Santa Luzía. Agostina Farías mag die Regenzeit nicht besonders. "Dann gibt es im Urwald wenig Früchte, die Gewitter erschrecken die Kinder, und die Moskitos plagen uns", erzählt die 57-jährige Brasilianerin aus dem Amazonas- Delta. Das Wetter und die Gezeiten bestimmen den Alltag der "ribeirinhos", der Ufermenschen, wie sie in Brasilien genannt werden.
Von November bis April ist Regenzeit, und dann ist es drückend schwül. Die Moskitos vermehren sich wie Heuschrecken und attackieren den ganzen Tag über ihre Opfer. Selbst wenn sich die Sonne hinter den Wolken versteckt, verbrennt sie in kürzester Zeit die ungeschützte Haut. Die Frauen spannen deshalb stets ihren Regenschirm auf, sobald sie die Hütte verlassen. Die bunten Tupfen kontrastieren malerisch mit dem grünen Dschungel und spiegeln sich im dunklen Flusswasser wider.
Samstags ist nicht viel los in der kleinen Gemeinde Santa Luzía auf der Insel Marajó, denn dann ist Markttag. Da fährt die halbe Familie auf dem Tajapurú-Fluss in die nächstgrößere Stadt Breves. Zwei Stunden dauert das mit dem kleinen Motor-Kanu der Familie. Auf dem Fluss herrscht wie immer Hochbetrieb. Die Flüsse sind für die "ribeirinhos" das, was für die Deutschen die Autobahnen sind: ihre Lebensader. Auf dem Tajapurú wimmelt es nur so von Gefährten verschiedenster Größe und Bauart: ein Frachter transportiert Edelhölzer, ein anderer Schulbänke und Stühle, verschiedene Passagierdampfer tuckern vorüber; die Menschen winken freundlich hinüber. Ein paar Motoryachten flitzen an Einbäumen vorbei, auf denen Indígenas still und gemächlich unterwegs sind.
Wo sich ein Großteil des Lebens um den Fluss dreht, sind die Häfen die Lebensadern der Ortschaften. Im Hafen ist rund um die Uhr etwas los: Waren, von Klopapier über Reis bis hin zu kompletten Autos, werden per Schiff transportiert. Manchmal dauert es einen halben Tag, bis die Schiffe beladen sind, und unermüdlich wuseln die Träger zwischen dem Warenlager und dem zu beladenden Kahn hin und her. Menschen steigen ein und aus, um oft tagelang von einem Dorf zum nächsten zu fahren. Geschlafen wird in Hängematten, gekocht auf mitgebrachten Gaskochern. Ab und zu nähern sich unterwegs Indígenas und fliegende Händler mit ihren Kanus den Dampfern, um Früchte, Getränke, frisch gefangenen Fisch oder auch schon mal lebende Affen und Papageien feilzubieten – was eigentlich streng verboten ist. Doch der Dschungel hat seine eigenen Gesetze, und die Staatsmacht ist nur sporadisch vertreten.
Zwischen Kanu und Hängematte
In Breves geht es am Markttag drunter und drüber. Die Händler überbieten sich lautstark mit ihren Angeboten. Die meisten haben ihre Waren auf improvisierten Holztischen ausgebreitet, den Ärmsten reicht es nur zu einer Decke auf dem Boden. Die Farías verkaufen in Breves alles, was auf ihrem Land wächst: Maniokmehl, schwarze Açaí-Kirschen, Krabben, Fische, Avocados, Ananas und Bananen. Einkaufen müssen sie solche Dinge wie Salz, Bohnen, Kaffee, Reis.
Agostina und das jüngste ihrer zehn Kinder, der 24-jährige Junior und dessen Familie, sind in der Siedlung zurückgeblieben. Sie pflücken Açaí-Zweige von den Palmen und mahlen Maniokmehl von Hand – ein langwieriger Prozess, in dem die giftige, bittere Wurzel erst gesäubert und eingeweicht, dann gepresst, gemahlen, gesiebt und geröstet wird, um sie genießbar zu machen. Zwischendurch ruhen sie sich in der Hängematte aus, die in der Holzhütte aufgespannt ist. Betten gibt es keine. Die Kinder und Enkel in allen Größen laufen barfuß und nur in Unterwäsche herum. Unter der Woche besuchen die rund 60 schulpfl ichtigen Kinder am Ort eine kleine Gesamtschule, an der vier Lehrer unterrichten. Mit ein paar Stiften und kopierten Blättern improvisieren die Lehrer – die Familien haben für Unterrichtsmaterial kein Geld. Die einzigen beiden Bücher, die Familie Farías besitzt, sind die Bibel und ein Wörterbuch.
Nur zwei Besuche im Jahr
Knapp 30 Familien leben am Ort. Dank der Farías haben sie Strom, denn Agostinas Mann hat mit seinem Ersparten vor fünf Jahren einen Dieselmotor gekauft. Der Motor, der nur stundenweise angeworfen wird, pumpt Trinkwasser für das Dorf aus der Erde und liefert in den Abendstunden Strom. Vor einigen Monaten erstand die Familie außerdem ein Handy auf Raten.
"Das ist sehr nützlich, zum Beispiel, wenn jemand krank wird und wir ein Schnellboot rufen müssen, um ins Hospital nach Breves zu fahren", erzählt Agostina. Ihr selbst passierte das voriges Jahr. Da schmerzte ihr Bauch und wurde immer dicker. Die Krankenpfleger im Hospital von Breves konnten ihr nicht helfen. Die Familie kratzte das Geld für die zwölfstündige Bootsfahrt in die Provinzhauptstadt Belém zusammen, wo Agostina in einem staatlichen Krankenhaus ein handballgroßes Geschwür entfernt wurde.
"Ich habe sehr viel gebetet, dass ich weiterleben darf, und mein Gebet wurde erhört", sagt die magere Frau dankbar, die ein eifriges Gemeindemitglied ist. "Ohne Laien wie sie wäre die Kirche in diesen abgelegenen Gegenden von Marajó gar nicht präsent", ist Padre Paulo de Castro voll des Lobes. Der 34-jährige Augustinerpater wohnt in Breves und muss mit zwei weiteren Priestern 180 Gemeinden betreuen. Die meisten sind nur mit langen Bootsfahrten zu erreichen. "Viel mehr als ein, zwei Besuche im Jahr bei jeder Gemeinde sind da nicht drin", räumt er ein. Und auch diese Besuche werden oft durch Stürme, Regen oder Niedrigwasser vereitelt. "Jetzt müsst ihr aber los«, mahnt uns Agostina. "Das Wasser steigt, und gleich ist der Steg überschwemmt."