28.09.2016

Deutschland, Kolumbien

Schmutzige Kohle

Das Bergwerk "El Cerrejón" in Kolumbien umfasst eine Fläche von 80.000 Fußballfeldern und ein jährliches Exportvolumen von 34,2 Mio. Foto: Tanenhaus, CC BY 2.0.

Der Steinkohleabbau von "El Cerrejón" schädigt Anwohner, Klima und Natur. Auch deutsche Kohlekraftwerke verfeuern den fossilen Energieträger. Auf einer Deutschlandtour klären mehrere Organisationen über die Mitverantwortung in Kolumbien auf.

Eine große schwarze Wunde klafft im südkolumbianischen Departamento La Guajira. Seit mehr als 30 Jahren wird hier, nahe der Atlantikküste, das schwarze Gold abgebaut. Die Steinkohle kommt mit großen Schleppern über den Atlantik nach Deutschland, landet im Hamburger Hafen und sorgt in Kohlekraftwerken deutscher Energieversorger wie E.ON, RWE und EnBW dafür, dass hierzulande Tag und Nacht billiger Strom aus der Steckdose kommt.

Steinkohle ist längst ein globales Geschäft. Für Deutschland ist Kolumbien der zweitwichtigste Steinkohlelieferant, weltweit ist Kolumbien das viertgrößte Steinkohleland. 2002 kaufte ein Bergbau-Multi die Vorkommen "Carbones de Cerrejón". Seitdem beutet das Konglomerat in den Händen der mächtigen Rohstoffkonzerne Anglo-American, BHP Billiton und Glencore eine der größten Tagebauminen der Erde aus. 34 Millionen Tonnen Steinkohle werden mit Baggern und LKWs aus der Grube transportiert. Zurück bleiben verwüstete Landschaften und vertriebene, kranke Menschen.

Ein symbolischer Klageerfolg

Über die Folgen des Steinkohleabbaus für die Anwohner nahe "El Cerrejón" hat vergangene Woche eine Delegation aus Kolumbien Zeugnis abgelegt. Auf Einladung des deutschen Umweltausschusses im Bundestag berichteten Juristen, Ökologen und Menschenrechtler in Berlin über die Schäden für Grundwasser, Menschen und Natur. "Wir haben im September 2015 eine Verfassungsklage eingereicht, für das Recht auf Leben", schildert Luis G. Pérez Casas vom Anwaltskollektiv "José Alvear Restrepo" den Fall des zweijährigen Moisés Guette, Mitglied der indigenen Wayúu-Gemeinde Provincial. Schon seit seiner Geburt leidet der Junge an schweren Atemwegsproblemen. Sein Kinderbett in der kleinen Hütte von Provincial liegt rund 1.500 Meter entfernt von den drei Kohlegruben von Cerrejón.

"Regelmäßig, mittags um 12 Uhr, erbeben die Wände seines Hauses", informiert ein Bericht der Anwälte über die Gewalt der Kohlesprengungen unweit der Wohnsiedlungen. Nach der Explosion folgt die mittägliche Staubwolke, die sich wie ein schwarzer Film über alles legt. Zwei Monate später entschied das Gericht den Präzedenzfall. Was in deutschen Ohren nach Normalität klingt ist für Kolumbien ein Meilenstein. Längst weiß man, dass die kleinen Staubpartikel ganz besonders gesundheitsschädigend sind. Das Tribunal entschied, dass das Unternehmen die medizinische Versorgung des Kindes sicherstellen und Medikamente bezahlen muss. Auch ein Umweltaktionsplan wurde Cerrejón auferlegt. Mit technischen Maßnahmen sollen die schädlichen Staub- und Gasemissionen verringert werden.

5.000 Tote Kinder in acht Jahren

"Die Gemeinden von Guajira haben uns gegenüber erklärt, dass in den letzten acht Jahren 5.000 Kinder an Hunger und Durst gestorben sind", so der Dozent der Universidad Nacional. Das Massensterben von Guajira, auch ohne Kohle eine der trockensten Regionen Kolumbiens mit häufigen Dürrezeiten, habe zwar einen medialen Aufschrei und öffentliche Debatten über den Preis von Rohstoff-Förderung gesorgt. "Konkretes Handeln seitens des kolumbianischen Staates hat es bisher nicht gegeben", nennt der Anwalt im selben Satz die "immensen Abgaben an die Departamento-Regierung".

Nicht nur in Deutschland verteidigen fossile Energiekonzerne und Kohlegewerkschaften alte Strukturen gegen die Energiewende. Das kolumbianische Umweltinstitut ICA rechnet vor: Während Kinder verdursten, verschlingt die Kohlegrube pro Tag über 48 Millionen Liter Wasser und das Luxusressort der leitenden Angestellten von Cerrejón ist großzügig mit Swimmingpools und Golfplatz ausgestattet.

Erst vertrieben, dann vergiftete Brunnen

Wo Wasser übrig bleibt sorgt es für Hautausschläge und Exzeme. Über die Angst vor giftigem Trinkwasser erzählt auch Tajana Ródriguez Maldonado von der Nichtregierungsorganisation "CENSAT Agua Viva". Viele Menschen würden kein Wasser aus den Brunnen trinken aus Sorge vor Gesundheitsschäden. Immerhin würde die Firma Cerrejón mittlerweile Wasser in Flaschen und Kanistern liefern, allerdings immer noch zu wenig. Eine weitere Gefahr sei die geplante Ausweitung des Riesenareals und die damit verbundene Umleitung von Flüssen.

Schließlich erwähnt Ródriguez den Effekt, den die 2018 auslaufenden Milliardensubventionen für den Steinkohleabbau in Deutschland haben könnte: "Wenn in Deutschland der Abbau von Steinkohle zurückgeht, dann wächst der Druck auf unser Land. Auf dieses Risiko wollen wir aufmerksam machen."

Autor: Benjamin Beutler, Foto: Tanenhaus,CC BY 2.0.

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