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Corona in Lateinamerika - Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht

In Kürze wird wohl die Marke von einer Million Corona-Infektionen in den Ländern Lateinamerikas erreicht sein. Brasilien führt die Liste  mit 851.556 registrierten Covid-19-Fällen auf dem Subkontinent an.

Brasilien ist am stärksten von Corona betroffen in Lateinamerika 

Mit rund 45.000 Toten (Stand 16. Juni) ist in Brasilien ebenfalls eine besorgniserregende Marke erreicht. Dennoch: Im von den Europäern dominierten Ranking der Johns-Hopkins-Universität (USA) auf Basis von Todesfällen pro 100.000 Einwohnern liegt Brasilien noch lediglich auf Rang 16. Noch hinter deutlich reicheren Ländern wie der Schweiz, Kanada oder Schweden.

Allerdings rückt das seit 2019 von dem rechtskonservativen und neoliberalen Staatspräsidenten Jair Messias Bolsonaro (65) regierte Land auch in dieser Tabelle langsam auf. Während in Europa der Eindruck entsteht, das Schlimmste sei überstanden, hat Lateinamerika die ganze Wucht der Pandemie wohl noch nicht erfasst. Trotzdem wollen Politiker wie Bolsonaro oder sein linksgerichteter Amtskollege Andres Manuel Lopez Obrador (66) in Mexiko ihre Bürger davon überzeugen, dass es besser sei, schon jetzt wieder in die Normalität zurückzukehren.

Zahlen steigen in ganz Lateinamerika 

Brasilien stellt auch den Löwenanteil in der Erhebung des kirchlichen Amazonas-Netzwerkes REPAM. In den neun Ländern der Amazonas-Region sind nach REPAM-Angaben zum Wochenbeginn bereits fast 11.100 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Infektion gestorben. Die Zahl der bestätigten Infektionen belief sich am Montag auf 292.260 Fälle. Die Sterblichkeitsrate liegt derzeit bei 4,36 Prozent. Allein auf Brasilien entfallen 245.545 Infektionen und 9578 Tote.

Aber auch in anderen Ländern werden fast täglich neue Rekordmarken erreicht: Chile, Ecuador oder Peru hat es besonders stark getroffen, Chile übersprang am Wochenende die Zahl von 180.000 Infektionen, der Ausnahmezustand wurde verlängert. In Bolivien ist das Entsetzen groß, weil in den vergangenen Wochen sechs Menschen auf den Straßen oder vor den Türen der überlasteten Krankenhäuser starben. Niemand wollte oder konnte sich der Patienten annehmen. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission forderte eine Aufklärung der Vorfälle.

Corona bedroht Frieden in Kolumbien 

In Kolumbien ist die Ausgangslage eine ganz andere. Hier sind die Todesfälle (1.700) ebenso bemerkenswert gering, dafür die Zustimmungsraten für den konservativen Präsidenten Ivan Duque Marquez (43) erstaunlich hoch. Doch die Probleme stecken im Detail. Die kirchliche Hilfsorganisation Caritas international befürchtet, dass ausgerechnet die Corona-Krise den Friedensprozess im Land dramatisch schwächt.

"Die Pandemie ist in Kolumbien nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern sie geht sehr viel tiefer", beschreibt Jonas Brenner, zuständiger Länderreferent beim Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, die Entwicklung. "Sie wirkt sich auch auf den für das Land so notwendigen Aussöhnungsprozess aus und schränkt vor allem die Bewegungsfreiheit der Friedensaktivisten in dramatischer Weise ein. Sie müssen gerade jetzt um ihr Leben fürchten."

Die Regierung in Bogota hat zur Eindämmung der Pandemie der Bevölkerung bereits seit Wochen ein strenges Ausgehverbot verordnet. Doch diese zum Gesundheitsschutz notwendigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens wirken für Friedensaktivisten lebensbedrohend. Ihnen fehlt derzeit die Möglichkeit, sich an wechselnden Orten vor Banden versteckt zu halten, die vom Krieg profitieren und den Friedensprozess stören wollen. Brenner: "Allein zwischen März und Mai sind 24 Friedensaktivisten, die sich zu Hause aufhielten, an ihren Wohnorten aufgespürt und umgebracht worden."

Migranten wollen zurück nach Venezuela 

Kolumbien ist auch auf andere Ebene von Corona betroffen. Im Land halten sich rund 1,8 Millionen Flüchtlinge und Migranten auf, die wegen der staatlichen Repression und der Versorgungskrise aus dem Nachbarland Venezuela geflohen sind. Doch während der Pandemie fallen die meist ohne Dokumente gekommenen Menschen durch das Raster der Hilfsmaßnahmen. So kehren nun Zehntausende verzweifelte Venezolaner in ihre Heimat zurück. Menschenrechtsorganisationen berichten über ein hartes Vorgehen der venezolanischen Behörden gegenüber den Rückkehrern, sie werden unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen in Übergangslager eingesperrt.

Hinzu kommt eine soziale Stigmatisierung durch den sozialistischen Präsidenten Nicolas Maduro Moros (57) Caracas. Er wirft Kolumbien vor, Venezuela gezielt durch die Rückkehr von Migranten infizieren zu wollen. Das wiederum führt zu einem "feindlichen Empfang" der Rückkehrer in ihrer Heimat. In Venezuela sind die Infektions-Zahlen (2.973) relativ gering. Doch es gibt erhebliche Zweifel an der Richtigkeit dieser Daten. REPAM kritisierte jüngst, dass allein die Zahlen infizierter Indigener viel höher seien als von der Regierung zugegeben.

Besonders gegensätzlich ist der Widerspruch in Nicaragua: Hier berichten Opposition und Menschenrechtsorganisationen über "Expressbeerdigungen" in der Nacht, mit denen Managua die Zahl der tatsächlichen Todesfälle verheimlichen will. Offiziell sollen in dem mittelamerikanischen Land gerade einmal 55 Menschen an den Folgen einer Covid-Infektion gestorben sein. Doch an diese Angaben glauben inzwischen nicht einmal mehr die regierenden Sandinisten unter Präsident Daniel Ortega Saavedra (74). Auch in ihren Reihen gibt es selbst unter hohen Funktionsträgern eine hohe Zahl an Todesfällen.

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