20.03.2017

Peru

Wenn es in der Wüste zuviel regnet

In Lambayeque, im Nordwesten Perus, werden Menschen aus den Fluten gerettet. Foto: Caritas Perú

Von Tumbes bis Tacna reißen derzeit Schlammfluten Häuser, Straßen und Brücken mit sich. Und das an der Küste, an der es nie regnet. Was passiert da genau? Perus Klimazonen sind auch ohne extreme Wetterereignisse nicht einfach zu erklären.

In Kürze: wenn es in den Bergen (Sierra) regnet, also in der Regel von Januar - März, dann scheint an der Küste die Sonne, und es ist Strandsaison. Wenn  dagegen der Himmel in der Sierra sternenklar ist und kein Tropfen Regen fällt (Juni bis September), dann ist es an der Küste neblig, feucht und kalt - jedoch ohne, dass der Nebel in Regen niederschlägt. 

Die Flüsse, die von den Anden in den Pazifik herunterfließen, führen nur dann Wasser, wenn es in den Bergen regnet, also in den Monaten Januar bis März. Den Rest des Jahres sind die Flussbetten ausgetrocknet. Dass es jetzt in den Bergen regnet, ist also nicht verwunderlich. Außergewöhnlich ist die Menge und die Heftigkeit der Niederschläge. Die Folgen sind anschwellende Bäche und Flüsse, die auf ihrem steil abfallenden Weg von den Anden zum Teil über ihr Bett treten und dabei alles mitnehmen, was im Weg steht.

Betroffen sind vor allem die nördlichen Regionen Tumbes, Piura, Lambayeque, inzwischen aber auch Ancash und Lima. In der Hauptstadt Lima sind dies vor allem die Viertel, die nahe der Flüsse Rimac (Carretera Central) und Chillón (Cono Norte) liegen.  Da die Flussbetten jahrelang trocken sind, haben sich auch in diesen riskanten Zonen Leute niedergelassen und - mit oder ohne behördliche Genehmigung - ihre Häuser gebaut.  Diese sind nun besonders betroffen. Angesichts der Heftigkeit der Regenfälle sind aber sogar die Altstadt von Lima und Callao, da wo der Fluss Rimac fließt, gefährdet.

Eine überschwemmte Wüstenmetropole ohne Trinkwasser

Die meisten Bewohner Limas - alle jene, die nicht direkt an den Flussbetten wohnen - bekommen die Folgen der Naturkatastrophe ganz anders zu spüren: Seit zwei Tagen produziert der staatliche Trinkwasserversorger Sedapal kein Trinkwasser. Dieses offensichtliche Paradox, dass eine Wüstenstadt kein Wasser hat, weil es zuviel Wasser gibt, ist einfach erklärt: Die Hauptwasserquelle von Sedapal ist der Fluss Rimac. Durch die Sturzfluten schwemmt der Fluss soviel Schlamm, Sand und Steine mit, dass die Anlagen des Wasserbetreibers nicht in der Lage sind, so stark verschmutzes Wasser zu reinigen, ohne dass ihre eigenen Anlagen kaputt gehen. Seit zwei Tagen sind viele Bewohner Limas deshalb ohne Wasser, leben von den Vorräten, oder holen Wasser von einem offiziellen Tankwagen, oder auch bei privaten Wasserverkäufern, die nun mit Wasser gute Geschäfte machen. Sedapal betreibt auch mehrere unterirdische Brunnen in Lima, die im Moment für die notdürftige Trinkwasserversorgung Limas aufkommen. Sollte die Trinkwasserversorgung aber nicht bald wieder in Gang kommen, wird die Lage kritisch. Wasserflaschen in Supermärkten sind bereits jetzt ausverkauft, und die Geduld der Leute weicht der Nervosität.

Warum sind die Folgen der Regenfälle so schlimm?

Diese Frage stellt sich zurecht: Denn jedes Jahr um diese Jahreszeit regnet es in den peruanischen Bergen und zuweilen auch stark. Jedes Jahr kommt es deswegen zu sogenannten Huaicos, Bergrutschen und Schlammlawinen, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie es jetzt der Fall ist. Warum also hat sich der peruanische Staat  inklusive der betroffenen Gemeinden nicht rechtzeitig darauf vorbereitet? Der Antworten sind viele: Korruption bei Stadtverwaltungen bei der Bewilligung von Bauplätzen, von denen man genau weiß, dass die Häuser beim nächsten Huaico weggeschwemmt werden; mangelnde Durchsetzungskraft bei der Beseitigung illegal gebauter Häuser; mangelnde Umsetzung bei den Katastrophen-Vorsorgemaßnahmen, wie Ausbaggerung der Flussbetten, Befestigung von Ufermauern, Bau von Abwässerkanälen; Pfusch und/oder Korruption am Bau, wie eine kürzlich eingestürzte Fußgängerbrücke in Lima zeigt. Es liegt auch an mangelnder Koordination der verschiedenen Stellen und an mangelnden Investitionen in die staatlichen Wasserwerke etc.

Es ist eben nicht nur eine Frage der Naturgewalten, sondern auch eine Frage, wie gut sich ein Staat auf diese bekannten Risiken vorbereitet und danach schnell reagieren kann.

Niño oder Klimawandel?

Peru kennt neben dem jährlichen Regen auch das außergewöhnliche Klimaphänomen El Niño. Alle 10 bis 15 Jahre erwärmt sich der Pazifik und verändert das Klima in der gesamten Pazifikregion. 1998 fand der letzte große El Niño an der peruanischen Küste statt und  hinterließ große Schäden.  2015/2016 gab es einen El Niño im Pazifik, der - obwohl als Katstrophe für Peru angekündigt - letztlich sehr moderat ausfiel. Das jetzige Wetterphänomen jedoch, ebenfalls El Niño, dagegen wurde von den Meteorologen nicht vorhergesagt.

Grund für die jetzigen Starkregenfälle ist eine lokale Erwärmung des Pazifiks vor der peruanischen Küste. Das Phänomen nennt sich "El Niño costero", also Küsten-Niño, ist lokal beschränkt und schwer vorhersagbar, so der peruanische Klimawissenschaftler Ken Takahashi. Und der Klimawandel? Ernsthafte Wissenschaftler weigern sich, ein einzelnes Wetterphänomen auf den von Menschen gemachten Klimawandel zurückzuführen. Zudem El Niño - auch der Küsten-Niño - schon lange vorher bekannte Phänomene sind.  Dennoch sagen auch vorsichtige Prognosen, dass der Klimawandel in Zukunft die extremen Wetterereignisse vermehren wird.

Keine Entwarnung in Sicht

Meteorologen sind keine Hellseher, deswegen sind ihre Vorhersagen mit Vorsicht zu genießen. Sie haben aber schon mal angekündigt, dass die Regenfälle in Peru noch bis April anhalten werden. Über die Intensität derselben machen sie keine Voraussagen.

Autorin: Hildegard Willer, Quelle: infostelle perú

Als Soforthilfe stellt das deutsche Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat 30.000 Euro für die Überschwemmungsopfer zur Verfügung. Damit sollen Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente, Decken und Kleidung finanziert werden.

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