Brasilien |

Cimi-Bericht: Gewaltausmaß gegen Indigene alarmierend

Eine Indígena vom Volk der Kokama bei der traditionellen Gesichtsbemalung ihrer Tochter in der Stadtrand-Siedlung Brasilerinho bei Manaus. Foto: Adveniat/Pohl
Eine Indígena vom Volk der Kokama bei der traditionellen Gesichtsbemalung ihrer Tochter in der Stadtrand-Siedlung Brasilerinho bei Manaus. Foto: Adveniat/Pohl

Das 180 Seiten starke Dokument stellt Berichte von Betroffenen, von indigenen Anführern und indigenen Organisationen, zusammen. Ergänzt werden diese durch Informationen von Cimi-Missionaren, die sich vor Ort ein Bild gemacht haben.

Seit mehr als 20 Jahren rüttelt der Cimi-Bericht Brasilien und die Welt wach. Der Indigenenmissionsrat nennt das Dokument einen kollektiven Aufschrei der mehr als 300 indigenen Völker und der etwa 100 isoliert im Amazonasgebiet lebenden Indigenengruppen.

2014 wurden in Brasilien 138 Indigene umgebracht. Die Zahl der Gewaltdelikte sei insgesamt angestiegen. In 84 Fällen wurde in indigenes Land eingefallen, um illegal Rohstoffe auszubeuten. 135 Indigene begingen Selbstmord. 785 Kinder im Alter bis zu fünf Jahren starben. In 118 Fällen seien Demarkierungen und andere Regelungen, die indigenes Land betreffen, verzögert oder gar nicht umgesetzt worden - mehr als eine Verdoppelung gegenüber 2013. Hier lag der Bundesstaat Pará an der Spitze, in dem das umstrittene Wasserkraftwerk Belo Monte gebaut wird. Der Bericht erkennt generell einen Zusammenhang zwischen staatlicher Verzögerungstaktik bei der Demarkierung indigenen Landes und dem Bau von Wasserkraftwerken.

Brasilien erkennt seine historische Schuld nicht an

Die Anthropologin Lucía Helena Rangel, die Cimi berät und für die Koordination des jährlich erscheinenden Berichtes verantwortlich zeichnet, spricht von einem alarmierenden Ausmaß an Gewalt gegenüber den Indigenen. Es handele sich um ein Muster, das sich stets wiederhole. Unterschiede zum Bericht für 2013 ließen sich kaum erkennen. Rangel sieht die Ursache für den Hass auf die Indigenen in der fehlenden Anerkennung der historischen Schuld, die Brasilien den indigenen Völkern gegenüber auf sich geladen habe. Die Geschichte des Landes sei von Gewalt geprägt. Die Sklavenhaltermentalität wirke im heutigen Brasilien nach. Werde über Menschenrechte gesprochen, so erschaudere die Elite.

Wer Widerstand leistet, riskiert sein Leben

In der Selbstmordstatistik hält der Bundesstaat Mato Grosso do Sul einen erschreckenden Rekord. Hier nahmen sich im vergangenen Jahr 48, zumeist junge Indigene das Leben. Im Zeitraum 2000 bis 2014 betrug die Zahl der Selbstmorde in Mato Grosso do Sul 707. Die Anthropologin Rangel weist auf einen starken Zusammenhang von Selbstmord, Rassismus und Landkonflikten hin. Letztere bildeten auch ganz überwiegend den Hintergrund für die 138 verübten Morde an Indigenen. Die Botschaft: Wer Widerstand leistet, muss damit rechnen, dafür mit seinem Leben zu zahlen. Neben erneut Mato Grosso do Sul entfielen die meisten Fälle auf den Bundesstaat Amazonas und auf Bahia. In einigen Fällen war es zu gewaltsamen Konflikten unter Indigenen gekommen, bei denen Alkohol im Spiel war. Jahr für Jahr steigt dem Cimi-Bericht zufolge die Kindersterblichkeit bei Indigenen. Besonders betroffen waren die Xavante und die Yanomami, die 116 bzw. 46 tote Kinder betrauerten.

Cimi verlangt indigene Wahrheitskommission

Cimi fordert in dem Bericht die Einrichtung einer indigenen Wahrheitskommission, um die schweren Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern in Brasilien ans Licht zu bringen. Denn vieles bleibt bislang im Verborgenen. Außerdem plädiert der Indigenenmissionsrat für Informationskampagnen in ganz Brasilien, um der Bevölkerung die Respektierung der Rechte der indigenen Völker nahezubringen, welche die Verfassung garantiert. Lucía Helena Rangel hofft, der Bericht trage zu einer humaneren Indigenenpolitik in Brasilien bei.

Bericht Pflichtlektüre für die Verantwortlichen

Cimi möchte mit dem Bericht Jahr für Jahr die Menschen stärker für die indigenen Belange sensibilisieren und den brasilianischen Staat dazu antreiben, sich, wie es seine Pflicht ist, entschlossen für diese einzusetzen. Wer sich an Indigenen vergehe, müsse bestraft werden. Bedauerlicherweise nehme die Gewalt gegen Indigene jedoch Jahr für Jahr zu. Wer dem zuschaue, mache sich zum Komplizen, letztlich vielleicht sogar eines Ethnozids. Der Cimi-Bericht sei für die Verantwortlichen in Brasilien Pflichtlektüre.

Autor: Bernd Stößel,

Link zum CIMI-Bericht 2014

Adveniat ist langjähriger Projektpartner von CIMI. Mehr Infos zur Adveniat-Projektarbeit gibt es auf www.adveniat.de