11.10.2010

Haiti

Leben zwischen Ruinen

Haiti ist neun Monate nach dem Beben weiter gelähmt. Die Journalistin Sandra Weiss war vor Ort und beschreibt die schwierige Situation in Jacmel. Die viertgrößten Stadt des Landes ist etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt entfernt und wurde vom Erdbeben hart getroffen.

Haiti ist neun Monate nach dem Beben weiter gelähmt. Die Journalistin Sandra Weiss war vor Ort und beschreibt die schwierige Situation in Jacmel, der viertgrößten Stadt des Landes, etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Langsam, fast schleppend nähert sich die Frau mit der weißen Bluse und dem bunten Rock der Kathedrale. Vor dem verschlossenen Eisentor hält sie inne, fast, als könne sie noch immer nicht begreifen, was vor neun Monaten geschehen ist als goudou goudou, das große Grummeln,  die Erde wackeln ließ und Haiti von der Armut ins Elend stürzte. Sie kniet nieder und betet. Die Kathedrale von Jacmel, ein weiß-gelbes, koloniales Kleinod, ragt aus den Trümmern. Wie ein Mahnmal, das dem Jüngsten Gericht die Stirn geboten hat. Angeschlagen, mit bröckelnder Fassade, schiefem Turm und Rissen im Gemäuer. Das Ziffernblatt der Turmuhr eingefroren um 17.35 Uhr – fast genau der schicksalsträchtigen Stunde Null für Haiti.

Gut neun Monate später, um die gleiche Zeit:

Es dämmert, die Händler auf dem Markt vor der Kathedrale packen eilig ihre Waren auf die Schubkarren – ein paar Zwiebeln, ein Sack Kohle, ein Korb Orangen. Sie verschwinden, bevor die Nacht die Gassen verdüstert und ihnen ein offener Kanaldeckel zum Verhängnis werden könnte. Dann ergreifen die Ratten Besitz von den zurückgebliebenen Müllbergen –bis vielleicht irgendwann ein Tropengewitter den Müll den steilen Berg herunter spült ins Meer.

Zwei Stunden Strom am Tag

Jacmel war in der Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Stadt der Karibik mit Telefonen, Elektrizität und Trinkwasseranschlüssen. Heute gibt nur ein paar Stunden Strom am Tag, die ohnehin schon spärliche öffentliche Beleuchtung wurde durch das Beben völlig zerstört.

A démolir – abbruchreif, haben die Beamten des Bauministeriums auf viele Häuser gesprüht. Bewohnbar sind in der Innenstadt nur noch wenige Gebäude. Doch fast alle stehen unter Denkmalschutz. Abreißen und neu bauen? Für viel Geld restaurieren? Ein Dilemma, das hinten ansteht auf der Prioritätenliste der haitianischen Würdenträger und der internationalen Gemeinschaft. 1,3 Millionen Menschen wurden obdachlos, Schulen, Krankenhäuser, Gerichte und Polizeistationen zerstört. Das Beben hat dem ohnehin schon schwachen Staat den Todesstoß versetzt – da zählen ein paar historische Gebäude nicht viel. Oder die Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit, denn immerhin war es in Jacmel, wo der südamerikanische Befreier Simon Bolivar einst logierte und beim haitianischen Präsidenten Pétion um Hilfe nachsuchte für seinen Krieg gegen die spanischen Kolonialherren.

Zeltlager auf dem Rathausplatz

Heute ist der Simon-Bolivar-Platz ist eine mit Trümmern übersäte Müllhalde in der Nähe des Hafens. Im Würgegriff des Vergessens und der Misere in einem Land, in dem zwei Drittel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben können, drei Viertel in bitterster Armut überleben. Auf dem Rathausplatz haben sich die Bebenopfer niedergelassen. Die UNO hat für Solar-Beleuchtung gesorgt, internationale Hilfsorganisationen haben Chemieklos und Wassertanks aufgestellt und die Zeltplanen gespendet. Ab und zu kommt ein Arzt vorbei und hält kostenlos Sprechstunde – mehr Service, als die meisten Haitianer vor dem Beben hatten. Einige haben ihr Zelt verstärkt mit Wellblechdächern und Holztüren oder einen kleinen Vorbau angelegt, der als Marktstand dient. Bald dürfte das Lager kaum noch zu unterscheiden sein von den üblichen Slums.

Jaqueline Desir ist Lehrerin, ihre Schule brach wie so viele andere beim Beben zusammen. Bis sie einen neuen Job findet, vermietet die Witwe Telefone an Passanten für einen kurzen Anruf und versucht damit, sich und ihre vier Kinder über Wasser zu halten. “Das Leben muss ja weitergehen”, sagt die 41-Jährige. Sie hat ein das resignierte Lächeln und den traurigen Blick der Menschen, die schon viele Schicksalsschläge hinnehmen mussten.  

„Wir werden nicht gefragt“

Auf einer kleinen Mauer am Rand des Zeltlagers sitzt Kiricarme Joassaint mit ihren Freunden. Eine abgebrochene Jurastudentin, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Ihr Herzblut lässt sie in der lokalen Studentenorganisation. “Wir haben hier doch keine Demokratie, die Menschen lassen sich ihre Stimme für 50 Gourdes abkaufen”, schimpft sie. 50 Gourdes ist etwas mehr als ein US-Dollar. Ein Abgeordneter verdient auf Haiti 9000 US-Dollar, ein Lehrer  200. Und der Wiederaufbau? “Den baldowert die Regierung mit der internationalen Gemeinschaft aus, wir Haitianer werden nicht gefragt und nicht einmal informiert.” Kaum einer der Passanten schenkt ihr Beachtung. Politische Diskussionen sind ein Zeitvertreib für die Elite. Es gibt Wichtigeres im Leben der Haitianer.  Dominospielen oder Hahnenkämpfe etwa. Um das ganze Drama wenigstens einen Augenblick lang zu vergessen.

Autorin: Sandra Weiss

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