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Ein amazonischer Ritus und eine Holzfigur

Raubbau an der Schöpfung, Verantwortung für Frauen und Respekt für Indigene. Die Themen der Amazonas-Synode bleiben bunt wie Fauna und Flora der Region. Deutlicher wurden Schwerpunkte und die Leidenschaft der Akteure.

Lateinamerika Adveniat Amazonas Pater Heinz

Sie wollen den Netzwerkgedanken der Amazonien-Synode auch in Europa stärken: Pater Michael Heinz SVD, Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat (links), und Kardinal Jean-Claude Hollerich von Luxemburg, Präsident des Rates der Bischofskonferenzen in der Europäischen Union, COMECE. Foto: Stephan Neumann

Eine katholische Bischofssynode hat - anders als eine evangelische Synode - nichts zu entscheiden. Mit dem, was dort diskutiert wird, welche Dokumente verabschiedet werden, kann ein Papst machen, was er will. Ganz daran vorbei kommt er kaum. Und das will auch Franziskus nicht, weswegen ihm sehr daran gelegen sein dürfte, was das Redaktionskomitee verfasst und wie die Arbeitsgruppen in diesen Tagen damit umgehen werden. Am Samstag wird das Ergebnis von den Synodenvätern verabschiedet - oder in Teilen eben nicht.

Vor allem im deutschsprachigen Raum starren viele auf die "viri probati" und mögliche neue Ämter für Frauen. Beide Themen könnten bescheidener ausfallen als erwartet, gar vertagt werden. So ist eine Minderheit der Synodenväter prinzipiell gegen eine vereinzelte Priesterweihe für ältere, bewährte verheiratete Männer. Viele sind dafür, befürchten aber, dass dieses Thema wichtigere Anliegen wie den Schutz des Regenwaldes, der Menschenrechte, indigene Lebensformen und den Einsatz gegen Gewalt verdrängt.

Hoffnung auf eine klares Bekenntnis zum Diakonat für Frauen

Andererseits kamen aus den Kleingruppen klare Stellungnahmen für "viri probati" wie für eine Form des Diakonats von Frauen. "Dies wäre eine mögliche Weise der von allen geforderten Anerkennung für die Arbeit von Frauen, die sie ohnehin schon machen", sagt eine Ordensschwester aus dem brasilianischen Bundesstaat Roraima. Ausgangsproblem ist die mangelnde Präsenz offizieller katholischer Vertreter in entlegenen Dörfern und Gemeinden. Manche katholische Gemeinden haben aus ihren Kapellen inzwischen den Altar entfernt, vorne steht nur noch ein Lesepult. Für die zwei oder drei Mal im Jahr, wenn ein Priester zu Besuch kommt, um Eucharistie zu feiern, wird ihm ein Tisch hingestellt. Da sind Evangelikale und Pfingstler besser aufgestellt, ihre Pastoren sind ständig vor Ort.

Mit der Idee eines eigenen amazonisch-katholischen Ritus - nach dem Vorbild katholischer Ostkirchen -, stellte Kurienerzbischof Rino Fisichella eine ungewöhnliche Alternative vor. Sie würde es nicht nur ermöglichen, Elemente indigener Kultur in die katholische Liturgie zu integrieren. Sie könnte gar ein eigenes Kirchenrecht beinhalten, Dienste und Ämter oder Zugangsvoraussetzungen dazu. Es könnte, wie in den katholischen Ostkirchen, verheiratete Priester geben. Immerhin kam der Vorschlag aus einer Arbeitsgruppe, die vom Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, moderiert wird.

Aufruhr um Fruchtbarkeitsstatue

Beim Thema Inkulturation des Christentums in die Lebenswelten Amazoniens sehen extrem Konservative gar pagane Kulte in die katholische Liturgie eindringen. Als beim Gebet in den Vatikanischen Gärten zum Franziskus-Tag unter den von Indigenen mitgebrachten Lebenssymbolen die hölzerne Darstellung einer Schwangeren mit Fötus zu sehen war, wollten einige wissen, ob der Papst nicht doch vor dieser gebetet habe. Entnervt mussten die Vatikansprecher Paolo Ruffini und Matteo Bruni wiederholt dementieren: Das gestreamte Video sei klar, der Papst habe das Vaterunser gebetet und einen Baum gepflanzt. Kardinal Ladaria sagte in einem Interview zur Inkulturation: "Wie diese in Amazonien am besten geschieht, ist nicht Sache derer, die nicht dort leben." Rom könne allenfalls Prinzipien aufstellen, um den Inhalt und die Tradition des Glaubens zu bewahren.

Ladaria unterstützte ebenfalls Forderungen von Bischöfen und Indigenen nach kirchlichen Desinvestitionen - also Rückzug von Anlagekapital - aus Unternehmen, die am Raubbau in Amazonien beteiligt sind. Von dessen Folgen war viel die Rede. Ein Kreuzweg, den Indigene und andere Teilnehmer von der Engelsburg zum Petersplatz gingen, gedachte der Märtyrer und aller Menschen in Amazonien, die Opfer der dort verbreiteten Gewalt wurden.

Adveniat: Europäisches Netzwerk nach dem Vorbild von Repam

Für ein kirchliches europäisches Netzwerk hat sich der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Pater Michael Heinz SVD am Rande der Amazonien-Synode in Rom ausgesprochen. „In einer Zeit, in der in Europa nationalistische Kräfte die Kirchen als Verbündete in einem vermeintlichen Kampf gegen den Untergang des christlichen Abendlandes missbrauchen, ist es höchste Zeit für ein kirchliches Bekenntnis zu Europa. Ein kirchliches europäisches Netzwerk wird den Unterschieden der Menschen und Regionen gerecht und kann gleichzeitig Perspektiven für eine gemeinsame zukunftsfähige Kirche in einer vielfältigen Gesellschaft aufzeigen“, erläuterte Adveniat-Chef Pater Heinz.

„Vom Amazonas her fegt ein Wind des Aufbruchs durch den Vatikan“, stellte Pater Heinz fest. Auf der Synode sei ihm sehr bewusst geworden: Während in Lateinamerika die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in den vergangenen fünfzig Jahren auf den Bischofsversammlungen von Medellin (1968), Puebla (1979), Santo Domingo (1992) und Aparecida (2007) auf die Lebenswirklichkeit der Menschen des Kontinents übersetzt wurde, sei diese Chance in Europa verpasst worden. „Wir brauchen dem nicht nachzutrauern. Und wir müssen auch nicht noch einmal fünfzig Jahre zurück. Wir können auf die Erfahrungen des Amazonas-Netzwerks Repam zurückgreifen. Hier wird der in Europa viel zitierte theoretischen Begriff von der Einheit in Vielfalt ganz praktisch gelebt“, so der Adveniat-Chef. „Weltkirche sein funktioniert nicht als hierarchisch organisierte Institution mit einer alles bestimmenden Zentrale. Weltkirche lebt als ein Netzwerk von Menschen, Gruppen und Organisationen, die im Dialog voneinander lernen und sich mit ihrer kulturellen Vielfalt gegenseitig bereichern.“

Ein Katakombenpakt für den Amazonas

Auch unabhängig davon, was das Abschlussdokument am Samstag enthält: Amazoniens Bischöfe wollen handeln. Am Sonntagmorgen trafen sich gut 50 von ihnen mit fast 150 anderen Gläubigen in aller Frühe in der Domitilla-Katakombe. Dort unterzeichneten sie einen "Pakt für das gemeinsame Haus", eine Selbstverpflichtung für "eine Kirche mit amazonischem Gesicht" in 15 Punkten: von integraler Ökologie über eine synodale, inkulturierte Kirche bis zum eigenen Lebensstil. Die Vereinbarung knüpft an einen ersten Katakomben-Pakt an, den 40 Bischöfe im November 1965 am selben Ort unterzeichnet hatten.

Der Katakomben-Pakt wie die Synode überhaupt sind für viele Teilnehmer auch Gelegenheit, Mut und Zuspruch zu erfahren. Denn gefährdet sind in Amazonien nicht nur Regenwald und Indigene. "Ich bin nur ein kleiner Bischof, dem man an der nächsten Ecke den Hals umdrehen kann", gestand einer von ihnen.