03.03.2017

Brasilien, Buchrezension

Luiz Ruffato: "Teilansicht der Nacht"

Foto: Assoziation A.

Luiz Ruffato zählt zu den derzeit wichtigsten Schriftstellern Brasiliens. Nach bedeutenden Literaturpreisen in seiner Heimat hat er im vergangenen Jahr auch hier eine Auszeichnung erhalten.: Den Internationalen Hermann Hesse Preis vom Südwestrundfunk. Von Ruffatos fünfbändigen Werk "Vorläufige Hölle", das die Geschichte des brasilianischen Proletariats literarisch bearbeitet, wurde mit "Teilansicht der Nacht" nun der dritte Band übersetzt.

Luiz Ruffato führt den Leser darin nach Cataguases, eine Kleinstadt im Innern des Bundesstaates Minas Gerais im Südosten Brasiliens. Ruffato kennt die Stadt gut, denn er stammt von dort. Auch schon "Feindliche Welt" war dort angesiedelt, Band 2 seiner fünfbändigen literarischen Auseinandersetzung mit dem vergessenen Teil Brasiliens - mit den Armen, den neu Eingewanderten und den Arbeitsmigranten aus dem Binnenland. So sind einige der Nebenfiguren dem Leser auch bereits in "Feindliche Welt" begegnet. Die einzelnen Bände der Serie sind jedoch jeweils eigenständige Romane.

So auch "Teilansicht der Nacht". Der Roman spielt in den Siebzigerjahren und Brasilien ächzt unter einer finsteren Militärdiktatur, was auch den Titel des Bandes erklärt. Zwar sind es vor allem Intellektuelle der Mittel- und Oberschicht, die zu jener Zeit verschleppt und ermordet werden, doch auch die Menschen in den Armenvierteln von Cataguases, in denen der Roman ausschließlich angesiedelt ist, spüren die Folgen.

Um des vermeintlichen Fortschritts willen, den die Militärs sich auf die Fahnen geschrieben haben und ohne Rücksicht auf Mensch und Natur durchsetzen, werden die Armen aus ihren vertrauten Nachbarschaften gerissen und umgesiedelt. Paraíso, Paradies, heißt ironischerweise das Viertel mit Miniatur-Häuschen, in das sich die einfachen Leute einkaufen können. Doch besser geht es ihnen dort nicht. Ihre vorherigen sozialen Strukturen werden zerschlagen und sie sind nun obendrein verschuldet.

Krankheiten und Verwahrlosung

Soziale Sicherheit spielt für die Militärs keine Rolle und so steht, wer seinen Job in der Weberei oder in einem anderen Industriebetrieb der Stadt verliert, mittellos da. Niemanden kümmert es, wenn in einer Favela, einem Armenviertel, ein Mensch aufgrund von Verwahrlosung leidet oder gar stirbt. 

Eine durchgehende Handlung hat der Roman nicht. Vielmehr schildert ein allwissender Erzähler in der dritten Person Episoden aus dem Leben von Bewohnern der Armenviertel von Cataguases. Er ist ganz nah dran an den Menschen und zusammen genommen ergeben seine Geschichten ein Bild davon, was sie dort tagtäglich ertragen müssen. Wenn es stark regnet, sind die Matratzen durchweicht und die Hütten saufen ab. Ob Flöhe oder Krätze, Spulwürmer oder Keuchhusten - keine Krankheit, die man nicht dort fände. Und zu Zeiten der Militärherrschaft kümmerte sich der Staat noch weniger darum als heute.

Vom Bürgermeister haben die Menschen am Rande der Stadt keine Hilfe zu erwarten, denn der ist ständig auf Reisen und taucht nur auf, wenn die Presse anwesend ist und er sich in ein gutes Licht rücken kann. Auch auf die Polizei ist kein Verlass.

Gewalt und Perspektivlosigkeit

Kaum ein Mann, der nicht aus Frust oder Verzweiflung dem Alkohol verfallen wäre und im Suff, gegenüber Frau und Kindern vor allem, zur Gewalt neigte. So wundert es auch nicht, wenn der Direktor eines Wanderzirkus, der kaum weniger arm ist als seine Zuschauer, tot auf einem Bolzplatz gefunden wird. Erstochen, weil er sich mit einem Besucher angelegt hat, der keinen Eintritt bezahlen wollte.

Am meisten zu Herzen geht die Geschichte von Vicente, der auf sich gestellt bei seiner alleinstehenden, geistig verwirrten Mutter aufwuchs und schließlich als junger Mann, selbst ebenfalls aufgrund der Umstände geistig verwirrt, in einem Abwasserrohr ertrinkt.

Den Menschen bleiben nur ihre Träume und Erinnerungen, die nicht immer so schön sind wie die von Terezinha, die in jungen Jahren einmal Karnevalskönigin war.

Brutale Verhältnisse - brutale Sprache

Luiz Ruffato schreibt schnörkellos, in einer realistischen, nichts verschleiernden Sprache, die brutal wirkt, weil die Verhältnisse brutal sind. Seine Sätze sind kurz, nicht immer vollständig, die Dialoge kommen umgangssprachlich und ebenfalls knapp daher. Wenn viele Krankheiten herrschen, zählt Ruffato sie alle auf. Wenn jemand sich über die Straße schleppt, schildert der Erzähler dies Schritt für Schritt, sodass man fast glaubt, es zu sehen - als Zuschauer dabei zu sein.

Selten hat jemand über eine brasilianische Favela so eindringlich und einprägsam geschrieben wie Luiz Ruffato in "Teilansicht der Nacht".

Autorin: Eva Karnofsky, Foto: Assoziation A.

Luiz Ruffato: "Teilansicht der Nacht". Band 3 der Serie "Vorläufige Hölle". Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. Assoziation A, 160 Seiten, 18,00 Euro.

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