24.07.2017

Buchrezension, Kolumbien

"Wer singt, erz√§hlt - Wer tanzt, √ľberlebt"

Buchcover. In "Wer singt, erz√§hlt - Wer tanzt, √ľberlebt" von Alexandra Endres geht es um Menschen, die Kolumbien bewegen.

In "Wer singt, erz√§hlt - Wer tanzt, √ľberlebt" von Alexandra Endres geht es um Menschen, die Kolumbien bewegen.

Wer reisebegeisterte Partyhopper fragt, bekommt zu hören: Ja, Medellín ist gerade angesagt. Hier kann wild und anhaltend gefeiert werden. An den Wochenenden sind einzelne Innenstadt-Barrios fest in der Hand junger Touristen. Keine Spur mehr von der Gewalt, welche die Stadt seit den 1980ern bis vor wenigen Jahren beherrscht hat.

Und tats√§chlich: Wer sich die zahlreichen st√§dtebaulichen Ver√§nderungen, all die Seilbahnen, Rolltreppen, Bibliotheken, Sportst√§tten und Parks ansieht, wer den R√ľckgang der Kriminalit√§t in ehemals verrufenen Stadtteilen zur Kenntnis nimmt, mag zustimmen, dass Medell√≠n zurecht als Reiseziel beliebt ist. M√∂glicherweise gilt das auch generell f√ľr Kolumbien, jetzt, nachdem das Friedensabkommen unterzeichnet ist und erste Schritte zur Entwaffnung von B√ľrgerkriegsakteuren unternommen werden...

Die Journalistin Alexandra Endres hat sich auf eine Reise durch Kolumbien begeben und berichtet nun davon in ihrem lesenswerten Sachbuch "Wer singt, erz√§hlt - Wer tanzt, √ľberlebt". Sie besuchte Gro√üst√§dte wie Bogot√°, Medell√≠n und Cartagena, war an der Pazifik- wie an der Karibikk√ľste, √ľberquerte die Anden und durchfuhr den Regenwald. Und auch wenn reisebegeisterte Leserinnen und Leser Endres' Buch als Vorlage f√ľr den eigenen Urlaub nehmen k√∂nnen, so liegt der Gehalt des Buches vor allem in den reportageartigen Beschreibungen der kolumbianischen Lebenswirklichkeit und in den Portraits von Menschen, die das Zusammenleben in dem vom B√ľrgerkrieg geschundenen Land verbessern wollen.

Musik, Tanz und die K√ľnste

Nicht ohne Grund verweist schon der Buchtitel auf Gesang und Tanz, zwei k√ľnstlerische Ausdrucksformen, die dazu beitragen k√∂nnen, dem Alltag zu begegnen oder ihn zu kommentieren. In Cartagena besucht Alexandra Endres eine Musikschule, in der vor allem Kinder und Jugendliche unterrichtet werden, deren Familien aufgrund der laufenden Gentrifizierung an die R√§nder der Gro√üstadt gedr√§ngt werden. Sie lernen in der Schule nicht allein das Musizieren, sondern besch√§ftigen sich mithilfe selbst verfasster Songtexte auch mit wichtigen gesellschaftlichen Ph√§nomenen: Was tun gegen Bandenkriminalit√§t, ausufernden Drogenkonsum und die hohe Zahl von M√§dchenschwangerschaften?

Auch die Cantaoras liefern Beitr√§ge zur Heilung vielf√§ltiger Traumata. Es sind Frauen wie Cecilia, die durch die Stra√üen ziehen und dabei allt√§gliche Probleme besingen: "Von Cecilia lerne ich, dass die Cantaoras das lebende Ged√§chtnis der afrokolumbianischen Gemeinschaften sind und in ihnen eine wichtige spirituelle Rolle spielen. Ihre Ges√§nge helfen den Menschen, nicht verr√ľckt zu werden, bei sich zu bleiben angesichts der Gewalt und Diskriminierung, die viele ertragen m√ľssen."

Weisheit und Misstrauen der Indígenas

Am Beispiel der Begegnungen mit Angeh√∂rigen verschiedener indigener Gemeinschaften l√§sst sich die inhaltliche Bandbreite des Buches verdeutlichen. Die Autorin f√§hrt beispielsweise mit einem mobilen √Ąrzteteam einen Tag lang in die Siedlungen der Way√ļu. Dort lernt sie das Misstrauen kennen, mit dem viele Way√ļu den "wei√üen" Kolumbianern begegnen. Es ist dies eine passende Gelegenheit, einige historische Aspekte des Zusammenlebens zwischen Indigenen und der europ√§isch gepr√§gten Mehrheitsgesellschaft zu beleuchten.

Allzu negativ waren offenkundig die fr√ľheren Erfahrungen mit einzelnen Anthropologen, Medizinern, Beamten und Klerikern. In der Summe lehnt diese Gemeinschaft nun den "wei√üen" Einfluss ab, da sie bef√ľrchten, die eigenen Traditionen k√∂nnten weiter korrumpiert werden. So f√ľhrt die Beschreibung einer Begegnung zur Besch√§ftigung mit den Hintergr√ľnden, ehe es zur√ľckgeht zu den beschreibenden Passagen

Mamo Camilo, ein spirituellen F√ľhrer der Arhuaco, kommt auf ein weiteres gro√ües Problem zu sprechen: Die Ausbeutung von Bodensch√§tzen durch multinationale Unternehmen und die Verschmutzung der Gew√§sser: "Sie glauben, das geh√∂rt alles ihnen. Aber f√ľr uns sind es K√∂rperzellen der Mutter Erde."

In Bogot√° trifft Endres schlie√ülich die indigene Richterin Belkis Izquierdo Torres, die versucht, die staatliche mit der traditionellen indigenen Gerichtsbarkeit zu vers√∂hnen. W√§hrend die Rechtsprechung des Staates die Strafe in den Mittelpunkt stelle, konzentriere sich die indigene Herangehensweise auf die soziale Rehabilitation. Auch wenn es durchaus drakonische Sanktionen gebe, sei das Ziel stets, die Harmonie der Welt wiederherzustellen und f√ľr Vers√∂hnung zu sorgen.

Einsatz f√ľr die Armen - Kirchliche Akteure

Nicht zuletzt sind es in der Kirche beheimatete Akteure, die sich f√ľr ein gerechteres, gewaltfreies Leben in Kolumbien einsetzen. So sehr Teile der Metropolen zu begehrten Reisezielen werden und die Eliten in neue Hotelburgen investieren, sorgt die auseinanderklaffende soziale Schere f√ľr unz√§hlige Menschen, die dringend Hilfe ben√∂tigen.

In der Stadt Quibd√≥ lernt die Autorin Ursula Holzapfel kennen, die sich unter anderem mit Handarbeitskursen um Frauen k√ľmmert, die vor der grassierenden Gewalt in die Region Choc√≥ mitten im Regenwald gefl√ľchtet sind. Ursula Holzapfels Arbeit f√ľr die Binnenfl√ľchtlinge wird √ľbrigens ebenso von Adveniat unterst√ľtzt wie Padre Dar√≠o Echeverri, der in der Basilika Voto Nacional in der Altstadt von Bogot√° die Messe liest und von dort zahlreiche soziale Aufgaben f√ľr die Bewohner der umliegenden Barrios koordiniert.

Alexandra Endres erz√§hlt vom Leben in der "Bronx von Bogot√°" und schildert dann einen Gottesdienst, in dessen Verlauf Padre Dar√≠os Charisma deutlich wird: "Er predigte und sang im Kirchenschiff, inmitten seiner Gemeinde, er umarmte die Leute und sch√ľttelte H√§nde, er stellte Fragen, statt zu belehren, er drohte nicht mit Strafen, sondern feuerte seine Zuh√∂rer an, Gutes zu tun, und er sprach in einer klaren, schlichten Sprache, die jeder verstand."

Autor: Thomas Völkner

Alexandra Endres: "Wer singt, erz√§hlt. Wer tanzt, √ľberlebt" - Eine Reise durch Kolumbien
Ostfildern: DuMont Reiseverlag 2017
281 Seiten ‚Äď 14,99 Euro
ISBN 978-3-7701-8284-8

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