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Bischof Arana: "Unruhen in Bolivien sind vorprogrammiert"

Zur Situation in Bolivien vor den Wahlen am Sonntag sprach Blickpunkt Lateinamerika mit Giovani Arana. Er ist Bischof von El Alto, der Satellitenstadt von La Paz, ein sozialer, wirtschaftlicher und politischer Brennpunkt.

Teilnehmer einer Kundgebung zum "Tag der Demokratie" in La Paz 2018. Foto: Steffen/Adveniat

Teilnehmer einer Kundgebung zum "Tag der Demokratie" in La Paz 2018. Foto: Steffen/Adveniat

Wie ist es den Menschen in Ihrer Diözese ergangen im letzten Jahr, das geprägt war von politischen Unruhen, Coronavirus und Wirtschaftskrise?

In El Alto leben vor allem Zuwanderer, die mit dem informellen Handel ihren Unterhalt erwirtschaften. Die politische Polarisierung ist auch hier spürbar, und es kommt immer wieder zu Aggressionen von beiden Seiten, sowohl von der Bewegung zum Sozialismus (MAS) des Expräsidenten Evo Morales, als auch von der Opposition. Nachbarschaftsorganisationen, Gewerkschaften und sogar Elternvertretungen haben sich darüber entzweit. Diese Konflikte werden ausgetragen, indem man öffentliche Gebäude besetzt oder Straßen blockiert. Die Intoleranz hat zugenommen.

Woher kommt diese Polarisierung?

Es sind sehr viele Emotionen im Spiel, Rassismus, Klassismus und das Erbe der Kolonialzeit. Die MAS hat mit diesen Emotionen Politik gemacht. Ihr Diskurs ist, dass jetzt die Indigenen das Sagen haben und sich die Macht nicht mehr nehmen lassen. Von einer Kultur der Toleranz sind wir noch sehr weit entfernt. Für uns ist die Sozialenzyklika "fratelli tutti" ein wichtiger Leitfaden in diese Richtung. Wir arbeiten viel mit Jugendlichen, um bei ihnen eine Kultur des Dialogs zu etablieren. In El Alto beispielsweise haben wir Büros, die bei Nachbarschaftskonflikten vermitteln.

Und wie geht es den Bolivianern wirtschaftlich?

In El Alto war die Situation während der Pandemie dramatisch, weil hier fast alle von dem leben, was sie tagtäglich verkaufen auf Märkten oder auf der Straße. In der Pandemie wurden die Geschäfte geschlossen, obwohl hier in El Alto nicht alle die Quarantäne so strikt befolgt haben. Die Einkommen der Menschen sind dadurch stark gesunken, es gab Hunger und wir haben auf dem Höhepunkt der Pandemie zusammen mit der Gemeindeverwaltung Lebensmittelpakete verteilt. Inzwischen ist die geschäftliche Aktivität wieder fast normal, und die Nothilfe ist nicht mehr nötig. Trotzdem verdienen die meisten noch nicht wieder so viel wie vorher.

Was erwarten Sie von der Wahl?

Ich rechne in jedem Fall mit Konflikt, denn das Land ist in zwei ähnlich große Lager gespalten. Wenn die MAS nicht in der ersten Runde gewinnt, wird sie demonstrieren. Und wenn sie gewinnt, wird die Opposition auf die Straße gehen.

Sind das spontane Proteste?

Hier gibt es die Bewegung der „autoconvocados“, also Proteste, die über soziale Netzwerke einberufen werden und die spontan daher kommen. Aber wenn man genauer hinschaut, stecken politische Interessen dahinter, und das Ganze ist nicht so spontan, wie es aussieht.

Letztes Jahr beim Rücktritt von Evo Morales war die Kirche ein wichtiger Vermittler, und sie waren auch involviert. Was war das größte Problem dieser Mission?

Es gab eine Phase, in der niemand die Führung innehatte. Evo Morales  und sein Vizepräsident waren ausser Landes, die Senats- und Parlamentspräsidentinnen zurückgetreten, damit war die verfassungsmäßige Nachfolgekette unterbrochen, und man musste eine Lösung finden. Die Dialoge waren nicht einfach, denn besonders im Falle der MAS kamen die Anweisungen aus dem mexikanischen Exil von Morales und diejenigen, die hier waren, hatten keine eigene Entscheidungsgewalt. Sie hatten außerdem Angst, festgenommen zu werden. Deshalb mussten wir öfter die Treffpunkte wechseln. Dadurch zog sich das alles sehr in die Länge. 

Dann übernahm die Senatorin Jeanine Áñez die Interimspräsidentschaft, und sie zog zusammen mit Fernando Camacho, dem Vertreter der Wirtschaftselite aus dem Tiefland, mit der Bibel in den Präsidentenpalast ein. Wie kam das in der Kirche an?

Bolivien ist ein laizistischer Staat, und unsere Mission ist keine politische, sondern die Evangelisierung. Deshalb fühlen wir uns nicht wohl, wenn wir von einer politischen Seite vereinnahmt werden.

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