Entwicklungsmotor
»Das geht in die USA, ein Großauftrag«, sagt Juan Canahuati stolz, Eigentümer von Lovable und »Erfinder« der Maquila in Honduras. »1960 kaufte meine Frau bei einer US-Reise Unterwäsche von Lovable und war restlos begeistert. Da kam ich auf die Idee, sie in Honduras zu vertreiben, und fünf Jahre später wurde ich deren Teilhaber und begann mit der Fertigung hier«, erzählt der 75-Jährige, der noch jeden Tag für ein paar Stunden in sein mit Urkunden gepflastertes Büro kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Heute ist er zufrieden. Die Arbeiterinnen haben das vorgegebene Soll erfüllt. Im Nebenraum werden die Teile sortiert und in Kartons gepackt. Auf dem Hof warten schon die großen Laster mit den Überseecontainern.
Anfang Dezember drängt die Zeit besonders. Die Auftraggeber haben knapp kalkuliert, mehrere Millionen Teile müssen noch vor dem Weihnachtsgeschäft in den USA auf den Markt kommen. Deshalb müssen die Arbeiterinnen in Honduras Überstunden schieben. Samstags, nachts – manche Fertigungswerkstätten arbeiten sogar sonntags. 144.000 Teile Wäsche exportiert Canahuati pro Woche. Liebestöter für die USA oder knappe Spitzenunterwäsche für den lateinamerikanischen Markt. Der Kunde ist König, die Arbeitskraft billig und fügsam, der Staat gefällig.
Seit 1987 gewährt ein Gesetz der Maquila Steuererleichterungen. Die Rohstoffe – Lycra und Baumwolle – werden zollfrei importiert, in Honduras zusammengenäht und steuerfrei wieder exportiert. 25 Prozent des honduranischen Bruttoinlandsprodukts werden in den zollfreien Zonen erwirtschaftet. Zur klassischen Textilindustrie sind Call-Center und Farb- und Polyesterproduktion hinzugekommen.
Das Hollywood von Honduras?
»Die Maquila war ein großer Entwicklungsmotor für Honduras, hat direkte und indirekte Arbeitsplätze geschaffen, die Konsumkraft erhöht und die Infrastruktur verbessert«, ist der Geschäftsführer des Verbands der Fertigungsindustrie, Arnoldo Solís, voll des Lobes. Gleichzeitig sorgt er sich aber ein wenig: Wegen der Wirtschaftskrise sind die Arbeitsplätze innerhalb von zwei Jahren von 133.000 im Jahr 2007 auf 103.000 gesunken. »Wir hängen sehr von der US-Konjunktur ab«, seufzt er. Seine Assistentin händigt unterdessen Hochglanzbroschüren der Branche aus, in denen glückliche Arbeiterinnen über ihren Aufstieg berichten. »Von der Näherin zur Marketingchefin« – so lautet die honduranische Version von der Tellerwäscherkarriere.
Bescheidener Wohlstand
In dieser Logik müsste Choloma, die Gemeinde mit den meisten Maquilas und eine der größten zollfreien Zonen Mittelamerikas, das Hollywood von Honduras sein. Doch die innerhalb von 20 Jahren von 10.000 auf 100.000 Anwohner gewachsene Gemeinde mutet ziemlich chaotisch an. Neben der vierspurigen Autobahn, die zum Hafen Puerto Cortés führt und entlang derer sich die Maquilas aufreihen wie Perlen an einer Schnur, führen staubige Wege in improvisierte Siedlungen. Die Häuser bestehen aus ein bis zwei Zimmern und einer offenen Küche im Hof. Immerhin sind die meisten aus Beton und nicht mehr aus Holz und Blech wie früher. Bescheidener Wohlstand. Doch die Wasser- und Stromversorgung sind prekär, die Wege voller Schlaglöcher, Schulen und Krankenhäuser miserabel ausgestattet. »Die Maquilas zahlen keine Steuern, daher hat die Gemeinde kein Geld für Infra- struktur«, sagt Schwester Maria, die seit acht Jahren in Choloma lebt. Ihr aus Spanien stammender Orden der »Dienerinnen der Arbeiterinnen« hat eine Fortbildungsstätte für die Maquila-Arbeiter aufgebaut, wo sie am Wochenende Englisch, Konditorei, Schneiderei lernen oder den Schulabschluss nachholen können.
Gewerkschaften sind Tabu
Außerdem bauen die Schwestern wegen des großen Bedarfs derzeit eine Kindertagesstätte für den Nachwuchs der meist alleinerziehenden Frauen. Wenn sie könnte, würde Isabel Interiano gerne den Englischkurs bei den Schwestern besuchen. Doch sie muss im 4-mal-4-Turnus arbeiten: vier Tage arbeiten, vier Tage frei. Dazu kommen Überstunden. Die schlanke 34-Jährige hatte keine Wahl. Fünf Monate war sie wegen der Krise arbeitslos, konnte die Miete nicht mehr bezahlen und musste im Laden anschreiben lassen. Dann fand sie wieder Arbeit als Näherin in einer Maquila und griff zu – Englisch hin oder her. Wäre Choloma Hollywood, so wäre Isabels Leben Stoff für einen Film. Ihre Kindheit in einem Dorf an der Karibikküste bestand aus kochen für die Familie und Strohhüte flechten, die ihre Mutter verkaufte. Spielzeug gab es nicht, machte sie etwas falsch, wurde sie an den Haaren gezogen. Mit 14 Jahren musste sie die Schule abbrechen und wurde nach San Pedro Sula geschickt, um in einem Café von Bekannten zu arbeiten. 80 Lempiras (rund vier Dollar) und freie Kost und Logis bekam sie dafür im Monat.
Wer aufmuckt, fliegt
Mit 16 heuerte sie in einer koreanischen Maquila an. »Sie bezahlten 600 Lempiras in der Woche, das war sehr viel für mich«, erinnert sich Isabel. »Aber wir wurden beschimpft, angeschrien, geschubst. In der Fabrik war es stickig, einmal wurde eine Arbeiterin ohnmächtig, und die Vorarbeiterin bekam einen Wutausbruch.
Heute sind die Arbeitsbedingungen dank einer langjährigen Kampagne internationaler Nichtregierungsorganisationen etwas besser. Es gebe kaum noch Kündigungen wegen Schwangerschaft oder entsprechende Tests bei der Einstellung, sagt Yadira Minero vom Frauenrechtszentrum in San Pedro Sula. »Aber noch immer sind Gewerkschaften tabu, die Schichten viel zu lange, die Pausen zu kurz, der Schutz vor allergieerregendem Textilstaub ungenügend, die Strafen für nicht geleistete Überstunden drastisch«, beklagt sie. Wer aufmuckt, wird vor die Türe gesetzt, oft ohne Abfindung oder den letzten Lohn. Und ersetzt durch jüngere, unverbrauchte Arbeitskräfte. Die Maquilas, so die Aktivistin, seien Teil einer globalen Strategie der Unternehmen, vorangetrieben durch Freihandelsverträge wie den, den Mittelamerika 2004 mit den USA abgeschlossen hat. »Der einzige Gewinn für die Honduraner sind prekäre Arbeitsplätze«, sagt Minero. Die meis¬ten Arbeitgeber zahlten nicht einmal die Sozialversicherung. Doch honduranische Politiker seien oft stille Teilhaber oder vermieteten die Industriehallen an die Maquilas, daher bestehe kein Interesse, die Verhältnisse zu ändern. Kontrollen seien lasch, die Kontrolleure korrupt. Eine Arbeiterin verdient einen Grundlohn von 3.200 Lempiras im Monat. Für 44 Stunden Arbeit. Wenn sie das vorgegebene Produktionssoll erfüllt, das ohne Mehrarbeit nicht zu schaffen ist, verdoppelt sie ihren Lohn. Wie hoch die Gewinnspanne für die Eigentümer ist, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des Sektors. Eine Vorstellung davon bekommt man im glitzernden Konsumpalast Multiplaza, wo ein Lovable-BH 400 Lempiras kostet, eine Männerunterhose 200.
Stille Teilhaber in der Politik
Isabel könnte dort niemals einkaufen. Seit 18 Jahren arbeitet sie in den Maquilas, doch reich ist die alleinerziehende Mutter nicht geworden. Mit 18 heiratete sie, dann kamen die beiden Söhne. Beide hatten als Babys gesundheitliche Probleme, die Behandlung fraß das Gesparte auf. »Wir überleben, aber ich muss mich ständig entscheiden, worauf ich verzichte: entweder ein Spielzeug oder eine Coca Cola, entweder ein eigenes Häuschen oder eine vernünftige Schulbildung für die beiden Jungs, damit sie es einmal besser haben als ich«, schildert sie ihr Dilemma. Neulich wurde sie auf dem Heimweg überfallen, der Räuber stahl ihr weniges Geld und das mühevoll ersparte Handy. Dabei kam sie noch glimpflich davon – eine Nachbarin wurde ganz in der Nähe vergewaltigt. Die Gewalt gegen Frauen hat in Choloma im gleichen Rhythmus zugenommen wie ihre wirtschaftliche Emanzipation durch die Maquilas.
Die Schuffterei vergessen
Isabels Mann hat sie kurz nach der Geburt des Jüngsten sitzen gelassen, ging in die USA und kümmert sich seither nicht mehr um seine Kinder. Der Älteste, der Informatik studieren will, bat ihn neulich per Telefon um einen Computer. Seither ist Funkstille. »Es ist Juniors Herzenswunsch, aber ich weiß nicht, ob ich ihm ihn je erfüllen kann«, sagt Isabel. »Ich würde Mama gerne mehr unterstützen, deshalb will ich gut in der Schule sein und studieren«, sagt Junior und nimmt seine Mutter in den Arm. Isabel drückt ihn fest und sagt bestimmt: »Mit der Hilfe Gottes und der Schwestern werde ich eines Tages Englisch lernen und die Schufterei in den Maquilas hinter mir lassen.«