03.10.2014

Brasilien

Wahlkampf hautnah

Eine Präsidentin zum Anfassen - für eine Sekunde pro Person. Foto: Christina Weise.

"Marina! Marina! Marina!" schallt es von überall her. Marina Silva, Kandidatin im Rennen um die Präsidentschaft, besucht die CUFA, die Central Única das Favelas.

Nicht nur viele Jugendliche, die in dem Zentrum täglich ein- und ausgehen, sind hier, um die beliebte Politikerin zu sehen, sondern auch jede Menge Journalisten. Darunter ich.

Wir stehen am Rande eines Basketballfeldes, wo noch fleißig gespielt wird und warten auf Marina. Sie ist bereits zu spät, was für die Organisatoren gut ist, denn die beginnen erst jetzt, den Event richtig vorzubereiten. Um uns herum werden Barrieren aufgestellt, damit die Journalisten die Politikerin aus der Ferne betrachten können. Wir sind nun richtig eingezäunt und immer wieder fliegt der Basketball in die wartende Journalistenmenge.

Dann kommt sie endlich: Marina Silva, die die neue brasilianische Staatschefin werden könnte. Nicht unbedingt direkt am Sonntag, aber eine Stichwahl zwischen ihr und der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff ist wahrscheinlich. Mit ihrer Herkunft können sich hier viele identifizieren: geboren und aufgewachsen in Acre, tief im Amazonas, ihre Familie: arme Kautschukzapfer. Sie hat schwere Krankheiten überlebt, als Hausangestellte gearbeitet und erst mit 16 Jahren lesen und schreiben gelernt.

Ducken und ausweichen

Jedenfalls ist sie jetzt da, und die provisorisch errichteten Barrieren brechen einige Minuten nach ihrer Ankunft: Die Fotografen und Kameramänner heben die Zäune einfach auseinander und stürmen der Politikerin entgegen. Für mich heißt das: ducken und ausweichen. Von gefühlt überall kommen überraschend schnell Kameras an mir vorbeigerauscht. Nach weniger als einer Minute ist nichts mehr von Marina Silva und ihrem Team zu sehen. Und alle beschweren sich, dass sie kein Bild bekommen, weil immer jemand im Weg steht.

Doch so ein Chaos bringt auch Möglichkeiten: meiner Kollegin gelingt es, ein Interview mit der begehrten Politikerin zu organisieren. Nur drei Fragen, aber immerhin.

Zeit für Selfies

Als ein paar Tage später die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff in der Stadt ist, geht alles viel geordneter zu. Dafür ergeben sich hier keine Interviews, sprechen dürfen wir mit so gut wie niemandem und wir müssen in dem für uns vorgesehenen Bereich bleiben - dafür sorgen unzählige Sicherheitskräfte. Aus dem abgesperrten Bereich heraus, führen wir Interviews mit den Atleten im Publikum. Es sind geladene Gäste, die allerdings nicht wissen, wieso sie da sind. Wir sind im olympischen Dorf, und die Präsidentin, die hier als Kandidatin auftritt, kann kaum noch sprechen, so heiser ist sie vor lauter Wahlkampf. Aber sie nimmt sich Zeit für Selfies mit den jungen Athleten aus dem Publikum. Im Sekundentakt wird geknipst. Im Hintergrund läuft dazu ihr sehr eingängiger Wahl-Song "Dilma, mutiges Herz". Eine Präsidentin zum Anfassen - aber nur für kurze Zeit, denn dann rauscht sie mit dem Helikopter weiter zum nächsten Termin.

Jubel gegen Geld

Marina Silva war Tage zuvor mit dem Auto in Rio de Janeiro unterwegs. Fast zwei Stunden dauert die Fahrt von einem zum nächsten Termin. Drei Stunden zu spät kommt sie dort an. Auf dem Platz steht ein überdimensional großer Bildschirm, der ihr Portrait zeigt, aus den Boxen dröhnt ihr Lied "Wir geben Brasilien nicht auf". Die Menschen, die noch so lange ausgeharrt haben, schwenken Fahnen und jubeln. Die Politikerin und ihr Team steigen auf einen Wagen, der am Rand steht und sprechen zu der Menge. Erst als ich die Frau neben mir frage, was sie denn so toll an Marina findet, verstehe ich, denn die Antwort lautet: "Ich weiß noch nicht, wen ich wähle. Ich bin hier ja nur, um zu arbeiten." Alle, die Marina-Shirts tragen und mit Fahnen ausgestattet sind, sind bezahlt oder gehören zur Partei. Und das sind so gut wie alle auf dem Platz. Die Politikerin spricht zu Menschen, die ihr gegen Geld zujubeln. Das ist so üblich in Brasilien. Bei allen Terminen finden sich fahnenschwenkende Menschen ein, die Werbung für den jeweiligen Politiker machen - und dafür bezahlt werden. Unglaublich. Was für eine Show!

Autorin: Christina Weise

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