Das Schönste an der Kunstwerkstatt ist für Adrián Camacho Martínez nicht etwa die Kunst. "Das Schönste ist die Ruhe hier – und dass man über Dinge sprechen kann."
Über Dinge sprechen – vor ein paar Monaten hätte ihn genau das in die Flucht geschlagen. Denn der 29-Jährige hatte regelrecht eine Phobie entwickelt: "Ich konnte mit niemandem auf der Straße mehr reden, ich sah überall nur noch die Bösartigkeit der Menschen und hörte ihr Geschwätz und ihre Lügen. "Seine Wohnung verließ er nur noch, um einzukaufen. Vor einem halben Jahr verlor er auch den letzten Schutz, seine eigenen vier Wände.
"Eines Tages sah ich so einen traurigen Typ auf der Straße, der eine Zeitschrift verkaufte", sagt Adrián. Von seinen letzten Pesos kaufte er dem Mann eine "Hecho" (spanisch: gemacht, vollendet, erledigt) ab. "Hecho" ist in Buenos Aires ein Straßenmagazin wie etwa "Hinz&Kunzt" in Hamburg. Für Adrián der Anfang eines neuen Lebens. Denn seit einiger Zeit ist er selbst Verkäufer – und seit fünf Monaten kommt er auch regelmäßig in die Kunstwerkstatt. Seit vier Jahren betreibt "Hecho" die Kunstwerkstatt. Im vergangenen Jahr kam sie in die Schlagzeilen dank einer riesigen Freiluft-Ausstellung – einer 650 Meter langen Mauer mit Gedichten. Die Idee dazu hatte der Künstler Américo Gadben, der die Gruppe anleitet. Er wollte "Poesie in die Öffentlichkeit tragen".
Hier findet jeder seinen Platz, ob er dichtet oder – wie die Gruppe heute – eher malt. Eduardo Álvarez beispielsweise. Sein Kunstwerk nennt er "Brooklyn" – man sieht die Kabel, an denen die weltberühmte Brücke aufgehängt ist.
Dass der 57-Jährige mal Ingenieur werden wollte, kann man sich bei der Machart des Bildes gut vorstellen. Allerdings brach er das Studium ab. Heute haust er in einem alten Schuppen und verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Nachhilfeunterricht in Mathematik und Englisch. Das Leben stresst ihn. "Das Wichtigste ist für mich, dass ich mich hier ausdrücken kann." Und wie bei Adrián ist die Werkstatt für Eduardo so etwas wie Überlebenshilfe. Auch er empfindet die Menschen "draußen" als Bedrohung. "Diese Ignoranz und dass die Menschen sich gar nicht um die Umwelt kümmern, das macht mich fertig", sagt er. "Zwei Stunden bin ich hier und komme zur Ruhe. Aber ich brauche eine halbe Stunde Vorbereitung, bevor ich mich wieder auf die Straße traue."
Richtig künstlerischen Ehrgeiz hat Zulema Noemi Razotti: Die 52-Jährige hat schon als Kind gemalt – am liebsten abstrakt. Das ist so geblieben. Sie liebt Picasso und sie liebt es, in Ausstellungen zu gehen. Das war auch so, als die ehemalige Köchin noch auf der Straße lebte. Heute hat sie wieder eine Wohnung. "Mein größter Traum wäre es, eines Tages ganz allein ein Wandbild zu malen", sagt Zulema. "Und ich wünschte, meine Bilder würden eines Tages irgendwo hängen, wo sie jeder sehen kann." Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Läden und Cafés von Buenos Aires stellten Bilder und Skulpturen der Gruppe aus.