Kuba |

Filmrezension: Geschichtsstunde in Bildern

Was ist das Besondere am „Tropischen Sozialismus“ Kubas? Wie konnte er solange existieren – direkt vor den Augen der US-Amerikaner? Und wie leben die Menschen heute auf der Karibikinsel, 30 Jahre nachdem der Ostblock zusammengebrochen ist? 

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Warum wollen die Kubaner den Sozialismus überhaupt behalten? Die Errungenschaften der Revolution werden auch von der jungen Generation Kubas sehr geachtet. Foto: Jana Kaesdorf

Das sind die Fragen, die Jana Kaesdorf in ihrer Doku-Fiktion „Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba“ umtreiben. Die heute 36jährige Kamerafrau und Autorenfilmerin kam erstmals 2012 als Touristin auf die Insel. In Sachsen-Anhalt aufgewachsen war Kaesdorf ein Kind, als die Mauer fiel – und fühlte sich in Kuba gleich an ihre Heimat erinnert. Nach längeren Recherchen und einer Crowdfunding-Kampagne entschloss sie sich, ihren Roadmovie in Eigenregie anzugehen. 

Mit Handkamera und ohne Drehgenehmigung

Für „Experiment Sozialismus“ hat Kaesdorf einen fiktiven Charakter erfunden, den Kubaner Arsenio. Der kommt nach Jahrzehnten im Ausland zu Besuch, reist quer über die Insel, von Havanna über die Sierra Maestra bis nach Baracoa im Osten, und redet mit Menschen, denen er begegnet, über die Geschichte und die heutigen Verhältnisse. Gefilmt hat das Kaesdorf mit einer mobilen Kamera und ohne offizielle Drehgenehmigung. Arsenio bekommt man nie zu Gesicht, nur seine Stimme ist zu hören – in lakonischem Ton aus dem Off gesprochen vom Schauspieler Tom Vogt, der unter anderem Synchronsprecher von Colin Firth ist.

Kaesdorf ist mit ihrer Handkamera nah dran an den Menschen, und beeindruckend sind gerade ihre Aufnahmen vom einfachen Leben auf dem Lande. Die Interviewten äußern sich dabei durchaus reflektiert zu den Verhältnissen. Gleich zum Einstieg heißt es: „Wenn Du überleben willst, musst Du mogeln.“ Die aus der Not geborene Kreativität und Improvisationskunst der Kubaner klingt immer wieder an wie auch der Stolz, dass die kleine Insel bis heute dem übermächtigen Nachbarn im Norden trotzt, dass man hier seit Jahrzehnten friedlich und wenn auch mit erheblichen materiellen Mühen doch einigermaßen menschenwürdig lebt. 

Wirtschaftskrise trotz Reformen

Zugleich bleibt so mancher Fokus Kaesdorfs fragwürdig – etwa die anklingende Hoffnung, dass die „lineamientos“ der große Wurf zur Rettung des staatssozialistischen Systems sein könnten. Diese auf dem 6. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) im Jahr 2011 verabschiedeten Reformen mögen zwar wirtschaftlich ein bisschen mehr Freiheit gebracht haben – doch Kuba steht, nicht zuletzt wegen der Krise des Öl-Lieferanten Venezuela, ökonomisch weiter am Abgrund. Und was hat ein studierter Ingenieur von seinem Titel, wenn er am Ende, wie er in der Doku-Fiktion sagt, doch als Taxifahrer arbeiten muss, weil er mit einem staatlichen Gehalt in kubanischen Pesos nicht über die Runden kommt? 

Vor allem aber haben sich die politischen Spielräume auch nach dem Rücktritt Raúl Castros 2018 so gut wie nicht verändert. Vielmehr wurden vor Kurzem unter anderem wieder unabhängige Journalisten verhaftet. Es wäre hier interessant gewesen, dazu die ein oder andere Stimme aus der politischen Opposition zu hören – oder auch aus der kulturellen Alternativszene Havannas.

"Wir sind weder das Paradies noch die Hölle"

Stattdessen kommentiert Arsenio zwischen den Interviews unablässig aus dem Off, was auf Dauer etwas ermüdend ist. Der von Kaesdorf eingeführte Charakter erweist sich in erster Linie als Trick, durch den die Regisseurin den Zuschauern eine bebilderte Geschichtsstunde aufbereiten kann – von der kolonialen Vergangenheit Kubas und den unsäglichen Einfluss der US-amerikanischen Politik über die Rebellen in den Bergen bis zur „libreta“, dem Lebensmittelheft, mit dem jeder Kubaner bis heute bestimmte Grundnahrungsmittel erhält. Solch ein historischer Rundumschlag mag vom Ansatz her löblich sein, allzu viel Neues erfährt man aber nicht.

Ganz am Ende wird die Ambivalenz vieler Kubaner bei der Bewertung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Umstände noch einmal Thema. Während Fischer Angél nüchtern erklärt: „Hier geht es um Beziehungen, nicht um Sozialismus“, sagt eine Frau: „Wir sind weder das Paradies noch die Hölle.“ Und ein dritter antwortet auf die Frage, ob die „lineamientos“ das sozialistische Modell retten könnten, kopfschüttelnd: „Das ist doch alles nur bla, bla.“ 

„Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba“ läuft Anfang Januar im Berliner Kino Union Filmtheater, Bölschestraße 69, 12587 Berlin: 4. 1. 2020 (22.30 Uhr), 5. 1. (18 Uhr), 6. 1. (13 Uhr), 7. 1. (15.30 Uhr) und 8. 1. (10.30 & 18 Uhr). Weitere Termine werden demnächst auf der Webseite des Films bekannt gegeben: experiment-sozialismus-film.com

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