
Padre Fernando Montes. Foto: Flickr
Seit mehr als einem halben Jahr protestieren Chiles Studenten für eine Reform des Hochschulsystems. Sie wehren sich gegen ungleiche Zugangsmöglichkeiten und die Kommerzialisierung von Bildung. Padre Fernando Montes ist Rektor der Jesuitischen Universität Alberto Hurtado in Chile und spricht im Interview mit Blickpunkt-Mitarbeiterin Mareille Landau über die Problematik des chilenischen Bildungssystems.
Padre Fernando, was ist Ihrer Meinung nach das Grundproblem der Universitätsbildung in Chile?
Das Bildungssystem in Chile produziert große soziale Kontraste, sollte aber eigentlich eine Verbindung zwischen den Gruppen herstellen. Das zeigt sich auch in der Qualität der Bildung. Wir haben eine qualitativ sehr hochwertige Bildung für die wohlhabenden Klassen und eine sehr schlechte Bildung für die Menschen aus einfachen Verhältnissen. Wir müssen daher das Bildungsthema zusammen mit der sozialen Frage bearbeiten. Theoretisch haben wir heute in Chile ein sehr breites Angebot von Bildung. 100 Prozent der Menschen in Chile können die Grundschule und auch die weiterführende Schule besuchen, 50 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zur Hochschulbildung. Damit ist das flächendeckende Angebot von Bildungsmöglichkeiten gegeben. Jetzt müssen wir uns dem Thema der Qualität der Bildung widmen. Was damit verbunden ist, dass die Hochschulbildung sehr teuer ist. Wer an die Universität geht, muss viel zahlen.
Finden Sie das vertretbar?
Ich bin damit einverstanden, dass man für sein Hochschulstudium Geld bezahlen muss. Warum? Deswegen, weil derjenige, der Zugang zu einer Hochschulausbildung hat, nachher einen Beruf ergreifen kann, der ihm sein Einkommen sichert. Daher bin ich dafür, dass derjenige, der studiert, etwas dafür zahlt – sei es im Moment des Studiums oder später, wenn er im Beruf ist. In Argentinien beispielsweise ist der Zugang zur Universität kostenlos. Dort fangen viele an zu studieren, aber nur sechs bis sieben Prozent schließen das Studium ab. Das ist ein Desaster.
Welchen Wert hat für Sie die Idee der gleichen Bildungsmöglichkeiten für alle?
Die Ungleichheit ist etwas Natürliches. Was aber nicht sein kann, ist, dass sie aufgrund von finanziellen Möglichkeiten oder aufgrund der sozialen Herkunft entsteht – sondern aufgrund von Fähigkeiten, die man einbringt. Momentan determinieren die wirtschaftlichen und die sozialen Voraussetzungen die Ungleichheiten und dadurch ist auch die Entfaltung der Fähigkeiten vorherbestimmt. Das ist ein Problem.
Was wäre Ihr Lösungsvorschlag?
Die Frage nach der Forderung nach kostenlosem Zugang zum kompletten Bildungssystem ist aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung in Chile zurzeit nicht möglich. Für die universitäre Ausbildung könnte ich mir vorstellen, dass man für die unteren beiden Fünftel der Bevölkerung Stipendien zur Verfügung stellen muss, die einen freien Zugang zur Universität ermöglichen. Für das dritte und das vierte Fünftel könnte man Kredite einführen. Wichtig ist, dass diese Kredite keine Knebelkredite sind. Und das letzte Fünftel kann seine Universitätsausbildung selbst zahlen.
Was ist das Problem bei den Krediten?
Zum einen gibt es Kreditformen, die die Studenten und deren Familie auf lange Jahre hin knebeln. Und es gibt ein zweites Problem mit diesem System: Es werden Kredite vergeben, die in Zukunft abgezahlt werden und die Familie während des Studiums trotzdem 25 Prozent selbst aufbringen muss. Dieses unausgereifte Kreditsystem führt dazu, dass viele Jugendliche ihr Studium nicht abschließen, obwohl sie die Fähigkeiten haben.