07.02.2017

Guatemala, Interview

Menschenrechtlerin: Indigene verarmen immer weiter

Ixil-Frauen auf der Straße in Guatemala. Foto: Adveniat/Pohl.

Claudia Samayoa ist Gründerin und Koordinatorin der Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte in Guatemala (UDEFEGUA). In einem Interview spricht sie über die Lage in dem mittelamerikanischen Land 20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs. Dieser hatte 36 Jahre gedauert und über 200.000 Menschen das Leben gekostet. Menschenrechts-Aktivisten gehen auch in der Gegenwart große Risiken ein: Von Januar bis November 2016 gab es 223 Angriffe, 14 Menschenrechtler wurden ermordet.

20 Jahre nach Ende des blutigen Bürgerkriegs scheint Guatemala nur auf dem Papier befriedet zu sein. Warum?

Samayoa: Im Zeitraum 1998 bis 2000 ergriff eine Gruppierung die Kontrolle über das Land, die ich "Militärische Mafia" nenne. Sie setzte sich aus Militärs und Vertretern des organisierten Verbrechens (Drogenhandel, Schmuggel, Menschenhandel) zusammen. Sie kämpften gegen alle, die sich für Frieden und Menschenrechte einsetzten. Vor allem gegen junge Guatemalteken und gegen Frauen. So entstand im Jahr 2000 die "UDEFEGUA". Inzwischen arbeiten wir auch in anderen Ländern - von Mexiko bis Panama.

Im September 2015 zwangen Massenproteste Guatemalas Präsident Otto Pérez Molina, der in einen Korruptionsskandal verwickelt war, zum Rücktritt. Zwei Monate später wurde der Konservative Jimmy Morales mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt, ein Evangelikaler und langjähriger Fernseh-Komiker. Was können Sie über ihn und seine Politik gegenüber Indigenen sagen?

Jimmy Morales gewann deutlich, ohne ein Programm zu haben. Er ist ein Macho, rassistisch, autoritär. Für ihn sind die Indigenen ausschließlich Guatemalteken, er versteht nicht, warum sie anders behandelt werden sollten. Sein nationalistisches Motto lautet: Wir sind alle Guatemalteken. Doch sein Guatemala ist eines, in dem nur Spanisch gesprochen wird, und in dem es nicht verschiedenen Formen gibt, Politik zu machen.

Morales vertritt sehr konservative Positionen. Frauen haben für ihn ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner in der Politik nichts zu suchen. Er gehört einer fundamentalistischen evangelikalen Kirche an.
 
Indigene bilden fast die Hälfte der Bevölkerung Guatemalas. Ihre Lebensbedingungen sind nach wie vor sehr schlecht.
 
In den vergangenen Jahren ist die indigene Bevölkerung weiter verarmt. In Guatemala gibt es chronische Unterernährung, jedes zweite Kind ist hiervon betroffen. Bei den Indigenen sieht es noch schlimmer aus, vor allem in ländlichen Gegenden. Wohlgemerkt: Das sind offizielle Zahlen. In Guatemala wird zwar alles manipuliert, doch in diesem Fall kann nicht einmal die Regierung die Wirklichkeit verschleiern.

Wenigstens hat es eine bedeutende Mobilisierung der indigenen Völker gegeben. Sie kämpfen heute als Gemeinschaft, nicht mehr als Individuen. Sie kämpfen für ihre Rechte, unter anderem jenes auf Entwicklung und die Hinzuziehung bei Entscheidungen, die sie mit betreffen. Die Indigenen haben außerdem damit begonnen, Brücken zur nicht-indigenen Bevölkerung Guatemalas zu schlagen. Ein wichtiger Beitrag dazu, dass Versöhnung im Land möglich wird.

Quelle: Noticias Aliadas, Interview: Paolo Moiola, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel.

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