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22.05.2012

Bolivien

Mehr TV und Radio

Regierung baut Medienlandschaft aus.

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22.05.2012

Lateinamerika

Demografischer Wandel verstärkt Armut im Alter

Mehr als die Hälfte der über 60-Jährigen ohne Rente.

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22.05.2012

Mexiko

Jährlich über 14.000 Tote durch Luftverschmutzung

Schärfere Reinheitsvorschriften gefordert.

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22.05.2012

Kolumbien

Freihandelsabkommen mit den USA in Kraft getreten

Inmitten von Protesten kolumbianischer Unternehmer, Bauern und Gewerkschaften ist am 15. Mai das bilaterale Freihandelsabkommen mit den USA in Kraft getreten. Demonstrationen gegen das Abkommen an den öffentlichen Universitäten zwangen die Behörden am 15. Mai zur Schließung der Einrichtungen. Zudem kamen bei einem Bombenanschlag auf einen ehemaligen Innen- und Justizministers zwei Leibwächter ums Leben.

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21.05.2012

Mexiko

Drei Generäle der mexikanischen Streitkräfte verhaftet

In Mexiko ist offenbar ein Grossreinemachen der Streitkräfte im Gange. In den vergangenen Tagen wurden ranghohe Offiziere unter dem Verdacht der Verwicklung in den Drogenhandel festgenommen. Sie kommen vorübergehend für 40 Tage in Untersuchungshaft unter dem Vorwurf des Organisierten Verbrechens.

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Titel

»Wir leben wie die Tiere!«

Haitianer in den Bateyes

Sacht streichelt die Mutter über das Köpfchen, zart verteilt sie etwas Puder über die dunkle Haut, verreibt es vorsichtig zwischen den winzigen Falten ihres Säuglings. Vor 20 Tagen erst hat sie den Jungen zur Welt gebracht. Er wurde geboren in Staub, Dreck und Hitze, umschwirrt von hartnäckigen Fliegen, in einem Ort, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Die Siedlung haitianischer Feldarbeiter, Bateye Vasco genannt, umfasst rund dreißig armselige Hütten inmitten scheinbar unendlicher Zuckerrohrfelder im Südwesten der Dominikanischen Republik. Wer hier geboren wird, hat keine einfache Kindheit, keine sorglose Jugend vor sich.

Das Baby hat noch keinen Namen, aber acht Geschwister, die in keinem Geburtsregister eingetragen sind. Es hat kein Bettchen, aber ein Hemdchen an, das einmal weiß war. Es hat keine Windeln, keinen Schnuller, keine Spieluhr, aber eine Mutter, die es anschaut mit diesem unvergleichlichen Mutterblick, in dem sich die Liebe mit Staunen und Umsicht, Sorge und Angst mischt angesichts des kleinen Wesens, das da hilflos auf ihren Knien liegt. Es ist ihr neuntes Kind, es fehlt an Essen, an Platz, an Kleidung, an allem – und dennoch heißt ihr Blick das Kind willkommen, schließt in dieser kurzen Schonfrist, in der das Baby auf ihren knochigen Knien liegt, die Sicht auf die Umgebung aus.

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Man hat uns vergessen!

Die Umgebung bietet wenig, an dem sich das Auge festhalten könnte, wenig, dem man ein Neugeborenes getrost überlassen wollte. Wäre nicht der Mutterblick, das Lachen der kleinen Brüder – nichts vermittelte dem Kind Aufnahme und Willkommensein. Jede Gartenlaube in deutschen Schrebergärten könnte den geduckten Backsteinhäuschen im Bateye Vasco Konkurrenz machen. Die Behausungen in den dominikanischen Zuckerrohrfeldern haben weniger Quadratmeter als Bewohner. Mehrköpfige Familien teilen sich einen Raum, drängen sich nachts auf einem Bett oder auf dem Boden zusammen. Ihre Habseligkeiten – abgetragene Kleidung, zerbeulte Töpfe, Plastikschälchen – stapeln sich in den Ecken oder unter dem Tisch. Die Böden sind nackt, die Wände unverputzt, die Wellblechdächer rostig. Es riecht süßlich nach verwesendem Müll.

Es gibt es hier kein fließendes Wasser, keinen Strom und kein Abwassersystem. Es gibt keinen Supermarkt, keinen Bäcker, nicht einmal – wie in manch anderen Bateyes – einen kleinen Gemischtwarenladen. Es gibt keine Arztpraxis oder Krankenstation in der Nähe und keinen Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel. Nur Felder ringsherum, über Kilometer hinweg. Allein ein unasphaltierter Weg voller Schlaglöcher führt von der Siedlung zu einer Landstraße. Ein Auto ist unbezahlbarer Luxus für die Bateyes-Bewohner. Man muss gut zu Fuß sein, um in die nächste Ortschaft zu gelangen.

»Uns hat man vergessen«, ruft Maneis, der aussieht wie ein Greis, obwohl er erst 62 Jahre alt ist. »Wir leben wie die Tiere!«, ruft er empört und schlägt energisch nach den Fliegen, die hysterisch um ihn herumsurren. Man freut sich fast, dass er angesichts des Elends, das ihn umgibt, noch so viel Wut in sich hat. Seine Arme sind sehnig, seine Stimme tief und grollend. »Uns geht’s schlecht. Schlecht!« Viele seiner gleichaltrigen Nachbarn wirken apathisch, müde, teilnahmslos. Die jahrzehntelange Arbeit in den Zuckerrohrfeldern hat sie ausgelaugt, der Kampf um ein Auskommen hat sie mürbe gemacht. Zwanzig, dreißig Jahre lang sind sie aufs Feld gegangen, haben bei sengender Hitze ihren Körper geschunden, um zumindest sich und ihre Familie ernähren zu können. Heute haben sie nicht einmal Anspruch auf eine Rente oder auf ärztliche Versorgung. Aber die Müdigkeit hat bei den meisten jede Energie für ein Aufbäumen gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit verschlungen. Doch Maneis bäumt sich auf, gelegentlich, wenn ihm jemand zuhört. Anklagend wendet er sich an Idalina Bordignon, die heute zu Besuch ist. »Auch du, sogar du hast uns fast vergessen!« Die Ordensfrau schaut gequält und packt ihn am Arm. »Nein, ich habe euch nicht vergessen, auch wenn ich jetzt einige Wochen nicht mehr hier war.«

Man muss ihnen nur eine Chance geben!

Seit 1991 lebt die gebürtige Brasilianerin in der Dominikanischen Republik. Sie gehört den Scalabrini-Schwestern an, die sich hauptsächlich Not leidenden Migranten widmen. Idalina lebt mit drei Mitschwestern in der Stadt San Pedro de Macorís und kümmert sich fast rund um die Uhr um die Belange haitianischer Zuckerrohrarbeiter und ihrer Familien in den Bateyes der Region. Sie schätzt, dass immer noch 20.000 bis 25.000 Haitianer in den dominikanischen Zuckerrohrfeldern arbeiten. Doch immer mehr werden entlassen, die dominikanische Zuckerindustrie ist auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig, viele veraltete Fabriken mussten schließen. »Dementsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit in den Bateyes«, berichtet Schwester Idalina. »Doch was sollen die Leute machen – ohne Ausbildung, ohne Ersparnisse, ohne Papiere? Die Bateyes sind wie offene Gefängnisse.« Mit der Arbeits- und Perspektivlosigkeit nehme die Gewaltbereitschaft zu. Und in den Bateyes nahe den Städten stiegen der Drogenkonsum und die Prostitution. »Dabei habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Haitianer sehr fähig sind, sehr arbeitsam, sprachbegabt und wissensdurstig – man muss ihnen nur eine Chance geben.«

Manchmal fühlt sich Idalina mutlos und traurig wegen der Gleichgültigkeit des Staates, aber auch der oberen Kirchenhierarchie angesichts der Not der Haitianer. Wie den Jesuitenpater Regino Martínez, Leiter der Menschenrechtsorganisation »Solidaridad Fronteriza« in der Grenzstadt Dajabón, empört es auch sie, dass in der Dominikanischen Republik die »Option für die Migranten«, für die Ärmsten der Armen, auch aus rassistischen Gründen von vielen Kirchenvertretern nicht wahrgenommen würde. »Das ist in Brasilien ganz anders«, sagt sie wehmütig. Umso engagierter arbeiten sie und ihre Mitschwestern für die Haitianer. Regelmäßig fahren sie von Bateye zu Bateye, bringen Kranke zum Arzt, sorgen dafür, dass alte und arbeitslose Menschen Lebensmittel erhalten, gründen kleine Kooperativen und kümmern sich darum, in der Dominikanischen Republik geborenen Kindern die teuren Geburtsurkunden zu beschaffen. Denn ohne Papiere sind sie wie ihre Eltern recht- und schutzlos.

Projekt Idalina Bordignon und ihre Mitschwestern des Scalabrini-Ordens konzentrieren sich in ihrer Arbeit auf drei Ziele: Ausbildung, Gesundheit und Menschenrechtsarbeit. Die Haitianer sollen ihre Rechte kennen, sie sollen sich zusammenschließen, um gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung zu kämpfen. In einem von den Schwestern gegründeten Zentrum »Centro de Atención Jesús Peregrino« können Haitianer Kurse zum Arbeitsrecht belegen. Zwei Anwälte stehen als Berater bereit und stellen Strafanträge in besonders schlimmen Fällen von Ausbeutung. An Wochenenden bilden die Schwestern besonders motivierte und engagierte haitianische Jugendliche aus den Bateyes zu Gruppenleitern aus. Sie übernachten im Zentrum und nehmen an Kursen über Menschenrechte und Aidsprävention teil und lernen, wie sie in ihren Bateyes das neue Wissen weitergeben und andere Jugendliche zur Fortbildung motivieren können. »Je mehr die Leute wissen, umso besser können sie sich wehren.«

Außergewöhnliche Menschen

Auch Maneis’ Enkelkinder brauchen noch Papiere. »Du bist unsere einzige Repräsentantin«, sagt Maneis noch grollend, aber schon versöhnlicher. Idalina verspricht ihm, bald wiederzukommen. Heute beunruhigt sie vor allem Elisa. Die Dreijährige ist einen Kopf kleiner als ihre Zwillingsschwester. Ihre Beine und Arme sind dünn wie Stöckchen, die Augen riesig, der Bauch ist gebläht. Sie lutscht an einem Zuckerrohrstück und stakst unsicher zwischen zwei Hühnern und umherliegendem Müll. »Die Kleine muss zum Arzt«, beschwört Idalina Elisas Mutter, die sich nicht so recht bewusst ist, dass die Kleine in Lebensgefahr schwebt. »Wahrscheinlich hat sie Parasiten, das Trinkwasser ist nicht sauber.« Per Handy vereinbart die Ordensfrau für den nächsten Tag einen Termin im Krankenhaus, organisiert eine Mitfahrgelegenheit, sucht den Vater Elisas, der Idalinas Sorge ernst nimmt und verspricht, die Tochter zu begleiten.

Unglaublich stark

Manchmal weiß Idalina gar nicht, wie sie alles bewältigen soll. »Ohne die Unterstützung meiner Ordensgemeinschaft und meinen Glauben an Gott hätte ich schon längst aufgegeben«, sagt sie. »Aber am meisten motivieren mich die Haitianer, weiterzumachen, weiterzukämpfen. Ihre Liebe und ihre Herzlichkeit, ihr Durchhaltevermögen und ihre Begabungen sind beeindruckend. Jeden Tag begegne ich außergewöhnlichen Menschen.« Der kleine namenlose Säugling im Bateye Vasco hat mit erstaunlich kräftiger Stimme zu schreien begonnen. Idalina schaut ihn an. »Pass gut auf ihn auf«, sagt sie zu seiner Mutter und setzt eindringlich nach: »Das ist aber jetzt dein letztes Kind.« Dann sagt sie wie zu sich selbst: »Unglaublich, wie stark diese Kleinen sind.«

Schätzungsweise rund 700.000 Haitianer leben in der Dominikanischen Republik, ein Großteil von ihnen ohne Papiere. Sie arbeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft, zunehmend auch auf dem Bau und im Dienstleistungssektor als Dienstmädchen und Putzhilfen. Sie erledigen die unqualifizierten und schmutzigen Arbeiten, die sonst keiner machen will. Ohne Papiere und Rechtsschutz sind sie ihren Dienstherren völlig ausgeliefert. Besonders schwierig ist die Situation haitianischer Zuckerrohrarbeiter. Sie wie auch viele andere haitianische Tagelöhner leben in so genannten »Bateyes«. Ursprünglich wurden sie von den Besitzern der Felder und Fabriken speziell für die haitianischen Arbeiter errichtet – möglichst inmitten der Felder oder nahe der Fabriken, säuberlich getrennt von den dominikanischen Dörfern und Städten. Es sind Siedlungen der Armut, Sackgassen, in denen zunehmend auch bitterarme Dominikaner stranden. Die Kinder, die hier zahlreich geboren werden, sind oft unter- und mangelernährt. Von Infrastruktur – Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Abwassersystem – kann kaum die Rede sein, von ärztlicher Versorgung ganz zu schweigen. Die Kindersterblichkeit liegt besonders hoch in den Bateyes, auch die Aids-Rate liegt mindestens vier Prozentpunkte über dem ohnehin im karibischen Vergleich hohen Landesdurchschnitt. Es gibt kaum Bildungsmöglichkeiten für die haitianischen Kinder und Jugendlichen in den Bateyes, dabei ist mehr als die Hälfte der Bewohner unter 15 Jahre alt. Wenn überhaupt, dann gibt es eine provisorische Grundschule, der Unterricht dauert höchstens drei Stunden am Tag. Seitdem in den vergangenen Jahren mehrere Zuckerrohrfabriken geschlossen haben, sind viele Männer arbeitslos geworden. Anspruch auf Sozialleistungen haben sie keine, ebenso wenig wie die Alten – die jahrzehntelang härteste Arbeit verrichtet haben – Anspruch auf Rente haben. Sie leben von den Almosen ihrer Nachbarn im Bateye, die aber selbst bitterarm sind. Das Verhältnis zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti, die gemeinsam dieselbe Insel bevölkern, ist historisch bedingt äußerst schlecht. Den Haitianern, den »armen Nachbarn«, schlägt in der Dominikanischen Republik oftmals blanker Rassismus entgegen. Vor nicht allzu langer Zeit war es durchaus gängig, dass dominikanische Eltern ihren Kindern androhten: »Wenn du nicht brav bist, holt dich der Haitianer«. Auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es mitunter Vorurteile und Spannungen den Haitianern gegenüber. Ordensfrauen wie Idalina Bordignon kämpfen mit allen Mitteln dagegen. »Doch es ist schwierig, eine historisch so tief verwurzelte Ablehnung gegen die Haitianer abzubauen. Quer durch alle Schichten sind die Dominikaner damit sozialisiert worden. Man muss bei der Jugend ansetzen, um die tief sitzenden Vorurteile zu bekämpfen.« (vh)

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