
Philip Fearnside / INPA
Der seit Jahrzehnten in Brasilien arbeitende US-Biologe Philip Fearnside nennt gegen die umstrittenen Wasserkraftwerke ein in der Öffentlichkeit eher unbekanntes Argument: Sie tragen - entgegen ihrem sauberem Image - stark zum Treibhauseffekt bei.
Sie kommen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Wasserkraftwerke viermal so viele Treibhausgase absondern wie angenommen. Was hat es damit auf sich?
Die Untersuchung zeigt, dass die Berechnungen des Energieunternehmens Eletrobrás mathematische Fehler aufwiesen. Einer bestand darin, dass die Emission von Methangas angeblich abnimmt, in Wirklichkeit steigt sie aber. Im Wasser sind Treibhausgase in großer Menge konzentriert, die Turbinen von Wasserkraftwerken führen zu ihrer Emission. Die Wasserkraftwerke im Amazonasgebiet sondern mehr Treibhausgase ab, als sie Energie erzeugen. Schätzungen zufolge würde es ohnehin 41 Jahre dauern, bis die Wasserkraftwerke Belo Monte und Babaquara beginnen, einen industriellen Nutzen abzuwerfen. Bis dahin aber kommen eben die Gas-Emissionen noch dazu. Das Argument der brasilianischen Regierung, es würde „grüne Energie“ erzeugt, ist falsch. Die Emission von Treibhausgasen muss umgehend kontrolliert werden, denn der amazonische Regenwald ist in Gefahr.
Wie kann es überhaupt zur Emission von Treibhausgasen aus Wasserkraftwerken kommen?
Die Treibhausgase werden auf verschiedene Weise freigesetzt. Das Methangas zum Beispiel durch das Wasser, das aus den Turbinen kommt. Kohlendioxid entsteht, wenn Blätter und Pflanzen an den Ufern der Flüsse verfaulen. Auf diese Gase entfallen etwa 20 bis 30 Prozent aller Emissionen. Es besteht ein Unterschied zwischen einem Wasserkraftwerk, das in einem See gebaut wird und einem, das im Regenwald liegt. Wasserkraftwerke in tropischen Regionen sondern mehr Treibhausgase ab. Eine Tonne Methangas hat übrigens die gleiche Wirkung wie eine Tonne Kohlendioxid. Einer neueren Studie zufolge ist Methan sogar 104 mal so umweltbelastend wie Kohlendioxid.
Gibt es Schätzungen, wie viele Treibhausgase Belo Monte absondern wird?
Belo Monte zusammen mit dem Staudamm Babaquara wird im ersten Jahrzehnt des Betriebs meinen Berechnungen nach 11,2 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre absondern – jedes Jahr. Eine Studie aus dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zählte übrigens 217 Wasserkraftwerke in Brasilien, die eine Fläche von 33.000 Quadratkilometern einnahmen – das entspricht etwa der Größe Belgiens, ein Gebiet, das vollständig von Wasser bedeckt ist.
Welche Auswirkungen wird der Bau von Belo Monte Ihrer Einschätzung nach haben?
Belo Monte wird sich für Brasilien als großes wirtschaftliches Problem herausstellen. Denn die Wassermenge, die der Rio Xingu führt, unterliegt im Verlauf des Jahres erheblichen Schwankungen. Zum Höhepunkt der Hochwasserperiode ist es im Vergleich mit der Trockenperiode die 60fache Menge. Im Prinzip reicht das Wasser während vier Monaten nicht aus, um die Turbinen anzutreiben. Und die Turbinen sind die teuersten Bestandteile eines Wasserkraftwerks. Daher kostet es sehr viel Geld, wenn sie nicht in Betrieb sind.
Dennoch plant die brasilianische Regierung weitere Wasserkraftwerke am Rio Xingu, die Auswirkungen auf den Lebensraum Indigener und die Regenwälder haben werden. Und natürlich für noch mehr Treibhausgase sorgen. Im ursprünglichen Plan für Belo Monte war aber keine Rede von weiteren Wasserkraftwerken. Regierung und Bauunternehmen gingen dann dazu über, die Illusion von einem einzigen Wasserkraftwerk zu erzeugen.
Quelle: adital, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel