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08.02.2012

Brasilien

„Das Gefängnis ist voll sehr anständiger Menschen.“

Dom Alcimar Caldas Magalhães, Bischof der Diözese Alto Solimões im brasilianischen Bundesstaat Amazonas, erzählt im Interview von seiner Arbeit. Der Kapuziner verdingte sich einst wie seine Eltern als Kautschukzapfer und gilt als hervorragender Kenner des Amazonasgebietes und seiner Probleme. Die Gemeinde Tabatinga liegt im Grenzgebiet von Brasilien, Kolumbien und Peru und ist bekannt als Umschlagplatz für Drogen.

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08.02.2012

Kuba

Fidel Castro stellt seine Memoiren vor

Morgen startet Buchmesse in Havanna

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08.02.2012

Panama

Tote und Verletzte bei indigenen Protesten gegen Bergbau

Regierung und Ngäbe Buglé unterzeichnen Übereinkunft.

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08.02.2012

Haiti/Dominikanische Republik

Menschenhandel an offiziellen Grenzposten

Studie kritisiert Korruption unter Beamten.

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07.02.2012

Mexiko

Fälschungssichere Tickets für Papstbesuch

300.000 Tickets gedruckt.

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Arbeit um jeden Preis

Viele Tränen stecken in den Textilien aus den Fertigungshallen von Honduras

Arbeiterin mit Nähmaschine

Ratatatatata. Unermüdlich summen die Nähmaschinen vor sich hin. Ratatatatata. Von morgens acht bis abends um sechs. Kaltes Neonlicht taucht die Fabrikhalle in San Pedro Sula in gleißendes Licht. Jede Arbeiterin hat einen Wäschekorb neben sich stehen, in den sie die fertigen Teile wirft. Eine macht BH-Nähte, die andere die Träger, die dritte die Spitzenapplikationen. Immer die gleiche Bewegung, Hunderte Male am Tag.

Ab und zu läuft die Vorarbeiterin durch die Reihen, holt die Wäschekörbe ab, zählt penibel die gefertigten Stücke und notiert sie auf einem Zettel. Die Arbeiterinnen beugen sich konzentriert über ihre Maschinen und blicken kaum auf, als der Chef durch die Gänge läuft und den Besuchern die Kollektion präsentiert. Unterwäsche im Liebestöter-Look in Weiß, Beige, Schwarz.

Bildergalerie

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Entwicklungsmotor

»Das geht in die USA, ein Großauftrag«, sagt Juan Canahuati stolz, Eigentümer von Lovable und »Erfinder« der Maquila in Honduras. »1960 kaufte meine Frau bei einer US-Reise Unterwäsche von Lo­vable und war  restlos begeistert. Da kam ich auf die Idee, sie in Honduras zu vertreiben, und fünf Jahre später wurde ich deren Teilhaber und begann mit der Fertigung hier«, erzählt der 75-Jährige, der noch jeden Tag für ein paar Stunden in sein mit Urkunden gepflastertes Büro kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Heute ist er zufrieden. Die Arbeiterinnen haben das vorgegebene Soll erfüllt. Im Nebenraum werden die Teile sortiert und in Kartons gepackt. Auf dem Hof warten schon die großen Laster mit den Überseecontainern.

Anfang Dezember drängt die Zeit besonders. Die Auftraggeber haben knapp kalkuliert, mehrere Millionen Teile müssen noch vor dem Weihnachtsgeschäft in den USA auf den Markt kommen. Deshalb müssen die Arbeiterinnen in Honduras Überstunden schieben. Samstags, nachts – manche Fertigungswerkstätten arbeiten sogar sonntags. 144.000 Teile Wäsche exportiert Canahuati pro Woche. Liebestöter für die USA oder knappe Spitzenunterwäsche für den lateinamerikanischen Markt. Der Kunde ist König, die Arbeitskraft billig und fügsam, der Staat gefällig.

Seit 1987 gewährt ein Gesetz der Maquila Steuererleichterungen. Die Rohstoffe – Lycra und Baumwolle – werden zollfrei importiert, in Honduras zusammengenäht und steuerfrei wieder exportiert. 25 Prozent des honduranischen Bruttoinlandsprodukts werden in den zollfreien Zonen erwirtschaftet. Zur klassischen Textilindustrie sind Call-Center und Farb- und Polyesterproduktion hinzugekommen.

Das Hollywood von Honduras?

»Die Maquila war ein großer Entwicklungsmotor für Honduras, hat direkte und indirekte Arbeitsplätze geschaffen, die Konsumkraft erhöht und die Infrastruktur verbessert«, ist der Geschäftsführer des Verbands der Fertigungsindus­trie, Arnoldo Solís, voll des Lobes. Gleichzeitig sorgt er sich aber ein wenig: Wegen der Wirtschaftskrise sind die Arbeitsplätze innerhalb von zwei Jahren von 133.000 im Jahr 2007 auf 103.000 gesunken. »Wir hängen sehr von der US-Konjunktur ab«, seufzt er. Seine Assis­tentin händigt unterdessen Hochglanzbroschüren der Branche aus, in denen glückliche Arbeiterinnen über ihren Aufstieg berichten. »Von der Näherin zur Marketingchefin« – so lautet die honduranische Version von der Tellerwäscherkarriere.

Bescheidener Wohlstand

In dieser Logik müsste Choloma, die Gemeinde mit den meisten Maquilas und eine der größten zollfreien Zonen Mittelamerikas, das Hollywood von Honduras sein. Doch die innerhalb von 20 Jahren von 10.000 auf 100.000 Anwohner gewachsene Gemeinde mutet ziemlich chaotisch an. Neben der vierspurigen Autobahn, die zum Hafen Puerto Cortés führt und entlang derer sich die Maquilas aufreihen wie Perlen an einer Schnur, führen staubige Wege in improvisierte Siedlungen. Die Häuser bestehen aus ein bis zwei Zimmern und einer offenen Küche im Hof. Immerhin sind die meisten aus Beton und nicht mehr aus Holz und Blech wie früher. Bescheidener Wohlstand. Doch die Wasser- und Stromversorgung sind prekär, die Wege voller Schlaglöcher, Schulen und Krankenhäuser miserabel ausgestattet. »Die Maquilas zahlen keine Steuern, daher hat die Gemeinde kein Geld für Infra- struktur«, sagt Schwester Maria, die seit acht Jahren in Choloma lebt. Ihr aus Spanien stammender Orden der »Dienerinnen der Arbeiterinnen« hat eine Fortbildungsstätte für die Maquila-Arbeiter aufgebaut, wo sie am Wochenende Englisch, Konditorei, Schneiderei lernen oder den Schulabschluss nachholen können.

Gewerkschaften sind Tabu

Außerdem bauen die Schwestern wegen des großen Bedarfs derzeit eine Kindertagesstätte für den Nachwuchs der meist alleinerziehenden Frauen. Wenn sie könnte, würde Isabel Interiano gerne den Englischkurs bei den Schwestern besuchen. Doch sie muss im 4-mal-4-Turnus arbeiten: vier Tage arbeiten, vier Tage frei. Dazu kommen Überstunden. Die schlanke 34-Jährige hatte keine Wahl. Fünf Monate war sie wegen der Krise arbeitslos, konnte die Miete nicht mehr bezahlen und musste im Laden anschreiben lassen. Dann fand sie wieder Arbeit als Näherin in einer Maquila und griff zu – Englisch hin oder her. Wäre Choloma Hollywood, so wäre Isabels Leben Stoff für einen Film. Ihre Kindheit in einem Dorf an der Karibikküste bestand aus kochen für die Familie und Strohhüte flechten, die ihre Mutter verkaufte. Spielzeug gab es nicht, machte sie etwas falsch, wurde sie an den Haaren gezogen. Mit 14 Jahren musste sie die Schule abbrechen und wurde nach San Pedro Sula geschickt, um in einem Café von Bekannten zu arbeiten. 80 Lempiras (rund vier Dollar) und freie Kost und Logis bekam sie dafür im Monat.

Wer aufmuckt, fliegt

Mit 16 heuerte sie in einer koreanischen Maquila an. »Sie bezahlten 600 Lempiras in der Woche, das war sehr viel für mich«, erinnert sich Isabel. »Aber wir wurden beschimpft, angeschrien, geschubst. In der Fabrik war es stickig, einmal wurde eine Arbeiterin ohnmächtig, und die Vorarbeiterin bekam einen Wutausbruch.

Heute sind die Arbeitsbedingungen dank einer langjährigen Kampagne internationaler Nichtregierungsorganisationen etwas besser. Es gebe kaum noch Kündigungen wegen Schwangerschaft oder entsprechende Tests bei der Einstellung, sagt Yadira Minero vom Frauenrechtszentrum in San Pedro Sula. »Aber noch immer sind Gewerkschaften tabu, die Schichten viel zu lange, die Pausen zu kurz, der Schutz vor allergieerregendem Textilstaub ungenügend, die Strafen für nicht geleistete Überstunden drastisch«, beklagt sie. Wer aufmuckt, wird vor die Türe gesetzt, oft ohne Abfindung oder den letzten Lohn. Und ersetzt durch jüngere, unverbrauchte Arbeitskräfte. Die Maquilas, so die Aktivistin, seien Teil einer globalen Strategie der Unternehmen, vorangetrieben durch Freihandelsverträge wie den, den Mittelamerika 2004 mit den USA abgeschlossen hat. »Der einzige Gewinn für die Honduraner sind prekäre Arbeitsplätze«, sagt Minero. Die meis¬ten Arbeitgeber zahlten nicht einmal die Sozialversicherung. Doch honduranische Politiker seien oft stille Teilhaber oder vermieteten die Industriehallen an die Maquilas, daher bestehe kein Interesse, die Verhältnisse zu ändern. Kontrollen seien lasch, die Kontrolleure korrupt. Eine Arbeiterin verdient einen Grundlohn von 3.200 Lempiras im Monat. Für 44 Stunden Arbeit. Wenn sie das vorgegebene Produktionssoll erfüllt, das ohne Mehrarbeit nicht zu schaffen ist, verdoppelt sie ihren Lohn. Wie hoch die Gewinnspanne für die Eigentümer ist, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des Sektors. Eine Vorstellung davon bekommt man im glitzernden Konsumpalast Multiplaza, wo ein Lovable-BH 400 Lempiras kostet, eine Männerunterhose 200.

Stille Teilhaber in der Politik

Isabel könnte dort niemals einkaufen. Seit 18 Jahren arbeitet sie in den Maquilas, doch reich ist die alleinerziehende Mutter nicht geworden. Mit 18 heiratete sie, dann kamen die beiden Söhne. Beide hatten als Babys gesundheitliche Probleme, die Behandlung fraß das Gesparte auf. »Wir überleben, aber ich muss mich ständig entscheiden, worauf ich verzichte: entweder ein Spielzeug oder eine Coca Cola, entweder ein eigenes Häuschen oder eine vernünftige Schulbildung für die beiden Jungs, damit sie es einmal besser haben als ich«, schildert sie ihr Dilemma. Neulich wurde sie auf dem Heimweg überfallen, der Räuber stahl ihr weniges Geld und das mühevoll ersparte Handy. Dabei kam sie noch glimpflich davon – eine Nachbarin wurde ganz in der Nähe vergewaltigt. Die Gewalt gegen Frauen hat in Choloma im gleichen Rhythmus zugenommen wie ihre wirtschaftliche Emanzipation durch die Maquilas.

Die Schuffterei vergessen

Isabels Mann hat sie kurz nach der Geburt des Jüngsten sitzen gelassen, ging in die USA und kümmert sich seither nicht mehr um seine Kinder. Der Älteste, der Informatik studieren will, bat ihn neulich per Telefon um einen Computer. Seither ist Funkstille. »Es ist Juniors Herzenswunsch, aber ich weiß nicht, ob ich ihm ihn je erfüllen kann«, sagt Isabel. »Ich würde Mama gerne mehr unterstützen, deshalb will ich gut in der Schule sein und studieren«, sagt Junior und nimmt seine Mutter in den Arm. Isabel drückt ihn fest und sagt bestimmt: »Mit der Hilfe Gottes und der Schwestern werde ich eines Tages Englisch lernen und die Schufterei in den Maquilas hinter mir lassen.«

Projekte

Die Diözese San Pedro Sula verzeichnet seit der Ansiedlung von Maquilas einen starken Bevölkerungsanstieg durch Binnenmigration. In der nördlichen Region des Landes leben inzwischen mehr als 1,7 Millionen Menschen. Vor allem die Städte San Pedro Sula, Choloma und Villa Nueva wachsen unaufhörlich an. Neben der Binnenmigration nimmt die Auswanderung in die USA zu. Von San Pedro Sula aus ¬fahren jeden Tag mindestens vier Busse über Guatemala und Mexiko in die USA.

In den Maquila-Betrieben sind etwa 100.000 Arbeitende, vornehmlich junge Menschen, beschäftigt. Die Arbeitsverhältnisse sind instabil. Wegen der Wirtschaftskrise haben in den vergangenen zwei Jahren viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren.

Die starke Zuwanderung und die schwierigen Arbeitsverhältnisse sind auch Herausforderungen für die katholische Kirche: sie muss den Migranten Anlaufstellen bieten und ihnen durch die Einbindung in die Gemeinden das Einleben erleichtern.

Um den Neuzugezogenen, aber auch den »alteingesessenen« ehrenamtlichen Gemeindemitgliedern Begegnungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu schaffen, bietet die Diözese in ihrem Bildungshaus in San Pedro verschiedene Kurse an. Pastorale Angebote werden durch Workshops und Werkstätten ergänzt. Die inhaltliche Spanne reicht von Jugendarbeit und Gesundheitsvorsorge bis hin zur Gefangenenseelsorge und Radioarbeit. Adveniat hilft bei der Finanzierung der Bildungsarbeit.

Möchten auch Sie das Bildungszentrum San Pedro unterstützen? Dann füllen Sie bitte die Einzugsermächtigung auf der letzten Heftseite aus (Stichwort: Bildung-Honduras). Sie können Ihre Spende auch direkt auf das Konto 345 bei der Bank im Bistum Essen (BLZ 360 602 95) überweisen. Vielen Dank!

Die menschliche Würde steht über dem Gewinn

Wie ist das Umfeld, in dem Ihre pastorale Arbeit stattfindet?
Die sozialen Herausforderungen sind immens. Wir haben ein niedriges Bildungsniveau, ein hohes Gewaltniveau und soziale Ungleichheit. Mir liegt besonders die Ausbildung der Menschen am Herzen.

Wie hat die Wirtschaftskrise den Norden von Honduras getroffen?
Der Norden ist die wirtschaftlich am meisten entwickelte Region mit dem höchsten Steueraufkommen. Hier nimmt die Bevölkerung zu, und hier gibt es Arbeitsplätze, aber eben nicht für alle. Daher gibt es viele illegale Siedlungen mit defizitärer Infrastruktur. Reichtum und Fortschritt prallen auf extreme Armut. Und die Wirtschaftskrise hat zu mehr Arbeitslosigkeit geführt und die Lage in den Armenvierteln verschärft.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Fertigungsindustrie für Honduras?
Einerseits hat die Maquila Arbeitsplätze geschaffen für Tausende junger Leute, die sonst keine Perspektive, keine Chance auf einen derart gut bezahlten Arbeitsplatz hätten. In der Maquila kann man bis zu 7.000 Lempiras im Monat verdienen, auf dem Land bekommt ein Tagelöhner 70 Lempiras am Tag. Natürlich ist das Gehalt gering, verglichen mit der riesigen Gewinnspanne der Unternehmen. Die Arbeitstage sind viel zu lang, die Arbeit ist sehr monoton. Gewerkschaften werden nicht geduldet. Alles unter dem Vorwand, dass man wettbewerbsfähig sein muss und die Arbeitskraft dabei wenig zählt. Laut der Sozialdoktrin der Kirche steht die menschliche Würde aber über dem Kapital und dem Gewinn. Man muss versuchen, sowohl das Wohlergehen der Menschen als auch die Entwicklung des Landes miteinander zu vereinbaren.

Inwieweit können die Katholiken in deutschland Ihre Arbeit unterstützen?
Die Hilfe von Adveniat ist sehr wichtig, vor allem für die Ausbildung von Priestern, Ordensleuten, Katechisten und Laien und beim Aufbau der Infrastruktur. Unsere Diözese wächst durch die Migration ständig, und der Bedarf an Kapellen und Sitzungssälen steigt. Jedes Jahr bauen wir etwa 20 Kirchen und Gebäude. Wir versuchen zwar, uns selbst zu finanzieren durch Spenden und eigene Einnahmen, aber wegen des armen sozialen Umfelds ist das schwierig.

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