
Arnold Antonin (Foto: Jürgen Escher / Adveniat)
Arnold Antonin ist Filmemacher und Direktor des Zentrums Pétion-Bolívar in Port-au-Prince. Sechs Monate nach dem Erdbeben in Haiti zieht er in einem Interview mit "Blickpunkt Lateinamerika" eine kritische Bilanz der Situation in seinem Land und der Politik unter Präsident Préval.
Sechs Monate nach dem Erdbeben: Haben Sie den Eindruck, dass Haiti sich wieder aufrichtet? Gibt es einen Wiederaufbau auf einer materiell wie politisch stabileren Basis?
Auch sechs Monate nach dem Erdbeben ist die Situation in jeder Hinsicht noch sehr kritisch. Es besteht die Gefahr einer neuen humanitären Katastrophe – in der Katastrophe. Bis heute hat nur die Natur verhindert, dass ein Hurrikan Haiti trifft und die Flüchtlingslager und provisorischen Unterkünfte in Flüsse verwandelt und Hunderte Menschen obdachlos macht.Diese Flüchtlingslager werden zu den neuen Elendsvierteln Haitis. Mehr als eine Million Menschen lebt darin. Öffentlicher oder privater Rückzugsraum verschwindet.
Es gibt noch keinen Wiederaufbau – höchstens einen, den die obdachlos gewordenen Menschen selbst unternommen haben – ohne auf irgendwelche Normen zu achten. Abgesehen von einigen öffentlichen Gebäuden mit Symbolwert gibt es keine Wiederaufbaupläne. Es gibt bis heute weder Regeln zum lokalen Wiederaufbau, noch einen urbanen Masterplan, Bodenstudien oder einen nationalen Plan. Mit einem Maximum an Unordnung und Inkohärenz, ausländischen Vorschlägen unterworfen, kommt es nur vereinzelt zum Bau von Unterkünften, aber es zeichnet sich noch kein massiver Aufbau von Unterkünften für die große Mehrheit der Opfer ab.
Im Hinblick auf die oolitische Situation gibt es eine zunehmende Instabilität angesichts der bevorstehenden Wahlen.
Ist die internationale Hilfe Ihrer Ansicht nach wirksam?
Die humanitäre Hilfe war sehr nützlich, aber die Abwesenheit des Staates bei deren Orientierung hat verhindert, dass sie so wirksam war, wie sie hätte sein können. Die Gefahr besteht nun, dass Haiti auf Dauer ein von humanitärer Hilfe abhängiges Land bleibt und das Somalia der Karibik wird – so wie es ein Mann in meinem Film „Chronik einer angekündigten Katastrophe“ sagt.
Meinen Sie, dass der Rücktritt von Präsident René Préval – wie von einer breiten Koalition der Opposition gefordert – positive Auswirkungen auf Haiti haben könnte?
Präsident Préval hat die Gelegenheit verpasst, es wie Winston Churchill mit dem englischen Volk während der Bombardierung von London durch die Nazis zu machen. Préval hätte ganz Haiti hinter sich vereinen können, um das Land gemeinsam auf einer neuen Basis aufzubauen. Aber er wollte oder konnte nicht. Heute ist Haiti erneut höchst gespalten und in Gefahr auseinanderzufallen, obwohl es sich mit allen Kräften auf den Wiederaufbau konzentrieren müsste.
Vertrauen Sie dem Provisiorischen Wahlrat (Conseil Electoral Provisoire – CEP)?
Meine Position gegenüber dem CEP hat keine große Bedeutung, aber die gesamte politische Klasse weist ihn zurück und das hat keine guten Folgen.
Im Hinblick auf Ihre Arbeit als Filmemacher und als Direktor der Zentrums Pétion-Bolívar: haben Sie Ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen können? Haben Sie neue Projekte vor dem Hintergrund der schwierigen Situation nach dem Erdbeben?
Ich habe den Film " Chronique d´une catastrophe annoncee“ („Chronik einer angekündigten Katastrophe“) gedreht, damit die Haitianer nicht vergessen, was geschehen ist und sich daran erinnern werden, dass es 200.000 Tote zuviel gegeben hat und sie alles daran setzen müssen, dass so etwas nicht wieder geschieht. Der Film wird an zahlreichen Orten gezeigt. Jetzt arbeite ich an einer neuen Dokumentarreihe und an einem Szenario für einen fiktionalen Film.
Sie organisierten vor dem Beben einmal monatlich das "Forum Libre du Jeudi", das „Freie Forum am Donnerstag“, bei dem Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Studenten, Arbeiter und Fachleute – um die hundert Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – vier Stunden lang über ein Thema diskutieren, das das ganze Land bewegt. Findet dieses Forum wieder statt?
Ja, wie haben uns entschieden, uns dabei dieses ganze Jahr lang auf die Problematik des Wiederaufbaus zu konzentrieren. Am 15. Juli werden wir über die politischen Herausforderungen des Aufbaus sprechen, im Juni ging es um die sozialen und im August werden wir uns den kulturellen und symbolischen Herausforderungen widmen.
Sie sind Haiti sehr treu geblieben. Nach Jahren des Exils sind Sie nach dem Fall der Duvaliers sofort wieder nach Haiti gezogen. Denken Sie jetzt manchmal daran, Haiti wieder zu verlassen?
Nein, ich werde dieses Land nicht verlassen, dem ich so sehr verbunden bin. Ich möchte das Ende des Filmes sehen und arbeite mit meinen bescheidenen Mitteln daran, dass es trotz allem ein Happy End geben wird...Pessimismus der Intelligenz und Optimismus des Willens, das ist mein Leitmotiv.
Die Fragen stellte Verena Hanf.