10.10.2018

El Salvador, Interview, Oscar Romero

"Vom SchĂŒtzengraben an die Urne"

Roberto Cuéllar (Foto: Presidencia El Salvador, Flickr, CC0 1.0)

Oscar Arnulfo Romero, bald der "Heilige Amerikas", hinterliess Lateinamerika  mehr als seine Friedensbotschaft und seinen Einsatz fĂŒr die Armen. Das sagt im Interview mit dieser Seite Rechtsanwalt Roberto CuĂ©llar, einer seiner engsten Mitarbeiter im bischöflichen RechtshilfebĂŒro in San Salvador. "Romero war ein Apostel der Menschenrechte", so CuĂ©llar, heute Direktor des Instituts fĂŒr Menschenrechte der Organisation der Ibero-Amerikanischen Staaten. Eine Aufgabe, der sein Heimatland bis heute nicht gewachsen ist.

Blickpunkt: Das bischöfliche Rechtshilfe-BĂŒro fĂŒr die Armen und Verfolgten des BĂŒrgerkriegs war Ende der 70er Jahre ein Pionier. Wie kam es dazu? 

Die Idee stammte vom Jesuitenpater Segundo Montes, der spĂ€ter zusammen mit anderen Professoren und dem Rektor der Zentralamerikanischen UniversitĂ€t ermordet wurde. Montes war einer meiner Oberstufenlehrer. Zwei Jahre nach dem Abitur, als ich schon Jura studierte, schlossen die MilitĂ€rs die UniversitĂ€t. Montes rief ein paar Studenten und erklĂ€rte, statt zu Faulenzen sollten wir lieber den Armen Rechtshilfe leisten. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben. Die Elite hielt uns fĂŒr verrĂŒckt, fĂŒr Kommunisten, denn Jura war nicht dazu da, dem NĂ€chsten zu helfen, sondern um Geld zu verdienen. Wir wurden schnell zu einem Dampfkessel, alle MissbrĂ€uche der MilitĂ€rregierung gingen ĂŒber unseren Schreibtisch. Und wir merkten schnell, wie korrupt und parteiisch unser Justizsystem war. Die Elite stahl den Armen damals buchstĂ€blich das letzte Hemd.

Wie stand Romero zu dem Projekt? 

Zuerst war er misstrauisch und meinte, wir seien zu jung und wĂŒrden dem Druck nicht standhalten. Doch dann geriet auch die Kirche ins Visier der Elite. Nach dem Mord an Priester Rutilio Grande im Jahr 1977 gliederte Romero uns der Erzdiözese ein. Wir wurden Teil der Selbstverteidigungsstrategie der Kirche.

Wie war die Arbeit mit Romero inmitten eines eskalierenden BĂŒrgerkriegs?

Es war sehr streng mit uns. Er forderte eindeutige Belege, bevor er einen Fall publik machte. Und dann prĂ€sentierte er die FĂ€lle vor Gericht, obwohl er wusste, wie voreingenommen die Justiz war. Aber weder die Regierung noch der Oberste Gerichtshof konnten ihm je einen Fehler nachweisen.  Als ich einmal frustiert sagte, die Gesetze seien Schrott, antwortete er mir: "Wende sie an, um zu zeigen, dass sie zu nichts nĂŒtze sind!" Heute kennen wir das im Völkerrecht als Prinzip der Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs. Romero war ein Pionier der Menschenrechte.

Bis heute wurde niemand fĂŒr den Mord an Romero zur Rechenschaft gezogen. Hat der Staat bei der VergangenheitsbewĂ€ltigung versagt?

Die Regierung hat einiges getan, aber was nĂŒtzen die ganzen Hommagen, BrĂŒcken und Straßen, die nach Romero benannt sind? Das wĂ€re ihm nicht wichtig gewesen. Gut, es ist ein Ritual und hat seinen Sinn. Aber wir haben die große Schuld gegenĂŒber Romero noch nicht beglichen. Romero war der VorlĂ€ufer des Rechts der Opfer auf Wahrheit, daher ist sein Todestag, der 24. MĂ€rz, von der UNO zum Tag des Rechts auf Wahrheit erklĂ€rt worden. Es ist eine Ironie, dass ausgerechnet Romeros Heimatland und der Rest der Welt nie die ganze Wahrheit ĂŒber seinen Tod erfahren hat, weil ein Amnestiegesetz das verhindert.

KĂŒrzlich hat das Oberste Gericht dieses Gesetz fĂŒr verfassungswidrig erklĂ€rt. Öffnet sich jetzt die TĂŒr zu Wahrheit und Versöhnung?

Das ist zweifellos der grĂ¶ĂŸte Erfolg fĂŒr die Opfer, die Jahrzehnte um Gerechtigkeit und Anerkennung gekĂ€mpft haben. Die Amnestie, die 1992, fĂŒnf Tage nach der Bekanntgabe des Berichtes der UN-Wahrheitskommission erlassen wurde, war der erste grosse Betrug am Frieden. Denn im Friedensvertrag waren Sondergerichte vorgesehen, die schwere Menschenrechtsverletzungen ahnden sollten. Aber die Kriegsparteien (die rechte Arena-Partei und die linke Ex-Guerrilla FMLN) hatten daran kein Interesse und beschlossen die Amnestie ĂŒber den Kopf der UNO hinweg, weil sie von der Schlacht in den SchĂŒtzengrĂ€ben ungestört zur Schlacht an den Urnen ĂŒbergehen wollte. Heute ist das rechtliche Hindernis beseitigt, aber es gibt andere: Den Mangel an Beweisen und Informationen, und die prekĂ€re Situation der meisten Opfer, die keine Mittel haben, Gerechtigkeit vor Gericht einzufordern. Die Parteien finden immer neue Ausreden, um Prozesse zu blockieren. Wir sind also noch weit entfernt von Wahrheit und Versöhnung.

Laut den Umfragen könnte 2019 erstmals ein Kandidat die PrĂ€sidentschaft gewinnen, der weder der linken FMLN noch der rechten ARENA-Partei angehört, also den beiden ehemaligen Kriegsparteien. Ist das nicht eine Chance?

Die Zweiparteienlogik kann aufgebrochen werden, aber wofĂŒr Nayib Bukele (der Favorit) steht, ist unklar. Das Thema der Gerechtigkeit hat bislang keinen Eingang gefunden in den Wahlkampf und steht nicht einmal auf der Liste seiner Ideen. Ich fĂŒrchte, dass er sowohl die Opfer als auch Romero fĂŒr wahltaktische Zwecke missbrauchen könnt. Wir hatten schon Ă¶fter solche vermeintlichen Erlöser, die den Himmel auf Erden versprachen. Eine ernsthafte politische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Menschenrechten sehe ich im Moment nicht. Darin, und in der selbstbestimmten Organisation der Opfer, liegt die große Aufgabe derjenigen, die sich als JĂŒnger des Heiligen Romero verstehen.

Interview: Sandra Weiss

Adveniat: "Balsam fĂŒr die Seele El Salvadors"

Adveniat-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Pater Michael Heinz nimmt an den Feierlichkeiten der Heiligsprechung am 14. Oktober teil. â€žDie Heiligsprechung von Óscar Romero ist Balsam fĂŒr die verwundete Seele des Volkes von El Salvador, die nach den Jahren des BĂŒrgerkrieges nie Versöhnung oder Wiedergutmachung erfahren hat“, sagt Pater Heinz. Ă“scar Romero war Partner von Adveniat. Zwölf Projekte hatte er eingereicht und auch die Adveniat-GeschĂ€ftsstelle in Essen besucht.

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