
Père H´ans Alexandre aus Haiti / R. Krupp, Adveniat
„Vergesst Haiti nicht“ – so heißt ein Inititativkreis, der helfen möchte, Schulen in Haiti zu bauen. Gründungsmitglieder sind u.a. der emeritierte Weihbischof von Essen, Franz Grave, und der ehemalige Ministerpräsident Wolfgang Clement. Bei der Vorstellung des Initiativkreises im NRW-Landtag war auch ein Gast aus Haiti da: Père Han’s Alexandre. Er berichtete über die schwierige Schulsituation in Haiti und über die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen vor Ort.
P. Han´s: Es ist wichtig, dass die Schulen überhaupt wieder geöffnet sind. Es ist ein Trost für Eltern zu wissen, dass ihre Kinder wieder in die Schule gehen können, sich treffen können, zusammen singen, weinen, lernen können.
Aber die schulischen Bedingungen sind sehr schwierig, stark vom Wetter abhängig. Oft ist es extrem heiß oder es regnet. Wenn es regnet, findet kein Unterricht statt.
Aber die Hoffnung ist da und es gibt keine andere Wahl, als sich der Zukunft zuzuwenden. Und Voraussetzung für die Zukunft ist die Erziehung.
Die Schulen, die der Initiativkreis „Vergesst Haiti nicht“ zusammen mit dem Hilfswerk Adveniat bauen möchte, sind so konzipiert, dass man sie als Kirche oder Schule nutzen kann. Gibt es große Unterschiede zwischen diesen katholischen Pfarreischulen und den staatlichen Schulen im Land?
Es gibt sehr große Unterschiede zwischen den Schulen in Haiti. Aber die Schulen, die Adveniat normalerweise unterstützt, nehmen vor allem die armen Kinder innerhalb der Gesellschaft auf, Kinder, die die anderen Schulen nicht aufnehmen würden. Diese Schulen sind meist umsonst, denn die Familien können kein Schulgeld zahlen.
Leider fehlt es aber gerade an diesen Schulen an qualifizierten, kompetenten Lehrern. Man kann kaum beides haben: kostenlosen Unterricht und qualifizierte, gut bezahlte Lehrer. Daran mangelt es uns: an qualifizierten Lehrern.
Die Familien in Haiti sind oft größer als zum Beispiel bei uns in Deutschland. Können dann überhaupt alle Kinder in die Schule gehen?
In einigen Familien, in einigen Regionen, machen es die Eltern so: Sie suchen eines ihrer Kinder aus, das dann in die Schule gehen darf. Und dieses Kind wird später für den Unterhalt der Familie aufkommen. Die ganze Familie arbeitet dafür, um diesem Kind die Schulausbildung zu ermöglichen.
Man muss sich bewusst werden, was Familie in Haiti bedeutet, was ihre Rolle bei der Erziehung ist. Die Geschwister fühlen sich füreinander verantwortlich. Sie sagen nicht: das ist deine Sache, dein Leben. Oft versteht man das im Ausland nicht so gut, man blickt mit europäischen Augen auf Haiti. Aber wenn man darauf hinarbeiten will, jedem Kind in Haiti eine Chance zu geben, muss man die haitianische Situation und das haitianische Familienbild verstehen.
Selbst wenn zunächst alle Kinder einer Familie eingeschult werden, wird nach einiger Zeit geschaut, welches Kind das Begabteste ist, das soll dann weiter in die Schule gehen, während die anderen arbeiten werden – auch wenn diese Entscheidung in den Familien Schmerz hervorruft, diese Auswahl treffen zu müssen.
Wie war das bei Ihrer Familie?
Ich habe sechs Geschwister, keine kleine Familie. Glücklicherweise hatten meine Eltern die Mittel, uns alle zur Schule zu schicken. Wir waren nicht die Reichsten in der Stadt, aber auch nicht die Ärmsten. Wir hatten jeden Tag zu essen, wurden versorgt, wenn wir krank waren, wir hatten Spielzeug und in den Ferien konnten wir aufs Land fahren.
Es soll in Haiti über 10.000 Hilfsorganisationen und Gruppen geben. Schon vor dem Erdbeben konnten sie nicht verhindern, dass es vielen Haitianern immer schlechter geht. Wie ist es nach dem Beben? Mit wie vielen Hilfsorganisationen haben sie schon gesprochen seitdem?
Wir haben mit sehr wenigen Organisationen Kontakt aufgenommen. Eine hatte auch Hilfe versprochen, bis jetzt aber haben sie in unserer Gemeinde noch nichts gemacht. Adveniat hilft uns, begleitet uns, auch im Glauben, bei Messfeieren, schlägt uns vor, uns zu helfen. Wir sind geduldig, geduldig.
Fällt es Ihnen schwer, um Hilfe zu bitten?
Nein, das ist nicht schwierig. Man muss allerdings gute Anfragen stellen und wissen, wo man um Hilfe fragen kann. Aber es gibt soviel zu tun, soviel zu tun, dass wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Wir müssen erst herausfinden, was tun, wo anfangen.
Wie schätzen sie die Fortschritte ein, die Haiti seit dem Januar gemacht hat?
Meine Sorge ist die: ich dachte, dass wir nach fünf, sechs Monaten sehen würden, wie die Dinge sich verändern. Doch trotz der vielen Investitionen sieht man kaum Veränderungen. Ich habe die Sorge, dass Haiti seine Chance auf einen guten Aufbau verpasst. Sorge bereiten mir auch die führenden Politiker: werden sie ihre persönlichen Interessen zugunsten des Allgemeinwohls zurückstellen? Man muss auf das Außenbild achten, das Haiti abgibt. Man muss zeigen, dass wir eine Einheit bilden. So erwerben wir auch das Vertrauen derjenigen, die uns helfen wollen.
Ich bin überzeugt, dass der Aufbau der Gesellschaft einhergehen muss mit dem Aufbau der Geschwisterlichkeit. Wenn das gegeben ist, wenn eine Einheit geschaffen wird, dann kann man Unvorstellbares erreichen. Aber wenn es keine Einheit gibt, ist dies nicht möglich.
Das Interview führte Julia Mahncke.