15.02.2017

Chile, Interview

Waldbrand-Forscher: "Es wird sogar noch mehr Brände geben"

Miguel Castillo Soto forscht am Laboratorium f√ľr Waldbr√§nde der Universidad de Chile. Foto: Miguel Castillo Soto.

Chile hat gerade die gr√∂√üte Waldbrandkatastrophe seiner Geschichte erlebt. Elf Menschen kamen ums Leben, mehr als 1.000 H√§user wurden zerst√∂rt. Tausende Bewohner mussten umgesiedelt werden, mehr als 600.000 Hektar Wald- und Agrarfl√§che wurden vernichtet. Die Sch√§den belaufen sich auf √ľber 300 Millionen Dollar.

Die Regierung schlie√üt Brandstiftung nicht aus, 43 Personen wurden verhaftet. Miguel Castillo Soto, Forscher des Laboratoriums f√ľr Waldbr√§nde der Universidad de Chile, spricht mit uns √ľber die vielf√§ltigen Hintergr√ľnde der Waldbr√§nde.

Wie wurden die Waldbrände verursacht?

Miguel Castillo Soto: In Chile sind fast alle Waldbr√§nde eine Folge menschlichen Handelns. Dabei muss man unterscheiden zwischen unverantwortlichem oder unachtsamem Handeln und vors√§tzlichem Handeln, also Brandstiftung - einer Straftat. Ich vermeide es, in dieser Waldbrandsaison von unachtsamem Handeln zu sprechen. Meiner Erfahrung nach w√ľrde ich sagen, dass die letzten Br√§nde ‚Äď auch wenn es gerade untersucht wird und noch nichts bewiesen ist ‚Äď auf vors√§tzliches Handeln zur√ľckzuf√ľhren sind.

Vorsätzliches Handeln von wem?

Es k√∂nnte sein, dass es Menschen waren, die einfach einen Brand legen wollten. Es gibt Thesen, die besagen, dass es sich um die Rache einiger Forstunternehmen handeln k√∂nnte. Eine andere These besagt, dass es organisierte Gruppe waren. In der Region O‚ÄôHiggins soll einer der gro√üen Br√§nde von maroden Stromleitungen verursacht worden sein, die Funken abgaben und so das trockene Gras und Laub entz√ľndeten. Aber all das wird gerade untersucht und ist noch nicht bewiesen.

Welche Folgen hatten die Bände?

Ich muss zum Kontext sagen, dass die Anzahl der Brände in Chile in den letzten Jahren konstant geblieben ist. Jedes Jahr gibt es in Chile etwa 6.200 Brände. Und die zerstörte Oberfläche beträgt durchschnittlich etwa 63.000 Hektar.

In diesem Jahr ist die Anzahl der Brände nur um 12 Prozent angestiegen, aber die zerstörte Oberfläche hat sich enorm vergrößert. Im Moment sprechen wir von 600.000 Hektar verbrannter Oberfläche. Es gab enorme Umweltschäden. Ein großer Teil der einheimischen Wälder sind betroffen, die gemischt waren mit Plantagen und landwirtschaftlichem Anbau.

Eine weitere Folge ist der Verlust von Arbeitspl√§tzen. Viele Menschen wurden von den Unternehmen entlassen, deren Plantagen abgebrannt sind. Es gibt Sch√§den f√ľr Flora und Fauna, vor allem f√ľr die einheimische Vegetation. In Chile gibt es zwei gro√üe Unternehmensgruppen, die einen gro√üen Teil ihrer Plantagen verloren haben. Es gibt also wirtschaftliche Verluste, Umweltverluste und soziale Verluste. Wenn wir diese Verluste in Dollar messen, dann handelt es sich um einen Verlust von mehr als 300 Millionen US-Dollar.

Warum gibt es in Chile so viele Brände?

Das liegt an verschiedenen Faktoren. Der wichtigste Faktor ist der Klimawandel. In den letzten Jahren ist die Vegetation viel trockener geworden, weshalb sie schnell Feuer f√§ngt und das Feuer sich leichter verbreitet. In diesem Jahr kamen noch die meteorologischen Bedingungen hinzu, die die Verbreitung des Feuers beg√ľnstigt haben.

Wie kann man die Brände in Zukunft verhindern?

Man wird die Br√§nde niemals verhindern k√∂nnen. Es wird sogar noch mehr Br√§nde in den n√§chsten Jahren geben. Was wir machen m√ľssen, ist den Verlust zu verringern. Es wird sehr wenig Geld in die Forschung investiert. Die Nationale Forstbeh√∂rde (CONAF) ist das einzige Forschungszentrum, das Waldbr√§nde untersucht und besteht aus drei Forschern. CONAF muss sich modernisieren und es muss mehr Geld in Pr√§ventionskampagnen investiert werden.

Der chilenische Staat hat den Anbau von Monokulturen von Kiefer und Eukalyptus subventioniert. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Monokulturen und den Bränden?

Ja, aber das hängt von den Bedingungen ab: Kiefer und Eukalyptus sind nicht brennbar. Deshalb ist das Thema hier nicht die Spezies der Pflanzen an sich, sondern die Art und Weise wie diese angebaut werden - in Monokulturen.

Einige Spezialisten schlagen vor, eine Heterogenit√§t in der Landschaft zu f√∂rdern, also eine Mischung aus einheimischem Wald, landwirtschaftlichem Anbau, st√§dtischer Nutzung und so weiter. So kann sich das Feuer im Fall eines Brandes nicht so leicht ausbreiten. Aber solche Vorhaben gibt es in Chile bisher nicht. Wenn wir eine landwirtschaftliche Heterogenit√§t erreichen, k√∂nnen wir die Anzahl der Br√§nde verringern. Es gibt auch einen kulturellen Aspekt, den das Land √§ndern muss, n√§mlich die Wertsch√§tzung der Natur. In Chile gibt es da ein Bildungsproblem. Viele Menschen werfen M√ľll auf die Stra√üe, machen Lagerfeuer, ohne die Umwelt zu respektieren. Das wirkt sich auch auf die Br√§nde aus.

Wenn der ausschlaggebende Faktor der Klimawandel ist, dann m√ľssen wir den Klimawandel bek√§mpfen...

Den Klimawandel kann man nicht bek√§mpfen. Hier in der s√ľdlichen Hemisph√§re ist er f√ľr immer installiert. Es gibt Faktoren, die die chilenische Regierung beeinflussen kann und andere eben nicht ‚Äď zu Letzteren geh√∂rt der Klimawandel.

Was die Regierung beeinflussen kann, sind Politik und Gesetze. Das heißt, mehr Geld in Forschung, Prävention und Bekämpfung der Brände investieren, die Nationale Forstbehörde CONAF modernisieren und Bildungsprogramme zum Naturschutz fördern.

Das Interview f√ľhrte Sophia Boddenberg.

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