
Kraftwerk in Brasilien (Foto: Jürgen Escher/Adveniat)
"Eine Allianz der Völker, der Ethnien, der Communities und der traditionellen Bevölkerung" sei geschmiedet worden: Dieses Resümee zieht die Umweltaktivistin Telma Monteiro nach dem ersten Treffen von indigenen Vertretern, Wissenschaftlern und Vertretern der Zivilgesellschaft in der Stadt Itaituba im Bundesstaat Pará. Dort hatten sich vom 25. bis 27. August über 600 Betroffene von vier großen Staudammprojekten in der Amazonasregion getroffen, um ein gemeinsames Vorgehen gegen die Energieprojekte der Regierung zu beschließen. In einem auf der Webseite des Indianer-Missionsrates der katholischen Kirche, CIMI, veröffentlichen Interview hebt Monteiro den Entschluss zum Kampf gegen die Projekte hervor, die ohne Befragung der Gesellschaft errichtet werden.
Am Madeira-Fluss im Bundesstaat Rondonia, am Rio Tapajos in Para, entlang des Rio Xingú, ebenfalls in Pará und in Mato Grosso lässt die Regierung derzeit riesige Dämme errichten um Energie für die boomende Wirtschaft zu erzeugen. Dabei werden neben riesigen Urwaldflächen auch indigene Reservate und Naturschutzgebiete geflutet. Indigene Vertreter der betroffenen Regionen waren eigens zu dem Treffen angereist, darunter Vertreter der Caritianas aus Rondonia, der Mundurukus vom Rio Tapajos sowie Vertreter der Stämme vom Xingu.
Am Beispiel der Mundurukus hob Monteiro, die für das Kaninde-Institut arbeitet, die Bedeutung des traditionellen Siedlungslandes für das Fortbestehen der indigenen Völker hervor. So sei durch den Bau des Tapajos-Staudammes den Indigenen heiliges Land bedroht. "Das Paradies des Rio Tapajos, mit seinen 99 Wasserfällen und Nebenflüssen, ist wie eine heilige Bühne für die Gesänge und Tänze der Frauen des Munduruku-Stammes," so Monteiro. "Und all dies ist nun bedroht." Auf dem Treffen in Itaituba hätten die Mundurukus ihren Entschluss manifestiert dass der Damm nur "über ihre Leichen" gebaut werden könne.
„Brief der vier Flüsse“
Die Aktivistin kritisierte dass die Regierung die Infrastrukturprojekte durchführe, ohne die indigenen Völker angehört zu haben, obwohl es sich um ihnen rechtmäßig zustehendes Land handele. "Die Regierung überwälzt die Gemeinschaften, die indigenen Völker und die Biodiversität wie ein riesiger Traktor." Indigene Vertreter hätten das Treffen genutzt, um sich über ihre Rechte und Möglichkeiten des juristischen Kampfes zu informieren, so Monteiro. Dabei wurden ein Schreiben an die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft aufgesetzt, in dem sämtliche im Zuge der Lizensierungsverfahren für die Dämme begangenen Verstöße gegen die Umweltgesetzgebung aufgelistet wurden. Zudem setzten die versammelten Indiovertreter ein "Brief der vier Flüsse" genanntes Manifest gegen die Errichtung der Dämme auf.
"In der Geschichte Brasiliens haben alle großen Infrastrukturprojekte stets Zerstörung und Tod für seine Ureinwohner und deren Lebensweise gebracht - zum Wohle von großen Gruppen der Wirtschaft," heißt es darin. Im Namen eines angeblichen Fortschritts, von Entwicklung, der Schaffung von Arbeitsplätzen und einer Verbesserung der Lebensqualität, der sowohl von der Regierung wie auch von Großunternehmen mit demagogischen Mitteln vorgegaukelt werde, hätten die Verantwortlichen den gesetzlich vorgeschriebenen Lizensierungsprozess unterlaufen.
Sofortiger Baustopp gefordert
Alleine am Rio Madeira hätten bereits mehr als 3.000 Familien ihren Lebensraum aufgeben müssen und seien in die Städte ausgewichen. Derweil würde durch die Projekte eine "Privatisierung unserer natürlichen Rohstoffe" vorangetrieben, die gleichzeitig die indigenen Völker, ihre Kultur und ihr Jahrtausende altes Wissen missachte sowie ihre Wälder, Flüsse und ihre Sozio-Biodiversität zerstöre.
Das Manifest fordert den sofortigen Baustopp sowie eine Überprüfung der Projekte. Zudem wird die Regierung aufgefordert, ihre Energiepolitik zu ändern und "tatsächlich grüne und erneuerbare Energiequellen" zu fördern. Zu den Unterzeichnern des Manifestes gehören, neben den indigenen Vertretern, auch der CIMI, die Landpastorale der katholischen Kirche, Gewerkschafts- und Umweltschutzorganisationen. Zudem wurde in Itaituba vereinbart, demnächst weitere Treffen in den betroffenen Regionen zu organisieren.
Autor: Thomas Milz