
Camila Vallejo und Jorge Murúa. Foto: Rosa-Lumexburg-Stiftung.
Die Studentenproteste in Chile gehen in die zweite Runde. Nachdem im vergangenen Jahr monatelang mehr als 150.000 Studenten für eine Reform des Hochschulsystems demonstriert haben, reisen die drei Wortführer der sozialistischen Bewegung Chiles nun durch Europa. Dabei wird deutlich – es geht um mehr als eine Reformierung des Bildungssystems.
Camila Vallejo, deren Gesicht schon im vergangenen Jahr europaweit auf den Titelseiten von Zeitungen zu sehen war, ist Vize-Präsidentin der Studentenvereinigung der Universität von Chile und gilt als Anführerin der Proteste. Zu der Spitze der Bewegung zählen aber auch Karol Cariola, Generalsekretärin der Kommunistischen Jugend, und Jorge Murúa, Mitglied in der Leitung des Gewerkschaftsdachverbandes.
„Die Universität wird als Geschäft betrieben. Wer studieren kann, entscheidet der Geldbeutel“, fasst Camila Vallejo die Problematik des Bildungswesens am 1. Februar im Dortmunder Rathaus zusammen. Das fördere die Klassenunterschiede und führe dazu, dass sich viele Menschen in Chile hoch verschulden. Die Studiengebühren in dem südamerikanischen Land zählen zu den höchsten weltweit. Ein Student der Rechtswissenschaften zahlt beispielsweise bis zu 5.000 Euro im Jahr. Kostenintensive Studiengänge wie Medizin können diesen Wert weit übersteigen.
Die Forderung der Protestler: Eine qualitativ hochwertige Bildung, an der alle Chilenen teilhaben können. Denn „Bildung ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht“, so die 23-jährige Vallejo. Dabei müsse auch der Privatsektor strenger reguliert werden, die Einnahmen der Universität in die Bildung fließen und nicht in Werbung oder die Kassen von Konzernen. „Der Markt regiert und das ist das Problem“, so die junge Sozialistin. Gekürzt werde an öffentlichen Universitäten beispielsweise bei den Geisteswissenschaften, da sie wirtschaftlich unrentabel sind und zu kritischem Denken anregen. – Ein Erbe der Diktatur, das es zu überwinden gelte.
Kritik geht über die Grenzen des Bildungswesens hinaus
Mit ihren Forderungen haben die Studenten in Chile einen starken Rückhalt in der Gesellschaft. 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung stehen hinter ihnen. Viele Bürger schlossen sich im vergangenen Jahr auch häufig spontan den Märschen durch die Straßen an. Grund dafür, dass aus der studentisch motivierten Protestwelle schnell ein Aufstand der Bevölkerungsmehrheit wurde, ist, dass die Kritik der Jugend über die Grenzen des Bildungswesens hinaus geht. Es geht um mehr als kostenlose Bildung. Es geht um einen umfassenden politischen Befreiungsschlag, auf den das Land ein viertel Jahrhundert nach Ende der Diktatur noch immer wartete.
Auch wenn Chile seine Position als erstes lateinamerikanisches Mitglied der OECD wirtschaftlich verbessert hat und Statistiken bescheinigen, dass die Armutsrate gesenkt wurde, habe sich die Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung vertieft. Schuld daran ist nach Ansicht von Karol Cariola (Kommunistische Jugend) die umfassende Privatisierung öffentlicher Güter wie Krankenhäuser, Wasser- oder Energiebetriebe und die damit verbundene enorme Macht des Marktes. „Wir sind eine Gesellschaft des Marktes, eine Gesellschaft des Konsums“, so die 24-Jährige.
Mehr als acht Millionen Chilenen sind hoch verschuldet
„Man ist Bürger, indem man konsumiert“, sagt auch Jorge Murúa als Vertreter der Gewerkschaften. Für die vielen Chilenen, die am Rande der Armutsgrenze lebten, ein wahres Dilemma. Denn der Mindestlohn sei auf umgerechnet 283 Euro festgelegt, erklärt Murúa. Wenn man davon die notwendigen Kosten einer dreiköpfigen Familie für Strom, Gas, Wasser, Gesundheit und Bildung abziehe, blieben noch etwa 20 Cent übrig – ein Wert, der in Chile einer Dose Cola entspricht. Diese Situation führe dazu, dass die Menschen immer mehr auf Kosten von Krediten leben. Mehr als acht Millionen Chilenen seien hoch verschuldet, sagt Jorge Murúa.
Ein Grundproblem ist, dabei sind sich alle drei Protestler einig, dass den Bürgern durch die diktatorische Vergangenheit noch immer der Mut zur Partizipation an politischen Prozessen und zum Aufbegehren fehle. Diese Mauer hätte die Jugend nun aber endgültig durchbrochen: „Wir sind die dritte Generation nach der Diktatur und wir haben keine Angst“, sagt Karol Cariola. In dieser Pseudo-Demokratie, wie die junge Sozialistin sie nennt, sei es dringend notwendig, soziale Kräfte zusammenzuführen. Die Menschen sollten wieder lernen, ihre Meinung zu äußern und ihre Stimme zu erheben, so Cariola. „Demokratie müssen wir alle mit unseren eigenen Händen erarbeiten“.
Autorin: Mareille Landau