30.01.2018

Brasilien, Interview

"Lula ist Opfer eines ungerechten Prozesses"

Befreiungstheologe und Dominikaner Frei Betto (73). Foto: Thomas Milz

Der brasilianische Befreiungstheologe und Dominikaner Frei Betto (73) sieht Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva (2003-2010) als Opfer eines ungerechten Prozesses. Ein Bundesgericht hatte am Mittwoch die Verurteilung Lulas wegen Korruption und Geldwäsche bestätigt. Zudem erhöhte es die im Juli 2017 verhängte Haftstrafe von neuneinhalb auf nun zwölf Jahre und einen Monat. Betto gilt als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Brasiliens und trotz Differenzen als enger Freund Lulas. Mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sprach Betto über die Folgen des Urteils.

KNA: Hat Sie das Urteil überrascht?

Betto: Nein, ich habe das erwartet. Aber als die Nachricht dann kam, war ich sehr traurig. Denn die Ermittler sind sehr agil, wenn es um Lula geht, aber sehr nachlässig und langsam, wenn es um andere Politiker geht. Auch wenn diese nachweislich korrupt und kriminell sind, wie Präsident Michel Temer. Und das, obwohl gegen diese Clique Beweise vorliegen, die alle im Fernsehen gesehen haben, in Form von Videos und Audio-Mitschnitten. Diese Parteilichkeit der brasilianischen Justiz und die Verfolgung Lulas machen mich traurig. Für mich sitzt hier eigentlich die brasilianische Justiz auf der Anklagebank.

Kann Lula dem Gefängnis noch entgehen und an den Präsidentschaftswahlen im Oktober teilnehmen?

Das weiß ich nicht, denn ich habe ja keine Kristallkugel. Ich vermute, dass er als Kandidat ins Rennen gehen kann, die Umfragen sehen ihn da ja auch weit vorne. Er ist der Lieblingskandidat der Brasilianer. Aber ob man ihn in Haft nehmen wird oder nicht, kann ich nicht vorhersagen.

Nach dem Urteil gab es am Mittwoch wenige Proteste. Steht das brasilianische Volk noch hinter Lula?

Ich komme gerade von einem Treffen der katholischen Basisgemeinden im südbrasilianischen Londrina, an dem 5.000 Vertreter der brasilianischen Gesellschaft teilgenommen haben. Einfache, normale Bürger waren das. Und die ganze Zeit haben sie ihre Sprechchöre "Lula, Kämpfer des Volkes" und "Lula Präsident" angestimmt. Diese Leute sind wütend über das Gerichtsurteil. Andererseits hegen sie die Hoffnung, dass er noch einmal zum Präsidenten gewählt wird.

Das von der katholischen Kirche per Plebiszit angestoßene Anti-Korruptions-Gesetz "Ficha Limpa" (Saubere Weste) könnte Lulas Kandidatur verhindern. Ist es nicht eine historische Ironie, dass Lula selbst das Gesetz 2010 in Kraft setzte?

Nein, da steckt keine Ironie dahinter. Dieses Gesetz verteidige ich auch weiterhin. Entscheidend ist doch, dass es keine ausreichenden Beweise für Lulas Schuld gibt. Damit ist Lula meiner Meinung nach das Opfer eines ungerechten Prozesses.

Was würden Sie Lula jetzt raten?

Nun, er soll weitermachen mit seinem militanten Kampf, mit seinem Wahlkampf. Er soll weiter ein Brasilianer sein, der für all die Brasilianer spricht, die keine Stimme haben. Er sollte weitermachen, und bisher sehe ich bei ihm kein Anzeichen dafür, dass er den Kopf hängen lässt. Im Gegenteil, er wird sich den feindseligen Umständen entgegenstellen, so wie er es in seinem Leben immer getan hat. Das ist sein Normalzustand.

Doch die linken Parteien, die stets hinter Lula standen, scheinen auf Abstand zu gehen. Die kommunistische PCdoB, sonst treu an Lulas Seite, hat schon eine eigene Kandidatin für die Wahlen aufgestellt. Zerfällt Lulas linkes Bündnis jetzt?

Für mich umfasst die Linke Lulas Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores), die PCdoB und die PSOL (eine Abspaltung der PT). Wir müssen jetzt schauen, ob die PSOL eventuell ebenfalls einen eigenen Kandidaten aufstellt. Ich persönlich habe bei den letzten Wahlen stets PSOL gewählt. Aber noch ist es zu früh, da Tendenzen erkennen zu wollen. Lasst uns erst einmal abwarten, was jetzt passiert.

Nach den Wahlen könnten auch rechte Politiker ihre Ämter und damit ihre Immunität verlieren, Präsident Michel Temer zum Beispiel. Glauben Sie, dass die Justiz dann genauso hart gegen diese Politiker vorgehen wird?

Ich hoffe, dass die Justiz gegenüber diesen Politikern die gleiche Härte und Unnachgiebigkeit zeigt, die Lula zu spüren bekam. Das ist das einzige, was ich mir erhoffe. Ich wünsche niemandem, dass er ins Gefängnis muss, und ich bin hier nicht der Richter über diese Personen. Ich wünsche mir, dass nicht mit zweierlei Maß gemessen wird.

Interview: Thomas Milz / KNA

« Zurück

Aktuelle Ausgabe:

Titelbild des Magazin Blickpunkt Lateinamerika in der aktuellen Printausgabe

Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich und kann kostenlos abonniert werden.

 

Redaktion und Kontakt:
Nicola van Bonn
Telefon: +49 (0)201 1756-212
E-Mail versenden

 

DOSSIER:
Friedensprozess Kolumbien

Friedenprozess in Kolumbien - Dossier


DOSSIER:

Oscar Romero

Oscar Romero - Dossier

DOSSIER:
Mapuche

Das Indigene Volk der Mapuche - Dossier

Partner von:

Deutsche Welle ist Kooperationspartner von Blickpunkt Lateinamerika -  Logo von DW
Weihnachtsaktion 2017 - Adveniat

Weihnachtsaktion 2017

"Faire Arbeit. Würde. Helfen."