen des Nationalen Immunisierungsprogramms verwendet werden. Dies ist die Fähigkeit des Landes, Impfstoffe herzustellen. Es gibt das Finlay Institut und es gibt einen großen Bereich technologischer Innovationen“, sagt der Kuba-Direktor der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO), der Chilene José Moya.

Russischen Berichten zufolge gehört Kuba zu jenen Ländern, die den von russischen Wissenschaftlern entwickelten Sputnik V-Impfstoff gemeinsam herstellen könnten. Die Ankündigung des russischen Impfstoffs hatte diese Woche für Aufsehen gesorgt und war auf viel Skepsis und Kritk gestoßen, da für die Zulassung Phase Drei der klinischen Erprobung überspungen wurde. In dieser Phase werden üblicherweise Tausende von Probanden geimpft, um Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen zu testen. Erst danach wird entschieden, ob ein Impfstoff zugelassen wird oder nicht.

„Kuba verfügt über hervorragende Fähigkeiten zur Herstellung von Impfstoffen. Wir diskutieren den Produktionsstart mit mehreren kubanischen Unternehmen. Wir glauben, dass Kuba eines der wichtigsten Zentren für die Impfstoffproduktion werden kann“, so Kirill Dmitriev, Direktor des russischen Staatsfonds Russian Direct Investment Fund (RDIF), der das russische Impfprojekt finanziert hat, in einer Videopressekonferenz. Laut Dmitriev könnte die Herstellung des russischen Impfstoffs in Kuba im November beginnen, „wenn wir gut mit der kubanischen Regierung und den Unternehmen zusammenarbeiten“.

Neuer Lockdown in Havanna

Derweil verhängte die kubanische Regierung angesichts steigender Infektionszahlen zu Wochenbeginn einen neuerlichen Lockdown über Havanna. Restaurants, Bars und Schwimmbäder wurden wieder geschlossen, der öffentliche Nahverkehr ausgesetzt und Strände gesperrt. Nachdem am 20. Juli erstmals seit Auftreten der ersten Corona-Fälle auf der Insel Anfang März null Neuinfektionen vermeldet wurden, sind in den vergangen Tagen die Fallzahlen wieder stark angestiegen. Dr. Raúl Guinovart Díaz, Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik der Universität von Havanna, rechnet mit einem weiteren Ansteigen der Fälle in den kommenden Tagen. Den Höhepunkt der neuerlichen Infektionskurve prognostiziert er für Ende Oktober. Im Gegensatz zur ersten Welle habe sich die Bevölkerung diesmal langsamer geschützt und daher sei die Situation komplexer, so Guinovart. Die kurze Öffnungsphase ist damit – zumindest in Havanna – vorerst wieder passé. Und ein Impfstoff ist trotz aller Fortschritte noch immer in weiter Ferne.

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