Uruguay |

Kämpfer der Genügsamkeit - Zum 85. Geburtstag von Pepe Mujica

Pepe Mujica war Bauer, Guerillero, Häftling und Präsident Uruguays - heute wird er 85 Jahre alt. Ein Porträt über seine Zeit in der Guerilla, große Bescheidenheit und seinen ewigen Kampf für eine gerechtere Welt. 

Der Ex-Präsident Uruguays Pepe Mujica wird heute 85 (Archivbild: Pressekonfernez). Foto: Pepe MujicaProtoplasma KCC BY-SA 2.0

Es ist ein regnerischer Herbsttag 1970 in Montevideo, als der junge Polizist José Villalba vier polizeilich gesuchte Guerillakämpfer am hinteren Tisch einer Bar erkennt. Kurze Zeit später klingelt auf der Polizeistation in Montevideo das Telefon: Vier Guerilleros in der Bar "La Vía", sagt der Mann am Hörer.

Als eine Polizeipatrouille eintrifft und die Dokumente der Guerilleros sehen will, von denen einige im Untergrund leben und nur gefälschte Papiere bei sich tragen, zieht einer seinen Colt-45. "Das sind meine Papiere", ruft er und deutet auf die Waffe. Es beginnt eine Schießerei, ein Polizist wird angeschossen. Den Guerillero selbst treffen sechs Kugeln - er überlebt nur knapp. Sein Name ist José Santano Mujica und er wird viele Jahre später Präsident von Uruguay sein.

Der Kampf endet nicht 

50 Jahre nach der Schießerei lebt derselbe Mann mit grauem Schnauzbart und buschigen Augenbrauen auf seinem Bauernhof am Rande von Montevideo. Pepe Mujica wird heute 85 Jahre alt, die Zeiten als Stadtguerillero sind lange vorbei, doch seinen Kampf gibt er nicht auf. Erst kürzlich sagte er im Interview über die Corona-Krise mit dem spanischen Fernsehsender "La Sexta": "Der 'Gott' Markt ist eine fanatische Religion unserer Zeit, er regiert alles." Er wünsche sich ein System, das sich den Interessen der Menschen unterordnet - großzügiger, weniger egoistisch. "Ich weiß nicht, warum zum Teufel es eine Handvoll alter Männer gibt, die immer mehr Geld wollen." Den Millionären, den Großkapitalisten müsse man klarmachen, dass die Anhäufung von Reichtum nicht bedeute, mehr vom Leben zu haben.

Pepe Mujica gehört nicht zu dieser Sorte alter Männer: Seine Bescheidenheit brachte ihm viel Sympathie rund um die Welt ein, sie macht seinen Kampf gegen die ewige Wachstumsdoktrin und Konsumzwänge nicht bloß zu einem Lippenbekenntnis. Der ehemalige Präsident fährt immer noch seinen uralten, hellblauen VW-Käfer und trägt immer noch denselben Anzug, den er schon zu seiner Amtseinführung vor zehn Jahren trug. Geld interessiert ihn nicht; Glück ist für ihn ein Schluck frischer Matetee  auf dem Bänkchen seines dicht bewachsenen Gartens. Als er noch Präsident war, soll er bei einem Amtsbesuch in den USA sogar versucht haben, Barack Obama von seinem Lebensstil zu überzeugen.

Während seiner Amtszeit wurde Mujica oft als "ärmster Präsiden der der Welt" bezeichnet, weil er einen Großteil seines Einkommens für wohltätige Zwecke spendete. In der Dokumentation  "El Pepe: Leben an höchster  Stelle" von Emir Kusturica  führt er seine Genügsamkeit auf seine Zeit im Gefängnis zurück, in der er viel entbehren musste: "Sonst wäre ich heute nicht der, der ich bin. Ich wäre nutzloser, leichtfertiger, oberflächlicher, erfolgreicher, aber kurzsichtiger." Fast 15 Jahre verbrachte Mujica hinter Gittern, weil er für seinen sozialistischen Traum kämpfte, der so nie in Erfüllung gehen sollte.

Die Jahre der Guerilla

Als Pepe Mujica vor 50 Jahren mit sechs Kugeln im Körper beinahe gestorben wäre, war Uruguay ein fast vollständig militarisiertes Land. Präsident Jorge Pacheco Areco regierte mit autoritärer Hand - ohne politische Kompromisse. 

Jahre zuvor hatte Uruguay noch den Ruf einer progressiven Demokratie innerhalb der als rückständig geltenden Länder Lateinamerikas. Das Land führte Sozialversicherungen, Arbeitsschutzgesetze und das allgemeine Wahlrecht ein, die Viehwirtschaft brachte einen gewissen Wohlstand - Uruguay wurde oft als die "Schweiz Lateinamerikas" bezeichnet.  Doch als dann in den 1960ern auf dem Weltmarkt die Preise für Agrarprodukte sanken, verblasste der Wohlstand und die Armut wuchs. Die Regierung versuchte mit einem harten Sparkurs der Rezession entgegenzuwirken und bewirkte damit das Gegenteil.

Auf den Straßen regte sich Protest und Rebellion, der Staat antworte mit Gewalt. In dieser Zeit wurde auch die Stadtguerilla der Tupamaros immer mächtiger. Pepe Mujica war einer der führenden Mitglieder der Gruppe. Anfangs agierte sie noch gewaltlos, doch Ende der 1960er tauchten immer mehr Kämpfer unter, entführten Unternehmer und überfielen Banken. Weil sie das geraubte Geld an die Armen verteilten, hatte die Gruppe den Ruf einer "Robin Hood Guerilla". Im Rückblick kommt Pepe Mucjia heute zu einem anderen Urteil: "Wir nannten es damals Enteignung, aber im Sinne unseres heutigen Rechtssystems waren es definitiv Verbrechen."

1973 putschte das Militär - es folgte eine Zeit der Repression. "Feinde des Systems" verschwanden, Hunderte wurden ermordet, Tausende kamen in Haft. In den Folterkammern wurden politische Häftlinge mit Elektroschocks gepeinigt, verprügelt oder über Monate in winzigen Zellen isoliert. Auch Pepe Mujica ereilte dieses Schicksal. Zweimal gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis, doch frei kam er erst im Jahr 1985 - als die Militärs abdankten und eine Amnestie für alle politischen Häftlinge in Kraft trat.

Utopist und Pragmatiker

"Ich widmete zu dieser Zeit mein Leben dem Kampf, um das Leben meiner Gesellschaft zu verbessern," sagte er Jahre später. "Wir gehörten zu einer Generation, die meinte, der Sozialismus wäre hinter der nächsten Ecke. Meine Jugend gehörte, wie die so vieler, der Welt der Illusion an." Die illusorische Utopie blieb aus.

Doch Uruguay hat sich zweifelsohne verändert. Die einstige Militärdiktatur zählt heute zu den wohlhabendsten und stabilsten Staaten Lateinamerikas. Erfolge, zu denen Pepe Mujica als Staatschef von 2010 bis 2015 wesentlich beigetragen hat. In seiner Amtszeit baute er die regenerativen Energien aus und sorgte dafür, dass die heimische Landwirtschaft die Versorgung großer Teile der Gesellschaft sicherte. Er führte die gleichgeschlechtliche Ehe ein, hob das Abtreibungsverbot auf und legalisierte Marihuana - Reformen, die weltweit großes Aufsehen erregten, für die er in seiner Heimat aber oft kritisiert wurde. Auch eine gescheiterte Bildungsreform gehörte zu seiner Präsidentschaft - und Umweltaktivisten hielten ihm vor, er sei zu umsichtig mit internationalen Investoren gewesen.

Das ist auch ein Teil der bewegten Lebensgeschichte von Pepe Mujica: Seine Entwicklung vom unbiegsamen Rebellen im Untergrund zu einem auf Ausgleich bedachten Pragmatiker auf der politischen Weltbühne - ohne sich und seine einstigen Ideale zu verraten.  

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