Sacht streichelt die Mutter über das Köpfchen, zart verteilt sie etwas Puder über die dunkle Haut, verreibt es vorsichtig zwischen den winzigen Falten ihres Säuglings. Vor 20 Tagen erst hat sie den Jungen zur Welt gebracht. Er wurde geboren in Staub, Dreck und Hitze, umschwirrt von hartnäckigen Fliegen, in einem Ort, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Die Siedlung haitianischer Feldarbeiter, Bateye Vasco genannt, umfasst rund dreißig armselige Hütten inmitten scheinbar unendlicher Zuckerrohrfelder im Südwesten der Dominikanischen Republik. Wer hier geboren wird, hat keine einfache Kindheit, keine sorglose Jugend vor sich.
Das Baby hat noch keinen Namen, aber acht Geschwister, die in keinem Geburtsregister eingetragen sind. Es hat kein Bettchen, aber ein Hemdchen an, das einmal weiß war. Es hat keine Windeln, keinen Schnuller, keine Spieluhr, aber eine Mutter, die es anschaut mit diesem unvergleichlichen Mutterblick, in dem sich die Liebe mit Staunen und Umsicht, Sorge und Angst mischt angesichts des kleinen Wesens, das da hilflos auf ihren Knien liegt. Es ist ihr neuntes Kind, es fehlt an Essen, an Platz, an Kleidung, an allem – und dennoch heißt ihr Blick das Kind willkommen, schließt in dieser kurzen Schonfrist, in der das Baby auf ihren knochigen Knien liegt, die Sicht auf die Umgebung aus.
Man hat uns vergessen!
Die Umgebung bietet wenig, an dem sich das Auge festhalten könnte, wenig, dem man ein Neugeborenes getrost überlassen wollte. Wäre nicht der Mutterblick, das Lachen der kleinen Brüder – nichts vermittelte dem Kind Aufnahme und Willkommensein. Jede Gartenlaube in deutschen Schrebergärten könnte den geduckten Backsteinhäuschen im Bateye Vasco Konkurrenz machen. Die Behausungen in den dominikanischen Zuckerrohrfeldern haben weniger Quadratmeter als Bewohner. Mehrköpfige Familien teilen sich einen Raum, drängen sich nachts auf einem Bett oder auf dem Boden zusammen. Ihre Habseligkeiten – abgetragene Kleidung, zerbeulte Töpfe, Plastikschälchen – stapeln sich in den Ecken oder unter dem Tisch. Die Böden sind nackt, die Wände unverputzt, die Wellblechdächer rostig. Es riecht süßlich nach verwesendem Müll.
Es gibt es hier kein fließendes Wasser, keinen Strom und kein Abwassersystem. Es gibt keinen Supermarkt, keinen Bäcker, nicht einmal – wie in manch anderen Bateyes – einen kleinen Gemischtwarenladen. Es gibt keine Arztpraxis oder Krankenstation in der Nähe und keinen Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel. Nur Felder ringsherum, über Kilometer hinweg. Allein ein unasphaltierter Weg voller Schlaglöcher führt von der Siedlung zu einer Landstraße. Ein Auto ist unbezahlbarer Luxus für die Bateyes-Bewohner. Man muss gut zu Fuß sein, um in die nächste Ortschaft zu gelangen.
»Uns hat man vergessen«, ruft Maneis, der aussieht wie ein Greis, obwohl er erst 62 Jahre alt ist. »Wir leben wie die Tiere!«, ruft er empört und schlägt energisch nach den Fliegen, die hysterisch um ihn herumsurren. Man freut sich fast, dass er angesichts des Elends, das ihn umgibt, noch so viel Wut in sich hat. Seine Arme sind sehnig, seine Stimme tief und grollend. »Uns geht’s schlecht. Schlecht!« Viele seiner gleichaltrigen Nachbarn wirken apathisch, müde, teilnahmslos. Die jahrzehntelange Arbeit in den Zuckerrohrfeldern hat sie ausgelaugt, der Kampf um ein Auskommen hat sie mürbe gemacht. Zwanzig, dreißig Jahre lang sind sie aufs Feld gegangen, haben bei sengender Hitze ihren Körper geschunden, um zumindest sich und ihre Familie ernähren zu können. Heute haben sie nicht einmal Anspruch auf eine Rente oder auf ärztliche Versorgung. Aber die Müdigkeit hat bei den meisten jede Energie für ein Aufbäumen gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit verschlungen. Doch Maneis bäumt sich auf, gelegentlich, wenn ihm jemand zuhört. Anklagend wendet er sich an Idalina Bordignon, die heute zu Besuch ist. »Auch du, sogar du hast uns fast vergessen!« Die Ordensfrau schaut gequält und packt ihn am Arm. »Nein, ich habe euch nicht vergessen, auch wenn ich jetzt einige Wochen nicht mehr hier war.«
Man muss ihnen nur eine Chance geben!
Seit 1991 lebt die gebürtige Brasilianerin in der Dominikanischen Republik. Sie gehört den Scalabrini-Schwestern an, die sich hauptsächlich Not leidenden Migranten widmen. Idalina lebt mit drei Mitschwestern in der Stadt San Pedro de Macorís und kümmert sich fast rund um die Uhr um die Belange haitianischer Zuckerrohrarbeiter und ihrer Familien in den Bateyes der Region. Sie schätzt, dass immer noch 20.000 bis 25.000 Haitianer in den dominikanischen Zuckerrohrfeldern arbeiten. Doch immer mehr werden entlassen, die dominikanische Zuckerindustrie ist auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig, viele veraltete Fabriken mussten schließen. »Dementsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit in den Bateyes«, berichtet Schwester Idalina. »Doch was sollen die Leute machen – ohne Ausbildung, ohne Ersparnisse, ohne Papiere? Die Bateyes sind wie offene Gefängnisse.« Mit der Arbeits- und Perspektivlosigkeit nehme die Gewaltbereitschaft zu. Und in den Bateyes nahe den Städten stiegen der Drogenkonsum und die Prostitution. »Dabei habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Haitianer sehr fähig sind, sehr arbeitsam, sprachbegabt und wissensdurstig – man muss ihnen nur eine Chance geben.«
Manchmal fühlt sich Idalina mutlos und traurig wegen der Gleichgültigkeit des Staates, aber auch der oberen Kirchenhierarchie angesichts der Not der Haitianer. Wie den Jesuitenpater Regino Martínez, Leiter der Menschenrechtsorganisation »Solidaridad Fronteriza« in der Grenzstadt Dajabón, empört es auch sie, dass in der Dominikanischen Republik die »Option für die Migranten«, für die Ärmsten der Armen, auch aus rassistischen Gründen von vielen Kirchenvertretern nicht wahrgenommen würde. »Das ist in Brasilien ganz anders«, sagt sie wehmütig. Umso engagierter arbeiten sie und ihre Mitschwestern für die Haitianer. Regelmäßig fahren sie von Bateye zu Bateye, bringen Kranke zum Arzt, sorgen dafür, dass alte und arbeitslose Menschen Lebensmittel erhalten, gründen kleine Kooperativen und kümmern sich darum, in der Dominikanischen Republik geborenen Kindern die teuren Geburtsurkunden zu beschaffen. Denn ohne Papiere sind sie wie ihre Eltern recht- und schutzlos.
Außergewöhnliche Menschen
Auch Maneis’ Enkelkinder brauchen noch Papiere. »Du bist unsere einzige Repräsentantin«, sagt Maneis noch grollend, aber schon versöhnlicher. Idalina verspricht ihm, bald wiederzukommen. Heute beunruhigt sie vor allem Elisa. Die Dreijährige ist einen Kopf kleiner als ihre Zwillingsschwester. Ihre Beine und Arme sind dünn wie Stöckchen, die Augen riesig, der Bauch ist gebläht. Sie lutscht an einem Zuckerrohrstück und stakst unsicher zwischen zwei Hühnern und umherliegendem Müll. »Die Kleine muss zum Arzt«, beschwört Idalina Elisas Mutter, die sich nicht so recht bewusst ist, dass die Kleine in Lebensgefahr schwebt. »Wahrscheinlich hat sie Parasiten, das Trinkwasser ist nicht sauber.« Per Handy vereinbart die Ordensfrau für den nächsten Tag einen Termin im Krankenhaus, organisiert eine Mitfahrgelegenheit, sucht den Vater Elisas, der Idalinas Sorge ernst nimmt und verspricht, die Tochter zu begleiten.
Unglaublich stark
Manchmal weiß Idalina gar nicht, wie sie alles bewältigen soll. »Ohne die Unterstützung meiner Ordensgemeinschaft und meinen Glauben an Gott hätte ich schon längst aufgegeben«, sagt sie. »Aber am meisten motivieren mich die Haitianer, weiterzumachen, weiterzukämpfen. Ihre Liebe und ihre Herzlichkeit, ihr Durchhaltevermögen und ihre Begabungen sind beeindruckend. Jeden Tag begegne ich außergewöhnlichen Menschen.« Der kleine namenlose Säugling im Bateye Vasco hat mit erstaunlich kräftiger Stimme zu schreien begonnen. Idalina schaut ihn an. »Pass gut auf ihn auf«, sagt sie zu seiner Mutter und setzt eindringlich nach: »Das ist aber jetzt dein letztes Kind.« Dann sagt sie wie zu sich selbst: »Unglaublich, wie stark diese Kleinen sind.«