04.08.2016

Peru

Peruanische "Superfoods" - Gut f√ľr uns und die Umwelt?

Quinoa-Ernte: Mittlerweile wird Quinoa nicht mehr nur von Kleinbauern in den Anden, sondern von internationalen Konzernen angebaut. Foto: Bioversity International, CC BY-NC-ND 2.0.

Chia-Samen, Acai-Beeren und Maca haben es von hoch in den Anden bis in unseren örtlichen Supermarkt geschafft. Angepriesen als "Superfoods" voller Vitamine, fliegen sie geradezu aus den Regalen. Aber sind sie rundum gut?

Heutzutage zucke ich kaum noch, wenn mich meine Partnerin bittet, Chia-Samen, rohen Kakao und Acai-Beeren in ihren morgendlichen Mandelmilch-Smoothie zu mischen. Diese einstmals exotischen Zutaten, die als reich an Antioxidantien und als Schutz gegen das Altern vermarktet werden, haben sich bei einigen von uns ins kulinarische Vokabular geschlichen und wirken inzwischen wie alltägliche Zutaten, ohne die wir nicht leben können.

Verzweifelt darum bem√ľht ihre Produkte zu differenzieren, haben Lebensmittelvermarkter einfache K√∂rner und Beeren zu Superfoods erhoben. Dabei betonen sie nicht nur ihren hohen Gehalt an Antioxidantien und pflanzlichen N√§hrstoffen, sondern auch ihren exotischen Ursprung, hoch oben in den Anden oder im Himalaja, wo Menschen ohne Chemikalien auf traditionelle Weise liebevoll per Hand anbauen und ernten.

Selbst in meinem √∂rtlichen Berliner Supermarkt gibt es diese Woche eine spezielle Superfood-Auslage mit immunit√§tssteigernden Algen, fruchtbarkeitssteigernden N√ľssen und energiespendenden Beeren, die zu √ľberh√∂hten Preisen feilgeboten werden. Beim McDonald's am Ende der Stra√üe bekommt man vegetarische Hamburger aus Quinoa und dazu nat√ľrlich einen kleinen Quinoasalat. Die Fastfoodkette bewirbt die 6.000 Jahre alten Inka-Wurzeln des Getreides und die Tatsache, dass NASA-Astronauten es im Weltraum essen.

Aber ich war diesen Marketinggeschichten gegen√ľber immer etwas skeptisch. Viele dieser Wohlf√ľhllebensmittel kommen von weit her und haben dadurch eine √ľble CO2-Bilanz. Sollten wir wirklich so viel von dem Zeug essen, wenn wir es nicht lokal anbauen k√∂nnen? Und ist die massiv angestiegene weltweite Nachfrage nachhaltig, wenn die Pflanzen in erster Linie an den H√§ngen der Anden wachsen? Werden die Arbeiter vor Ort und ihre Umwelt furchtbar ausgebeutet, um einen uners√§ttlichen Appetit des Westens auf Lebensmittel zu stillen, die diejenigen, die sie anbauen, sich selbst nicht mehr leisten k√∂nnen?

Superfoodies

In Peru, einem Land voller jahrtausendealter Superfoods, die in den K√ľchen ambitionierter Hobbyk√∂che in aller Welt hei√ü begehrt sind (Chia, roher Kakao, Maca, Lucuma, Amarant) ist das empfindliche Gleichgewicht von kleinen landwirtschaftlichen Systemen in den letzten Jahren stark durcheinander gekommen - mit positiven und negativen Folgen.

Die größte Veränderung kam durch einen massiven Anstieg der Nachfrage nach Quinoa, einer nährstoffreichen, glutenfreien Pflanze, von der vor 20 Jahren noch niemand gehört hatte und deren Preis sich von 2006 bis 2014 aufgrund steigender Nachfrage im Westen verdreifacht hat - vielleicht auch weil die US-Talkmasterin Oprah Winfrey sie 2008 in ihre Cleansing-Diät aufnahm.

Schattenseiten des Quinoa-Anbaus

Im k√ľhlen, trockenen Klima der Anden Perus und Boliviens, wo noch immer mehr als 80 Prozent des Quinoas der Welt produziert werden, wird der Boden zunehmend ausgelaugt, weil die Bauern statt traditioneller Fruchtwechsel auf intensiv bewirtschaftete Quinoa-Monokulturen setzen. Sie sind auch weniger bereit, n√§hrstoffarme B√∂den brach liegen zu lassen.

Auf Land, wo einstmals Lamas umherzogen und so die B√∂den auf nat√ľrliche Weise d√ľngten, wird nun Quinoa angebaut. Jetzt greifen die Bauern zunehmend auf chemische D√ľnger zur√ľck. Das wiederum sch√§digt den Ruf von Quinoa als sauberes, organisches Produkt. Ein Ruf, den die peruanische Regierung mit viel Aufwand aufrecht erhalten wollte, als sie 2012 ein 10 Jahre langes Verbot von genetisch ver√§nderten Lebensmitteln beschloss.

Teurer als Fleisch

In diesem Monat zitierte Alexander Kasterine in der Zeitung "The Guardian" einen Bericht des Inter-American Institute for Cooperation on Agriculture aus dem Jahr 2015 zum Thema Quinoaproduktion in Peru. Dieser best√§tigte, dass "hohe Quinoapreise einen Anreiz f√ľr die Bauern geschaffen haben, schlechte landwirtschaftliche Praktiken anzuwenden, wie den √ľberm√§√üigen Einsatz von Pestiziden und die Nichtbeachtung des Fruchtwechsels."

Im "Jahr des Quinoa" (2013) behaupteten Journalisten wie Joanna Blythman in ihrem Guardian-Artikel "K√∂nnen Veganer die ungenie√übare Wahrheit √ľber Quinoa verdauen?", dass das Superfood in Peru teurer als H√ľhnchen geworden sei und dass die Menschen vor Ort deshalb auf billigeres Junk Food ausweichen w√ľrden.
"Der Handel mit Quinoa ist noch ein weiteres beunruhigendes Beispiel f√ľr den sch√§dlichen Nord-S√ľd-Austausch, in dem Konsumenten mit guten Absichten und auf der Suche nach gesunden und ethisch vertretbaren Lebensmitteln unabsichtlich die Armut auf der anderen Seite der Welt steigern", schrieb Blythman.

Exotik als Verkaufsschlager

Und auch die Frage nach dem relativen Nutzen von Quinoa wird lauter. Tom Philpott behauptete 2013 in der Zeitschrift "Mother Jones", dass Quinoa "vielleicht den kompletten Eiweisbedarf abdecken mag und alle Aminos√§uren liefert, die man braucht und das in einer kompakten Form, aber Reis und Bohnen zusammen tun das Gleiche und besser ‚Ķ Das einzige Problem ist, dass ihnen die exotische Hintergrundgeschichte fehlt und Lebensmittelvermarkter f√ľr diese Grundnahrungsmittel deshalb nicht so einen hohen Aufpreis verlangen k√∂nnen."

Das war einer von einer ganzen Flut von Artikeln, die mich pers√∂nlich dazu bewogen, f√ľrs Erste auf Quinoa zu verzichten. Aber in letzter Zeit sind die Neuigkeiten √ľber Quinoa besser geworden und das Quinoa-Pilz-Risotto, das ich k√ľrzlich zubereitet habe, war ausgesprochen lecker.

Freihandel

In den letzten paar Monaten sind eine Menge Experten auf den Plan getreten, um die sich globalisierende Quinoaindustrie in Schutz zu nehmen. Sie behaupten, diese habe positive Auswirkungen f√ľr die Bauern in den Anden. Durch den starken Anstieg der Quinoapreise hat sich der Lebensstandard der Bauern, denen es wirtschaftlich lange Zeit schlecht ging, verbessert, und sie k√∂nnen es sich jetzt leisten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Im Juli pr√§sentierte Alexander Kasterine vom International Centre for Trade einen neuen Bericht: "Quinoa-Handel: Auswirkungen auf den Wohlstand von peruanischen Gemeinden" und behauptete, dass der Anstieg des Quinoapreises tats√§chlich die Versorgungssicherheit der √∂rtlichen Bev√∂lkerung mit Lebensmitteln verbessert habe.

Dieses Argument wurde zus√§tzlich durch die Tatsache gest√§rkt, dass die Regierungen sowohl in Peru als auch in Bolivien in den vergangenen Jahren Quinoarationen an Schulkinder und schwangere Frauen verteilt haben. Boliviens sozialistischer Pr√§sident Evo Morales, der als Sonderbotschafter f√ľr das internationale Jahr der Quinoa fungierte und selbst einmal Quinoabauer war, bestreitet, dass die Preisanstiege den lokalen Konsum reduzieren - selbst wenn er, einem AP-Bericht zufolge, Bauern daf√ľr r√ľgte, Quinoa auf Land anzubauen, wo einstmals Lamas grasten.

Preisanstieg und - verfall

Aber selbst wenn die Preisanstiege von 2013 nicht so schlimm waren, dann stellte doch der Einbruch der Preise 2014-15 aufgrund eines weltweiten starken Anstiegs der Produktion eine neue Herausforderung dar. Dieses Mal, räumt Kasterine ein, seien Quinoa-Kleinbauern, die weniger Gewinn machten, wirklich gezwungen gewesen, weniger Quinoa auf den heimischen Essenstisch zu stellen und stattdessen weniger nahrhafte Lebensmittel wie Kartoffeln zu essen - also Dinge, von denen westliche Konsumenten dank Quinoa inzwischen weniger essen.

Bauern verkaufen auch Vieh, um zu √ľberleben und horten das Getreide in der Hoffnung, dass die Preise wieder anziehen werden. Der Economist schrieb im Mai diesen Jahres, dass der momentane Marktpreis f√ľr Quinoa bei etwa 2 Dollar (1,82 Euro) liegt, was unterhalb des "Fairtrade"-Preises von 2,60 Dollar (2,36 Euro) pro Kilogramm liegt. Mit anderen Worten: "den Andenbauern geht es jetzt schon schlecht."

D√ľstere Prognose f√ľr Kleinbauern

Selbst wenn viele aus der relativen Armut entkommen sind, sind jetzt insbesondere Bauern, die seit Langem Quinoa f√ľr den lokalen Markt angebaut und daf√ľr traditionelle Techniken verwendet haben, den Launen der internationalen M√§rkte ausgesetzt. Internationale Landwirtschaftsunternehmen aus der Schweiz, den USA und selbst aus Gro√übritannien steigen in den Markt ein. Quinoabauern in den Anden, die all ihre Ressourcen in den Anbau einer einzigen Nutzpflanze gesteckt haben, werden unausweichlich Marktanteile an ausl√§ndische Wettbewerber verlieren, die den Vorteil modernster Landwirtschaftsmaschinen haben. Und wenn Profite und die Bodenqualit√§t schlechter werden, glaube ich nicht, dass der freie Markt diese Bauern entsch√§digen wird.

Die sich schnell entwickelnden Superfoodmärkte stecken noch in den Kinderschuhen, aber all ihre guten Eigenschaften haben sicherlich einen Preis, der nicht auf dem Preisschild im Laden steht.

Quelle: Deutsche Welle, Autor: Stuart Braun, Foto: Bioversity International,CC BY-NC-ND 2.0.

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