03.11.2017

Brasilien

Zwei Jahre nach dem Schlamm

Marquinhos Muniz mit der Zeitung "A Sirene" in der Hand. Foto: Christina Weise

Vor zwei Jahren ereignete sich im Bezirk Mariana die wohl schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens. Eine Lawine giftigen Schlamms wälzte sich den Rio Doce entlang bis in den Atlantik. Immer noch warten die Menschen in der Region auf angemessene Entschädigungen.

„Bevor der Schlamm kam, war da dieser strenge Geruch und das ohrenbetäubende Grollen. Wir liefen aus den Häusern“, Marquinhos Muniz erinnert sich genau an den 5. November 2015 als sein Zuhause verschwand. „Wir konnten nichts mitnehmen, nur das, was wir am Körper trugen.“

Über 35 Millionen Kubikmeter Schlamm wälzten sich damals talabwärts. Von den beiden Rückhaltebecken der Eisenerzmine der Firma Samarco entlang des Flusses Rio Doce bis in den Atlantik. Obwohl die Risse in der Staudammmauer bekannt waren, hatte Samarco das Becken durch eine massiv gesteigerte Fördermenge überlastet. Das erste Dorf auf das die Lawine traf, war Bento Rodrigues. Ein ländlicher Ort mit 600 Einwohnern. Einer von ihnen ist Marquinhos.

Gegen Goliath

Insgesamt begrub der Schlamm 19 Menschen und einige Dörfer unter sich. Mehr als 300 Betroffene wohnen heute auf engstem Raum in der Stadt Mariana oder immer noch in Notunterkünften. Einige von ihnen bekommen die Miete und ein kleines Taschengeld von Samarco bezahlt, aber es reicht nicht. Längst nicht alle werden entschädigt. Denn für die Firma sind nur diejenigen Betroffene, deren Haus komplett vom Schlamm zerstört wurde. Nicht die Tausenden, die ihr Haus verlassen mussten, da es jetzt in einem Risikogebiet steht. Deswegen kämpfen sie. Für ihre Rechte und für ihre Heimat.

Der Kampf ist ermüdend, denn der Gegner ist stark. Samarco, ein Joint Venture zwischen dem brasilianischen Bergbaukonzern Vale und dem britisch-australischen Rohstoffunternehmen BHP Billiton, ist in der Region noch immer in Politik und Wirtschaft allgegenwärtig. Obwohl die Arbeiten im Bergwerk stillstehen.

Vom Minenarbeiter zum Journalisten

Medien bilden in der Regel nur die Seite der Firma ab. Nur ein einziges Medium hat sich auf die andere Seite gestellt: die Zeitung „A Sirene“, die Sirene. Finanziert wird sie von der Erzdiözese Mariana. „Kurz nach der Katastrophe erhielt sie viele Spenden“, erklärt Chefredakteur Gustavo Nolasco. „Die fließen nun in gemeinnützige Projekte. Eins davon sind wir.“ Adveniat unterstützt die Erzdiözese Mariana finanziell bei ihren Projekten. Zum Redaktionsteam von „A Sirene“ gehören Journalisten, Studenten und Betroffene. Sie schreiben gegen das Vergessen, geben den Betroffenen eine Stimme und organisieren Veranstaltungen.

Marquinhos ist Reporter bei „A Sirene“. Es hilft ihm, das Erlebte zu verarbeiten. Marquinhos fühlt sich schuldig. Ein Jahr vor der Katastrophe ging er in Rente. Davor arbeitete er in dem Bergwerk. „Ich habe also bei dem Verbrechen mitgeholfen.“ Seine Augen glänzen. „Aber ich brauchte ja eine Arbeit, ein Einkommen.“ Er hält inne. „Als ich in Rente ging, war ich so froh. Mein Leben, das ist Bento. Meine Felder, meine Rinder, meine Familie.“ In der Stadt fühlt er sich fehl am Platz. So wie die anderen Dorfbewohner.

Heimatliebe

Bento Rodrigues ist heute eine Geisterstadt, ein Risikogebiet. Der Schlamm ist noch immer da. Er enthält Schwermetalle, die Rückstände davon glitzern in der Sonne. Meterhoch liegt die trockene Erde am Straßenrand. Fährt ein Auto vorbei, steht man nach Sekunden in einer giftigen Wolke – und hustet noch Stunden später. Es werde mehr als 100 Jahre dauern, bis die Rückstände komplett abgebaut seien, sagen Umweltexperten. Samarco schafft Zeit: In zwei Jahren werden die Rückstände an bestimmten Orten weggeschafft, es sei schwierig dies zu organisieren. Aber durch Wind und Regen verteilen sich das Gift immer weiter. Was das für Mensch und Umwelt bedeutet ist unklar. Die Messergebnisse widersprechen sich.

Trotzdem kommen viele regelmäßig nach Bento Rodrigues. Einige bauen ein neues Haus. Sie wollen nicht länger auf die Freigabe des Landes oder auf die Zuteilung eines anderen Landabschnitts warten. Die Prozesse stehen wieder still. Maurquinhos erklärt: „Wir wollen unsere Herkunft bewahren, unsere Feste feiern. Wir brauchen das, um unseren Stolz zu wahren, um zu überleben. Selbst wenn es gefährlich ist, wollen wir lieber dort leben, als woanders.“

Autorin: Christina Weise

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