13.11.2017

Interview, Peru

"Wenn wir nichts unternehmen, verschwindet unsere Lebensgrundlage!"

Saul Luciano auf einer Demonstration in Bonn. Foto: Regina Mennig

Es wirkt wie David gegen Goliath: Der Bergbauer Sául Luciano Lluya aus den peruanischen Anden verklagt den deutschen Stromkonzern RWE. Seine Argumentation: RWE gehöre mit seinen Kohlekraftwerken zu den weltweit größten CO2-Emittenten, sei deshalb mit verantwortlich für den Klimawandel – und damit auch für eine drohende Überflutung seiner Heimatstadt Huaraz. Sie liegt unterhalb einer Lagune, und die könnte wegen der rapide abschmelzenden Gletscher in den Anden bald überlaufen. Saúl Luciano will erreichen, dass RWE sich am Bau eines Damms beteiligt. Wir haben ihn vor dem ersten Prozesstag am Oberlandesgericht Hamm getroffen – dort läuft ab 13. November 2017 der Berufungsprozess, denn Sauls erste Klage am Landgericht Essen war 2016 abgewiesen worden.

Herr Luciano, wie sieht es in Ihrer Heimat, in den Anden rund um Huaraz, aus?

Die Region, in der ich lebe, heißt Cordillera Blanca (weiße Bergkette). Wir haben dort viele Berge mit 5000, 6000 Metern Höhe. Die Landschaft ist wunderschön, es kommen auch viele Touristen. Jetzt haben wir noch Gletscher. Aber sie schmelzen ab, und dieser Prozess wird immer schneller. Es formen sich Gletscherseen, deren Wasserstand ständig steigt – davon geht jetzt ein hohes Riskiko für Huaraz aus. Aber der Abschmelzungsprozess führt uns in absehbarer Zeit noch vor ein anderes, riesiges Problem. Die Gletscher sind unsere Wasserspeicher. Verlieren wir sie, werden wir kein Wasser mehr haben.

Wie sind Sie darauf gekommen, wegen der Gletscherschmelze ein Unternehmen zu verklagen?

Schon seit frühester Kindheit beobachte ich das Abschmelzen der Gletscher – wie sie sich immer mehr zurückbilden. Und damit ist auch die Frage in mir hochgekommen: Was ist der Grund dafür, dass die Gletscher abschmelzen? Wer sind die Verantwortlichen? Dann hatte ich das Glück einen landwirtschaftlichen Berater in Huaraz zu treffen, der die Aktivisten der deutschen NGO „Germanwatch“ kennt. Mit ihnen habe ich mich dann zusammengesetzt, um zu beraten, was wir tun können.

Und warum haben Sie sich für Ihre Gerichtsklage gerade RWE ausgesucht?

„Germanwatch“ hat mich mit einer Anwältin in Verbindung gebracht. Wir hätten theoretisch viele Unternehmen verklagen können. Aber wir kamen zu dem Schluss, dass es am sinnvollsten wäre, das in Deutschland zu tun. Denn hier kennt sich unsere Anwältin mit dem rechtlichen Rahmen am besten aus.

Sie nehmen für diesen Prozess sehr viel auf sich, Sie sind schon mehrmals nach Deutschland gereist, Sie fehlen teilweise über Wochen zuhause auf dem Hof, den Sie mit Ihrer Frau betreiben. Was treibt Sie an?

Der Grund, warum ich das alles mache, sind die Berge – sie werden langsam zerstört. Wir, die am Fuße der Berge leben, haben eine sehr enge Verbindung zu ihnen. Wir können ohne die Berge nicht leben. Denn von dort kommt unser Wasser, für uns, für die Landwirtschaft. Wenn wir nichts unternehmen, verschwindet unsere Lebensgrundlage. Und jetzt haben wir ein Instrument gefunden, mit dem wir den Klimawandel und diese Zerstörung vielleicht aufhalten können.

Wie sehen die Menschen in Ihrer Heimatstadt denn Ihre Aktivitäten? Stehen sie hinter Ihnen?

Nach der ersten Klage schlug mir auch viel Kritik entgegen. Es gibt Leute, die meinten, ich wolle die Lagune an die Deutschen verkaufen. Andere behaupteten, ich würde mich persönlich bereichern, ich bekäme Geld dafür, dass ich diese Klage mache. Aber es gibt auch diejenigen, die mich unterstützen, und auch die wird es immer geben.

Wegen des Gerichtsverfahrens sind Sie inzwischen mehrmals in Deutschland gewesen. Wie sehen Sie denn die Lebens- und Wirtschaftsweise hier?

Ich glaube, es gibt viele Wege, um Energie zu erzeugen. Das, was am meisten Schaden anrichtet, ist Kohlenstoffdioxid. Die Unternehmen sollten sich von der Energieerzeugung, die der Umwelt und dem Planeten schaden, verabschieden.

Letztes Jahr ist Ihre Klage am Landgericht Essen abgewiesen worden, jetzt sind Sie wieder in Deutschland – nicht nur zum Berufungsprozess am Oberlandesgericht Hamm, sondern auch für öffentliche Auftritte mit Germanwatch. Haben Sie zwischendurch Zweifel, ob sich die vielen Anstrengungen überhaupt lohnen?

Ja, es gab viele Schwierigkeiten. Es war bisher nicht einfach. Aber der Grund für das alles ist nach wie vor derselbe. Man muss nur in die Berge gehen, die Gletscherschmelze beobachten und alles, was damit zerstört wird. Und dann fällt es leicht, Kräfte zu mobilisieren.


Das Interview führte Regina Mennig.

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