12.01.2018

Peru

Versöhnung mit Tücken - Begnadigung reißt alte Wunden auf

Im Garten des katholischen Ausbildungs-Institutes CEM ist ein interkulturelles Mahnmal „Paz“ (Frieden) errichtet. Foto: Adveniat/Escher

Papst Franziskus wird in Peru ein politisch aufgewühltes Land besuchen. Die Begnadigung des ehemaligen Staatspräsidenten Alberto Fujimori reißt dort alte Wunden auf.

Am 3. November 1991 um 23.30 abends stürmten sechs schwerbewaffnete und vermummte Männer ein Nachbarschaftsfest in einer der ärmeren Gegenden der peruanischen Hauptstadt Lima.

Sie ermordeten 15 Bewohner des Viertels, es seien Terroristen gewesen, wurde nachher gesagt. Einer der Ermordeten, Javier Rios Rojas, war gerade erst acht Jahre alt. "Heute wäre mein Sohn 34 - die Mörder haben meine Familie zerstört", sagt die Mutter, Rosa Rojas, 26 Jahre später. "Wir waren doch keine Terroristen. Wir waren einfach arm und sammelten Geld, um unsere Wasserleitungen zu erneuern."

Wenn Papst Franziskus kommende Woche Peru besucht, kommt er in ein politisch aufgewühltes Land. Die Begnadigung von Ex-Staatspräsident Alberto Fujimori reißt alte Wunden auf. Auch für den Tod der 15 Bewohner von Barrios Altos und des kleinen Javier heißt der Letztverantwortliche Fujimori. Von 1990 bis 2000 Präsident des Anden-Landes, hatte er den Oberbefehl über die paramilitärische Gruppe Colina, die das Massaker von Barrios Altos beging.
2009 verurteilte ein ordentliches Gericht Fujimori deswegen zu 25 Jahren Freiheitsstrafe. Doch zu Weihnachten 2017 kam er frühzeitig frei: Der amtierende Präsident Pedro Pablo Kuczynski begnadigte den inzwischen 79-Jährigen - aus humanitären Gründen. Er wolle damit die Seite der peruanischen Gewaltgeschichte umschlagen, so Kuczynski. 2018 rief er zum Jahr des nationalen Dialogs und der Versöhnung aus.

70.000 Todesopfer

Zwischen 1980 und 2000 lieferten sich in Peru die maoistische Terrororganisation "Leuchtender Pfad" und Armee und Polizei heftige Gefechte, die fast 70.000 Menschen das Leben kosteten. Die meisten waren arme indigene Bauern, die zwischen die Frontlinien geraten waren.
Mit der Begnadigung seines Amtsvorgängers und seiner Beschwörung der nationalen Versöhnung rief Präsident Kuczynski große Empörung bei einem Teil der Bevölkerung hervor. Noch am Weihnachtsabend protestierten Rosa Rojas und Tausende Bürger spontan gegen die in ihren Augen unrechtmäßige Begnadigung Fujimoris.

Tatsächlich schien diese Teil eines politischen Deals zu sein: "Hilf mir, im Amt zu bleiben, und ich lasse deinen Vater frei". Denn: Am 21. Dezember hatte das peruanische Parlament die Absetzung Kuczynskis gefordert; er soll Bestechungsgelder vom brasilianischen Baukonzern Odebrecht angenommen haben. Der Odebrecht-Skandal hat mittlerweile große Teile Lateinamerikas erfasst.

Fujimori-Sohn rettet PPKs Karriere

Nur dank der überraschenden Stimmenthaltung der Fraktion von Fujimori-Sohn Kenji entging Kuczynski seiner Amtsenthebung. Nur drei Tage später gab er die Begnadigung von Alberto Fujimori bekannt. "Wir hätten uns nicht grundsätzlich gegen eine Begnadigung gestellt - aber nicht auf diese Art und Weise", sagt Gisela Ortiz empört. Ihr Bruder war als 21-jähriger Student von Paramilitärs umgebracht worden.

Eine Begnadigung des Hauptverantwortlichen als Teil eines politischen Geschachers sei eine Ohrfeige ins Gesicht der Opfer, sagt Ortiz. "Zweimal haben wir Kuczynski vergangenes Jahr um ein Treffen gebeten, um über eine Begnadigung Fujimoris zu reden - aber nie ist es dazu gekommen."
Am Abend seiner Freilassung bat ein recht fidel wirkender Fujimori von seinem Krankenbett aus seine Landsleute um Entschuldigung, wenn er sie während seiner Regierungszeit "betrogen" habe. "Aber wir wurden nicht betrogen, an uns wurden Verbrechen begangen", klagt Gisela Ortiz an. Bis heute hat Fujimori die Opfer der damaligen paramilitärischen Gewalt nicht um Vergebung gebeten.
Die Opfer der Massaker von Barrios Altos und La Cantuta hoffen, dass die peruanische Regierung den Papstbesuch nicht instrumentalisiert für eine in ihren Augen "manipulierte Version von Versöhnung". Doch Rosa Rojas ist zuversichtlich, dass Franziskus sie verstehen wird: "Er kommt aus einem Land, Argentinien, in dem Ähnliches geschehen ist. Mit seiner Warmherzigkeit wird er nachfühlen können, wie uns zumute ist."

Autorin: Hildegard Willer / KNA

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