Vor einem Missbrauch der Frage des Schwangerschaftsabbruchs im Wahlkampf haben Demétrio Valentini, Bischof von Jales/SP und Präsident der Cáritas Brasileira, sowie der Theologe José Comblin eindringlich gewarnt. Die katholische Kirche habe ihre politische Unabhängigkeit zu wahren.
Blickpunkt Lateinamerika dokumentiert die Stellungnahme von Dom Demétrio Valentini und einen offenen Brief dazu von P. José Comblin:
Schluss mit der Täuschung
von Dom Demétrio Valentini
Die Frage des Schwangerschaftsabbruchs wird für Wahlkampfzwecke missbraucht. Dies verhindert, dass ein Thema, das volle Aufmerksamkeit verlangt, verantwortungsvoll aufgegriffen wird. Wahlkampfbedingte Täuschungsmanöver sind da völlig fehl am Platz.
In diesem Wahlkampf haben wir es gleich mit einer doppelten Täuschung zu tun, die aufgedeckt werden muss. Zum einen wird die Autorität der brasilianischen Bischofskonferenz CNBB beschworen, um diese für Positionen einzunehmen, die sie nicht unterstützt. Zum zweiten wird jenen, welche die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruches unter bestimmten Umständen befürworten, unterstellt, sie seien gegen das Leben und grundsätzlich „für“ Abtreibung.
Was im Wahlkampf konkret dazu führte, dass von einer Regionalgliederung der CNBB dazu aufgerufen wurde, nicht für die Kandidaten der Arbeiterpartei PT zu stimmen, insbesondere für deren Präsidentschaftskandidatin Dilma Rousseff. So als ob diese für Katholiken grundsätzlich nicht wählbar seien. Dies aber entspricht nicht der Tradition der Unparteilichkeit der brasilianischen Bischofskonferenz. Sollte die „Presidência do Regional Sul 1” hierzu nicht Stellung beziehen, würde der Glaubwürdigkeit der CNBB als Ganzem Schaden entstehen.
Am Wahltag wurden in den Kirchen Flugblätter mit dem Aufruf verteilt, so dass der Eindruck entstehen musste, die Bischofskonferenz stehe hinter der Wahlempfehlung. Angesichts dieses schwerwiegenden Fehlverhaltens täte die Spitze der CNBB gut daran, ein klärendes Wort zu sprechen, ganz im Sinne der bewährten Unparteilichkeit der Institution.
Offener Brief an Dom Demétrio von P. José Comblin
Lieber Dom Demétrio,
ich möchte Ihnen öffentlich meinen Dank für Ihre erhellenden Worte darüber aussprechen, wie die katholische Religion für den brasilianischen Wahlkampf manipuliert wird. Wir wir – dem Herrn sei Dank – wissen, entsprach die Verbreitung des umstrittenen Dokuments nicht dem Willen der brasilianischen Bischofskonferenz, ja sie geschah sogar im eindeutigen Widerspruch zur entsprechenden Entscheidung, welche die CNBB auf ihrer letzten Generalversammlung getroffen hatte: Die Bischöfe greifen nicht in den Wahlkampf ein.
Das Dokument der „Presidência do Regional Sul 1” war bereits Ende August verbreitet worden, ohne dass das brasilianische Volk in seiner Mehrheit fast einen Monat lang hiervon Kenntnis nahm. Zwei Tage vor der Wahl am 3. Oktober schließlich machten sich die Unterstützer eines bestimmten Kandidaten das Dokument zunutze, welches sie mit viel Geld und viel Lärm lancierten. Bei vielen Wählern löste dies große Verwirrung aus. Der Eindruck entstand, Brasiliens Bischöfe würden katholischen Wählern verbieten, Kandidaten der Arbeiterpartei PT zu wählen, vor allem aber deren Präsidentschaftskandidatin.
Die Zeit war knapp – wie gesagt zwei Tage vor der Wahl - , so dass die Beschuldigten nicht mehr reagieren und sich verteidigen oder erklären konnten. In Wirklichkeit handelte es sich nämlich um eine schmutzige Manipulation, die den Eindruck vermitteln sollte, hinter dem Aufruf stehe die katholische Kirche. Die Bischöfe, die das Dokument im August unterzeichneten, würden sich allerdings in den Augen der Öffentlichkeit zu Komplizen machen, gingen sie nicht auf Distanz zu der Manipulation. Auch die CNBB muss deutlich Stellung beziehen, da Millionen Katholiken zur zweiten Runde der Präsidentschaftswahl mit dem Gedanken gehen könnten, ihre Entscheidung für die Kandidatin der Arbeiterpartei komme einem Ungehorsam gegenüber den Bischöfen gleich. Dies wäre ein sehr gefährlicher Präzedenzfall.
Außerdem würde die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der Zivilgesellschaft beschädigt, und das zu einer Zeit, in der sie ohnehin viele Gläubige verliert. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, die brasilianischen Bischöfe mischten sich zugunsten des Kandidaten der Eliten aus São Paulo, und damit gegen die Kandidatin der Armen, in den Wahlkampf ein. Die Armen besitzen hier eine große Sensibilität. Sie wissen, wer an ihrer Seite steht, und wer nicht. Sie dürften vermuten, dass die Frage des Schwangerschaftsabbruchs nur vorgeschoben wird, um über die dahinterstehende größere soziale Frage nicht sprechen zu müssen. Millionen von Armen werden für die Kandidatin der Regierung stimmen, da sich ihr Leben positiv verändert hat. Erstmals in der Geschichte Brasiliens haben sie gesehen, dass sich eine Regierung wirklich für sie interessiert und sie nicht mit Worten abspeist. Und die Verbesserungen hatten nicht nur materiellen Charakter, sondern den Armen wurde ein Gefühl der Würde vermittelt. In diesem Sinne stellt auch der Wahlakt der Armen einen Akt der Würde dar. Nun ist eine Erklärung von Seiten der CNBB gefordert, welche das Gewissen der Armen beruhigt.
Dom Demétrio, der Herr verdient die Dankbarkeit aller Katholiken, die eine eindeutige, saubere, offene und dialogbereite Kirche wollen. Die Dämonisierung der Regierungskandidatin widerspricht vollkommen dem Geist des Evangeliums. Wir wollen weiterhin unseren Bischöfen vertrauen und erwarten daher klare Worte.
Quelle: Adveniat