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Ärztemangel: Peru setzt Mediziner ohne Approbation ein

Wegen der Corona-Krise sollen in Peru verstärkt Ärzte tätig werden, die noch keine behördliche Zulassung haben. Auch geflüchteten venezolanischen Medizinern wird der Zugang ins Gesundheitssystem erleichtert.

Wegen der Coronakrise ist das peruanische Gesundheitssystem überfordert, nun sollen Ärzte ohne Approbation helfen.  

Mit mehr als 470.000 Infizierten und fast 21.000 Toten (Stand 09.08.2020) ist Peru zu einem der Corona-Hotspots in Lateinamerika geworden. Nur in Brasilien und Mexiko sind die Zahlen noch höher - aber diese Länder haben auch deutlich mehr Einwohner.

In Peru trifft das Coronavirus auf ein schwaches Gesundheitswesen: zu wenig Krankenhausbetten, zu wenig Medikamente, zu wenig Sauerstoff, zu wenig Personal. Um letzterem Problem zu begegnen, hat Präsident Martín Vizcarra vor wenigen Tagen eine Notstandsverordnung unterzeichnet. Sie soll ermöglichen, dass inländische wie ausländische Ärzte im Gesundheitssystem tätig werden, die noch ohne Approbation sind, also noch keine behördliche Zulassung haben. Ausländische Mediziner sollen sogar arbeiten können, ohne erst die Anerkennung ihrer Abschlüsse abwarten zu müssen.

Situation der Venezolaner prekär

Letzteres würde wohl vor allem venezolanischen Geflüchteten zugute kommen: In Peru leben um die 830.000 Venezolaner, die angesichts der politischen und humanitären Krise in ihrer Heimat Venezuela verlassen haben.

Die außergewöhnliche Maßnahme könnte die Stimmung zwischen Peruanern und Venezolanern vielleicht etwas aufhellen. Denn anfängliche Hilfsbereitschaft gegenüber den Migranten schwand nach einiger Zeit in Peru, und die Corona-Krise dürfte Ressentiments noch verstärkt haben. So berichtete etwa ein Venezolaner dem Online-Portal "Blickpunkt Lateinamerika", eine Ladenbesitzerin habe zu ihm gesagt, seine Landsleute hätten das Virus ins Land gebracht.

Eine Win-Win-Situation ist die neue Verordnung jedenfalls insofern, dass sowohl überlastete Krankenhäuser profitieren könnten als auch bislang arbeitslose oder prekär beschäftige Ärzte aus Venezuela.

Mehrere Tausend Venezolaner sollen im Gesundheitssystem tätig werden

In der Notstandsverordnung heißt es, dass ausländischen Medizinern nach Aufnahme der Tätigkeit bis zu sechs Monate Zeit gewährt wird, um Titel und Approbation in Peru anerkennen zu lassen. Laut Medien soll der Lohn für medizinisches Personal ohne nationale Anerkennung des Titels mindestens dem peruanischen Mindestlohn von 930 Sol entsprechen, umgerechnet 220 Euro. Sechs Monate im Berufsleben sind auch der zeitliche Rahmen, in dem peruanische Mediziner ohne Approbation das dafür notwendige Staatsexamen absolvieren müssen.

Wie viele Venezolaner nun durch die Neuregelung leichter in Peru Arbeit finden können, ist unklar. Mitte Mai hatte Perus Außenministerium noch bekanntgegeben, man hoffe, etwa 3400 venezolanische Ärzte und Krankenpfleger in das Gesundheitssystem integrieren zu können. Venezuelas Botschafter in Peru hatte im April von 1000 Ärzten und 4000 Pflegern gesprochen.

Regierung muss wegen Corona-Management zurücktreten

Perus Premierminister Pedro Cateriano sagte noch am Morgen des 3. August, er begrüße den Abbau bürokratischer Hürden für die Zeit der Coronavirus-Pandemie. "Auf diese Art und Weise können alle Mediziner bei der nationalen Aufgabe der Bekämpfung des Virus mithelfen." Denn in den letzten Tagen habe man einen "kleinen Anstieg" bei den Infektions- und Todesfällen gesehen.

Doch schon am Dienstag verlor Cateriano sein Amt. Das Parlament in Lima machte dem Premier klar, dass es die Corona-Krise in Peru offenbar ernster einschätzt: In einem Vertrauensvotum stimmten die Abgeordneten mehrheitlich gegen den Regierungschef. Damit ist auch Perus Kabinett zum Rücktritt gezwungen und Präsident Martín Vizcarra muss ausgerechnet mitten in der Pandemie eine neue Regierung bilden. Dabei hatte er erst Mitte Juli Premierminister Zeballos und mehrere andere Minister ausgetauscht, nachdem die hohen Infektionszahlen des Landes und die Wirtschaftskrise Vizcarras Popularität geschmälert hatten.

Auch die peruanische Ärztekammer "Colégio Médico del Perú" hatte Cateriano kritisiert. "Indem er sagt, es handele sich um einen kleinen Wiederanstieg, redet der Premier das Problem unnötig klein. Die Kurve, die wir sehen, ist eine Tragödie für Peru", sagte der Vorsitzende Palacios Celi im Fernsehsender ATV. Die Kammer erklärte, ihrerseits zu erwägen, einen neuen 15-tägigen Shutdown zur Eindämmung der Infektionszahlen vorzuschlagen.

Ärztekammer bezeichnet Dekret als "unnötig"

Die bürokratischen Erleichterungen für Mediziner hält die Kammer dagegen trotz der Krise für keine gute Idee. "Das Dekret ist unnötig und - obwohl auf die Zeit des medizinischen Notstands begrenzt - ein gefährlicher Präzedenzfall für die Institution der professionellen Ärztekammern." Die Maßnahme fördere die illegale Ausübung des Arztberufes, heißt es in einer Mitteilung.

Unnötig sei die Verordnung deshalb, weil die regionalen Ärztekammern sowieso seit Beginn der Pandemie dazu übergegangen seien, Medizinern mit beglaubigtem Abschluss online und binnen 48 Stunden Approbationen zu erteilen. Auch Ausländer, die von einer "angesehenen Institution" für fähig befunden wurden, würden binnen 48 Stunden eine Zulassung für einen Monat erhalten.

Regierungskrise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise - trotz der Bedenken könnte die Vorab-Erlaubnis für ausländische Mediziner und solche ohne Approbation ein Baustein sein, um Peru zumindest in einer der drei Krisen zu helfen.

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