
Umweltaktivistin Marina Silva. Foto: Talita Oliveira/Flickr.
Die 52-jährige Brasilianerin Marina Silva ist die wohl bekannteste Umweltpolitikerin Lateinamerikas. Ihr Engagement für den Erhalt des Amazonas-Regenwaldes begann sie an der Seite des später ermordeten Umweltaktivisten Chico Mendes. Als langjährige politische Weggefährtin des vormaligen brasilianischen Präsidenten Lula war sie Abgeordnete und Umweltministerin. Wegen dessen modernisierungsfreundlicher Politik brach Marina Silva mit Lula und kandidierte 2010 für die „Grünen“ gegen Dilma Rousseff. Entgegen aller Vorsagen erhielt Marina Silva 20 Prozent der Wählerstimmen und zog beinahe in die zweite Wahlrunde ein. Ramiro Escobar von der peruanischen Tageszeitung „La República“ traf Marina Silva in Brasilien.
Wie sollte die Beziehung zwischen Peru und Brasilien Ihrer Meinung nach gestaltet werden?
Wir stehen am Beginn einer dramatischen Periode in der Geschichte der Menschheit, in Lateinamerika muss es einen gemeinsam verantworteten Politikprozess geben, einen der von gegenseitiger Anerkennung geprägt ist. Zusammen mit allen Ländern, die sich die soziale Inklusion, den Erhalt der Umwelt und eine Wirtschaft, die Chancengleichheit im Wettbewerb möchte, auf die Fahnen schreiben.
Kann ein solcher Prozess in Lateinamerika funktionieren ?
Für die Entwicklungsländer ist dieser Prozess vielleicht weniger schmerzhaft. In den entwickelten Ländern ist eine Industrie, die auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen fußt, bereits geschaffen. Wir hingegen stehen am Anfang der Industrialisierung und können diese anderes gestalten. Unsere Wirtschaft ist abhängig von Ressourcen wie den Bodenschätzen, der Biodiversität und dem Wasser, und genau deshalb müssen wir als erste das Entwicklungsmodell ändern.
Ist das möglich mit Brasilien auf dem Weg zur Großmacht ? Brasilien investiert vermehrt in den Nachbarländern, dort wird Brasilien als Land auf Expansionskurs wahrgenommen.
Brasilien darf führen, aber auf geschwisterliche Art, indem es sein Wissen teilt und nachhaltige Prozesse in den Nachbarländern in Gang setzt. Wenn Brasilien Großprojekte in Peru oder Bolivien finanziert, so muss man Klauseln für den Umweltschutz und die lokale Bevölkerung einfordern. Brasilien könnte ein Land sein, dass den Ländern, in denen es Projekte finanziert, zu einer besseren Umweltpolitik verhilft.
Zum Beispiel in dem es die indigene Bevölkerung mit einbezieht, wie Sie es im “moviliserenden Staat” fordern?
Nicht nur die Indigenen, auch die Unternehmer, die Akademiker sollen einbezogen werden. Wir brauchen keinen “Fürsorgestaat“, der allen alles gibt, und auch keinen kontrollierenden Staat, der nur für die Interessen weniger wacht. Wir brauchen heute einen „movilisierenden Staat“ der fähig ist, die Unternehmen, die Universitäten, die Jugend, die Frauen und die Indigenen zu mobilisieren.
Vermissen Sie Lula als Präsident ?
Präsident Lula hat viel dafür getan, die Armut zu senken. Leider konnte er nicht die strategische Bedeutung einer nachhaltigen Entwicklung erkennen. Die große Herausforderung Brasiliens ist es heute, einen langfristigen Plan zu haben, in dem die nachhaltige Entwicklung, die erneuerbaren Energien, eine „grüne Wirtschaft“ mit niedrigem CO2-Verbrauch vorkommt. Das hat die Regierung Lula leider nicht verstanden. Aber er hat viel erreicht auf dem Feld der sozialen Inklusion, so wie Lulas Vorgänger Fernando Henrque Cardoso die Wirtschaft stabilisiert hat.
Übersetzung und Bearbeitung: Hildegard Willer