Brasilien |

Erdölindustrie verändert Leben in Rio

Der Beginn der Guanabara-Bucht mit den Stränden von Botafogo und Flamengo (v.l.). Foto: Adveniat/Henning
Der Beginn der Guanabara-Bucht mit den Stränden von Botafogo und Flamengo (v.l.). Foto: Adveniat/Henning

Seit dem Leck einer Unterwasserpipeline in der Guanabara-Bucht im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro im Januar 2000 ist der Fischer Alexandre Anderson zum Umweltaktivisten und Sprecher seiner Kollegen geworden. "Auf dem Meer vor der Küste schwamm ein schwarzer Ölteppich, und der Wellenschlag klang irgendwie dumpf", erinnert er sich.

Trotz dieses Unglücks, durch das 1,3 Millionen Liter Öl in die Bucht gelangten, und trotz des Zustroms unbehandelter Abwässer aus dem Großraum Rio de Janeiro, haben Fische und Fischerei überlebt. Doch die Zahl der Menschen, die sich einst vom Fischfang ernährten, ist Anderson zufolge in den letzten 15 Jahren um 60 Prozent auf 6.000 zurückgegangen.

In Rio de Janeiro leben zwölf Millionen Menschen. Die größte Bedrohung für den Fischereibetrieb stellt der Rückgang des Areals dar, in dem der Fischfang noch möglich ist. Noch vor einigen Jahrzehnten konnten die Fischer ihre Netze in mehr als zwei Dritteln der Bucht auswerfen. Doch inzwischen ist ihr Einsatzgebiet auf zwölf Prozent geschrumpft.

Die Erdölindustrie hat sich mit ihren Fabriken, Pipelines und Tankern 46 Prozent der Bucht einverleibt. Und angesichts der Tiefseebohrungen im Atlantik vor der brasilianischen Küste und des Baus einer zweiten, bis 2016 funktionsfähigen Raffinerie in der Nähe der Bucht dürfte es für die Fischer noch schwieriger werden, ihren Beruf auszuüben. "Die Ölindustrie ist ein Synonym für das Ende der Fischerei und der Fische in der Guanabara-Bucht", berichtet Anderson IPS.

Rios Ökonomie ist vom Erdöl abhängig

Neben der Verkleinerung des Fischereigebietes sind die zahlreichen Pipelines, die kreuz und quer durch die Bucht verlaufen, für ökologische Veränderungen verantwortlich. Damit das Erdöl flüssig bleibt, wird es mit hohen Temperaturen durch das Leitungssystem gepumpt. Gas hingegen wird verflüssigt und dann mit zweistelligen Minustemperaturen in die Pipelines eingespeist. Brasiliens staatlicher Ölkonzern Petrobras unterhält in der Bucht Gasverflüssigungsanlagen und Lagerstätten für die in den Pipelines angelieferten fossilen Brennstoffe. Das marine Leben leidet auch unter den Auswirkungen der Geräusche und Erschütterungen infolge des unter hohem Druck stattfindenden Pumpvorgangs.

Die Fischerei ist einer umfangreichen Transformation des Großraums von Rio zum Opfer gefallen. Die Ökonomie der Zuckerhutstadt, die sich mit ihren kulturellen Aktivitäten, dem Tourismus und dem Karneval international einen Namen gemacht hat, hängt nun weitgehend von der Erdöl- und metallverarbeitenden Industrie ab.

Die Erdöllagerstätten, die unter einer zwei Kilometer dicken Salzschicht im Gestein und Sand der Tiefsee rund 300 Kilometer vor der Küste von Rio de Janeiro liegen, haben zu einer Wiederbelebung der bis dahin praktisch inaktiven Schiffswerften und zu einer Ansiedlung großer multinationaler Ingenieursdienstleister geführt. Sie haben ferner dazu beigetragen, dass die
Wahl für den Bau des Petrochemiekomplexes COMPERJ auf die 60 Kilometer von Rio de Janeiro nahe des nordöstlichen Teils der Guanabara-Bucht gelegene Stadt Itaboraí fiel. Bislang umfasst der Komplex eine Raffinerie mit einer Produktionskapazität von 165.000 Barrel Öl pro Tag. Auf der anderen Seite der Bucht, an der Rio de Janeiro beginnt, betreibt Petrobras die Raffinerie Duque de Caxias, die seit 1961 242.000 Barrel Öl pro Tag weiterverarbeitet.

"Mit den Lagerstätten unterhalb der Salzschicht wird Brasilien zwischen 4,5 Millionen und 5,5 Millionen Barrel Öl pro Tag in den nächsten 20 Jahren produzieren können und zu einem maßgeblichen Erdölexportland aufsteigen", meint Alexandre Szklo, ein auf Energieplanung speziaisierter Professor an der Föderalen Universität von Rio de Janeiro.

Mit Rohstoffreichtum Bildungssystem verbessern

Der internationale Erdölpreisverfall um fast 40 Prozent hat daran nichts geändert. Denn unter den derzeitigen Bedingungen werde der Expansionskurs lediglich durch lang anhaltende Preisschwankungen gefährdet, so Szklo. "Die Ölindustrie ist wie ein Elefant. Es dauert eine Weile, bis sie sich in Bewegung setzt, und ebenso lange, bis sie zum Stillstand kommt." Der Anteil Brasiliens an den internationalen Öllieferungen mag zwar mit etwa rund fünf Prozent recht niedrig sein. Doch entfallen auf das südamerikanische Land 60 Prozent aller Aufträge für Bohrtürme sowie Erdölexplorations- und Fördersysteme, da sich das Gros der Ölreserven offshore befindet.

Die Wirtschaft von Rio de Janeiro profitiert von der Entwicklung der Schiffsindustrie und der damit einhergehenden Dienstleistungen für den Sektor. Brasilien hofft, mit Hilfe dieses Rohstoffreichtums sein Bildungs- und Gesundheitssystem in den kommenden Jahren zu verbessern und Arbeitsplätze zu schaffen. "Doch die Ölproduktion schafft nur sehr wenige Jobs", erläutert der Professor. "Sie braucht vor allem hochqualifizierte Arbeiter, die sich ihre Arbeit gut bezahlen lassen. Dadurch steigen die lokalen Kosten, die wiederum andere Industriesektoren schwächen."

Zukunft: Fische und Menschen verseucht?

In den Außenbezirken von Campos, 280 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro gelegen, wo in den letzten drei Jahrzehnten Unmengen an Erdöl aus der Tiefsee gefördert wurden, hat die Holländische Krankheit zur Zerstörung der lokalen Zuckerindustrie und zum Anstieg der Lebenshaltungskosten geführt.

Rio de Janeiro erlebt derzeit die gleiche Entwicklung und gehört inzwischen zu den teuersten Städten der Welt. In den letzten fünf Jahren haben sich die Mietpreise für Mittelklasse-Wohnungen verdreifacht. Doch sind es vor allem die ökologischen Folgen, die den größten Widerstand gegen die Ansiedlung der Ölindustrie an der Guanabara-Bucht hervorrufen.

"Der Standort für COMPERJ ist schlecht gewählt. Nun sind Flüsse, die in einem guten Zustand waren, und das letzte erhaltene Fischereigebiet der Bucht bedroht", warnt der Biologe Breno Herrera. Er führt eine Bewegung aus Anwohnern, Wissenschaftlern und Juristen an, die die Pläne von Petrobras, dem Eigentümer von COMPERJ, zu durchkreuzen versucht, den Fluss Guaxindiba in einen Transportweg für schweres Gerät der Erdölindustrie auszubauen. "Durch die Baggerarbeiten könnten Schwermetalle, die sich im Flussbett befinden, aufgewirbelt werden und Fische und Menschen verseuchen."

Die Raffinerie werde sauren Regen produzieren, der durch Winde zu den Wäldern und Grünflächen in den Bergen transportiert und dort große Zerstörungen anrichten werde, fürchtet Herrera, der ehemalige Leiter eines
Schutzgebietes, das nun von der Erdölindustrie bedroht wird. Die Raffinerie Duque de Caxias sei eine der schlimmsten Verseuchungsquellen der Guanabara-Bucht und der nächsten Nachbarschaft. Atemwegserkrankungen, Allergien und geschwollene Augen seien die Folge, so auch Sebastião Raulino vom 'Forum der von der Öl- und Petrochemieindustrie betroffenen Menschen'
(FAPP).

Autor: Mario Osava
Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann
Quelle: IPS-Weltblick