
Mons. Evangelista Alcimar Caldas Magalhães. Foto: Paolo Moiola
Dom Alcimar Caldas Magalhães, Bischof der Diözese Alto Solimões im brasilianischen Bundesstaat Amazonas, erzählt im Interview von seiner Arbeit. Der Kapuziner verdingte sich einst wie seine Eltern als Kautschukzapfer und gilt als hervorragender Kenner des Amazonasgebietes und seiner Probleme. Die Gemeinde Tabatinga liegt im Grenzgebiet von Brasilien, Kolumbien und Peru und ist bekannt als Umschlagplatz für Drogen.
Was bedeutet es, in Tabatinga zu arbeiten?
Hier begegnen sich verschiedene Ethnien, Kulturen und Sprachen. Die Zahl der indigenen Völker beträgt mindestens 30. Und es grenzen drei Staaten aneinander: Brasilien, Peru und Kolumbien. Alle sechs Monate lösen sich die Soldaten der drei Länder an der Grenze ab. Hier lässt sich konkret das Bemühen um ein gemeinsames Zusammenleben beobachten, in gegenseitiger Toleranz und auf der Suche nach Frieden. Es handelt sich meiner Meinung nach um ein erfolgreiches Experiment, fern der Metropolen Manaus, Bogotá und Lima.
Aber Tabatinga kennt auch viele Probleme. Wie würden Sie diese auf den Punkt bringen?
Die Probleme betreffen die Gesundheit, den Transport, die Sicherheit. Sicherheit lässt sich nicht allein mit Waffen herstellen. Sie muss sich auf den Austausch von Gütern, Kultur und Werten stützen. Das bedeutet zum Beispiel das Erlernen der Sprache des Nachbarn: Für Kolumbien und Peru des Portugiesischen, und für uns Brasilianer des Spanischen.
Ein großes Problem ist außerdem die Müllbeseitigung. Jeder versucht, seinen Müll irgendwo, nur nicht bei sich selbst, abzuladen. Zum Beispiel in den Fluss. Unweit von hier befindet sich der Fischmarkt. Aber Fisch ist nicht das Hauptnahrungsmittel.
Richtig. Um die Bevölkerung zu ernähren, wird Hühnerfleisch aus 4.000 oder 5.000 Kilometer Entfernung hierher gebracht. Dabei könnte der ganze Fisch, der zum Überleben notwendig wäre, aus der Region kommen. Wären aufgrund der Überfischung nicht die Bestände drastisch zurückgegangen. Auch die gesamte Milch kommt von außerhalb. Ursache hierfür sind ein fehlender politischer Wille und die Übermacht des Marktes, der nicht an die Bedürftigen denkt, sondern nur darauf schaut, welche Geschäfte am meisten Profit abwerfen.
Sie wurden hier in der Region geboren. Wie hat sich das Amazonasgebiet in den vergangenen Jahren verändert?
Wer das Amazonasgebiet von vor 30 Jahren kennt, versteht, dass wir an die Grenze gekommen sind. Ein absurdes Beispiel: Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die brasilianischen Behörden einen Indigenen ins Gefängnis werfen wollten, der keine Bescheinigung für den Baum vorweisen konnte, aus dessen Holz er sein Kanu baute. Der Staat geht einfach davon aus, dass der Großteil dieses grünen Ozeans ihm gehört. An wen aber hätte sich dieser Indigene denn wenden sollen? Wir alle wollen doch, dass der Regenwald erhalten bleibt, aber das Ganze sollte doch mit ein wenig Intelligenz und gesundem Menschenverstand ablaufen. Es müsste einfach genauere Regeln geben. Etwa: Wenn du Pflanzen abschneidest, dann musst du auch neue säen.
Die einzige wirtschaftliche Aktivität, die hier zu florieren scheint, ist diejenige, welche mit dem Drogenhandel verbunden ist.
Der Drogenhandelt stellt in der Tat ein schwerwiegendes Problem dar. Gezielt werden Kinder und arme Familien angesprochen. Ihnen wird scheinbar ohne Eigeninteresse Hilfe geleistet, um dann eines Tages um einen Gefallen zu bitten: „Du müsstest für mich mal eine Reise nach Manaus machen. Alles bezahlt, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Auf diese Art und Weise ziehen die Drogenhändler eine neue Generation heran. Sie beuten das Gefühl der Dankbarkeit ihrer Opfer aus. Wenn Sie eine Bestätigung hierfür haben wollen, besuchen Sie mal das Gefängnis: Es ist voll von sehr anständigen Menschen, die immer Gutes getan haben.
Interview: Paolo Moiola
Quelle: http://www.noticiasaliadas.org/articles.asp?art=6542 deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel