Schwindelgefühl und Atemnot. Mit diesen Symptomen haben viele Passagiere zu kämpfen, sobald sie das Flugzeug verlassen. Das liegt an der Höhe von mehr als 4.000 Metern über dem Meeresspiegel.
»El Alto Aeropuerto Internacional« steht über dem Haupteingang des Flughafengebäudes. Die Stadt El Alto liegt im Altiplano, einer von den Anden eingegrenzten Ebene, rund 30 Kilometer nordwestlich der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Eine unwirtliche, karge Gegend, ohne nennenswerte Vegetation, dafür fast immer mit strahlend blauem Himmel und brennender Sonne. Der Sonnenhut gehört in dieser Gegend zur Grundausstattung. Hier lebt und arbeitet seit acht Jahren der Steyler Missionar Pater Gustavo Federico Jaime Juncal SVD. Der 39-Jährige stammt aus Argentinien und betreut die Herz-Jesu-Pfarrei in Laja, rund 20 Kilometer von El Alto entfernt. Ihm zur Seite stehen zwei Steyler Missionsschwestern aus Indien und Argentinien. »Wir sind eine der höchstgelegensten Pfarrein der Welt«, sagt Pater Gustavo nicht ohne Stolz. Manchmal kommen ihn Gäste aus Europa besuchen. Die nehmen dann in La Paz ein Taxi, das sie aus dem Talkessel auf über 4.000 Meter Höhe bringt.
Sandburgen und Schotterpisten
Pater Gustavos Pfarrei umfasst ein Gebiet, das etwa halb so groß wie das Saarland ist und bis zum Titicacasee reicht, dem größten Süßwasserreservoir Lateinamerikas. Zur Pfarrei gehören auch Teile von El Alto. »Laja, cuna de La Paz«, zu Deutsch: »Die Wiege von La Paz«, steht auf einer steinernen Stele am Ortseingang von Laja. Der Ort ist von historischer Bedeutung. »Hier gründeten die Spanier Mitte des 16. Jahrhunderts die erste Kirche Boliviens«, sagt Pater Gustavo. Noch heute steht sie im Zentrum von Laja. In den steinernen Bogen im Eingangsportal sind christlich-europäische und indianische Motive eingemeißelt. Direkt gegenüber der Kirche ist das Pfarrhaus, wo Pater Gustavo mit zwei Mitbrüdern lebt. Einer von ihnen macht gerade einen Weiterbildungskurs in Japan. »In unserer Pfarrei leben vor allem Aymara-Indianer«, sagt Pater Gustavo. Obwohl die meisten Aymara heute Spanisch sprechen, haben sie weitgehend ihre Kultur aus vorkolonialer Zeit bewahrt. »Zu Hause sprechen sie Aymara, Spanisch lernen die Kinder ab der zweiten Klasse, wenn sie denn zur Schule gehen können«, erklärt der Steyler Pater und hat damit gleich ein zentrales Problem im Altiplano angesprochen. Die meisten Aymara-Familien leben in entlegenen Dörfern am Fuße der Anden, wo nur unwegsame Schotterpisten hinführen.
Die nächstgelegene Schule ist meist 20 bis 30 Kilometer entfernt. Viele Eltern wollen oder können nicht dafür Sorge tragen, dass sich ihr Nachwuchs morgens allein auf den Weg zur Schule macht. So bleiben denn viele Kinder zu Hause. Sie spielen mit den Ziegen, bauen Sandburgen oder helfen Mama und Papa bei der Feldarbeit und beim Verkauf der Feldfrüchte auf einem der zahlreichen Märkte von La Paz. Von diesen Einkünften leben viele Familien. Häufig ist es ihr einziges Einkommen, denn selbst das viel beschworene Taxigewerbe ist in La Paz eine weitgehend »brotlose Kunst«, angesichts der vielen Taxis, die zwischen der Hauptstadt und dem Altiplano hin- und herfahren. Die Jahre vergehen und die Kinder verpassen es, lesen und schreiben zu lernen. Aus den Kindern werden Erwachsene und der Teufelskreis schließt sich. »Diese Zustände haben fatale Auswirkungen auf das Gefüge der bolivianischen Gesellschaft«, sagt Pater Gustavo, der als Student auch Kurse in Sozialarbeit belegt hat. »Denn wer nicht lesen und schreiben kann, der hat oft auch kein Interesse, seine eigenen Kinder zur Schule zu schicken«, sagt der Steyler Pater.
In den abgelegenen Landpfarreien können viele Menschen weder lesen noch schreiben. Hinzu kommt eine massive Unterversorgung bei Strom und Wasser und in der Gesundheitsfürsorge. In internationalen Rankings über die Lebensqualität in Großstädten weltweit landet El Alto zumeist im unteren Drittel, nicht weit entfernt von Städten wie Bagdad und Karatschi in Pakistan.
Bei Schmerzen Paracetamol
Dabei ist die Landschaft des Altiplano mehr als atemberaubend. In der Ferne ragen stolz die schneebedeckten Gipfel der Anden in die Höhe. Im Süden ist der Illimani zu sehen, mit 6.439 Metern der zweithöchste Berg Boliviens. Doch der bizarr-schönen Landschaft zum Trotz: In Pater Gustavos Pfarrei herrscht große Armut, nicht nur in Sachen Bildung. In den nahen Millionenstädten El Alto und La Paz gibt es zwar regen Handel und auch viele Banken, doch die Mehrheit der Bevölkerung hält sich mit dem Straßenverkauf von Früchten, Kartoffeln und selbst gemachten Süßspeisen über Wasser. Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist den meisten Menschen auch deshalb versperrt, weil die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Sozialversicherung an ein reguläres Beschäftigungsverhältnis gekoppelt ist, das nur wenige haben. Bei Schmerzen verkaufen Drogerien und Apotheken billiges Paracetamol, oder die Patienten sterben, wenn das Geld für eine medizinische Behandlung fehlt, was meist der Fall ist.
»Hola Padre«, begrüßen zwei Männer den Missionar in seinem Pfarrbüro. Zwei Mal in der Woche hat Pater Gustavo Sprechstunde. Die Leute tragen ihm ihre Sorgen und Nöte vor. Mal geht es um die Tochter, die studieren möchte, aber kein Geld hat. Denn trotz der Bildungsmisere: Auch im Altiplano gibt es viele junge Leute, die die Schule erfolgreich durchlaufen und sich weiterqualifizieren möchten. Ob der Pater einen Rat weiß, vielleicht einen Wohltäter im fernen Europa kennt, der die Kosten für ein Hochschulstudium übernehmen würde? Rund 200 Euro Studiengebühren im Jahr stehen im Raum. Für die meisten Aymara-Familien ist das eine unvorstellbar große Summe. Ein anderes Mal sind einem Bauer zwei Kühe erkrankt. Ob der Pater Ahnung davon hat oder gar einen Tierarzt weiß, der helfen könnte? »Das Vieh ist die Existenzgrundlage vieler Menschen, da muss ich schon genauer hinschauen«, sagt Pater Gustavo. Zufällig ist einer seiner Freunde in La Paz, ein gebürtiger Däne, gelernter Tierarzt. Den Freund wird Pater Gustavo am folgenden Tag anrufen. Ein anderes Mal will eine junge Aymara ihr Neugeborenes zur Taufe anmelden. Dafür muss die junge Mutter Dokumente ausfüllen, die sie nicht lesen kann. »Wenn wir das geringe Bildungsniveau der Bevölkerung nur etwas anheben könnten, wäre vielen Menschen schon sehr geholfen«, sagt Pater Gustavo. Es wäre der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.