21.08.2013

Bolivien

„Kartoffeln mit Quinoa schmecken vorzüglich!“

Der älteste Mann der Welt kommt aus Bolivien. Sein Rekordalter von 123 Jahren verdankt Carmelo Flores Laura auch dem Verzehr von Quinoa. Der jüngste Export-Boom vom „Gold der Inka“ lässt die Preise steigen. Doch erlebt Quinoa in Bolivien ein nie dagewesenes Revival.

Nicht nur für Boliviens Lokalpolitiker war die Nachricht eine Sensation: Der älteste Mann der Welt lebt im Departamento La Paz. „Wir werden Herrn Carmelo Flores Laura zum lebenden Kulturerbe des Departamentos und der ganzen Menschheit erklärten“, haspelte sichtlich ergriffen von seinen salbungsvollen Worten ein aufgeregter Vertreter der Präfektur in einer TV-Life-Schalte. 123 Jahre alt soll der Bauer mit dem verknitterten Gesicht sein. Vielleicht bleibt die Wahrheit über sein echtes Alter nie ganz geklärt. Schließlich gibt es in dem Andenland erst seit 1940 offizielle Geburtenregister. Bis dahin musste die kirchliche Taufurkunde als Beleg für Geburtsdatum, Ort und Abstammung herhalten. Und auf diesem Kirchenpapier, und damit in allen Ausweisen des steinalten Bolivianers, steht tatsächlich, schwarz auf weiß: 16. Juli 1890. Ob Flores den geltenden Guinness-Rekord der 1997 im Alter von 122 Jahren verstorbenen Französin Jeanne Calment bricht, steht noch in den Statuten der Rekordzähler. Sicher aber ist: Herr Flores muss sich nachweislich gesund ernährt haben. „Kartoffeln mit Quinoa schmecken vorzüglich“, gab der auf über 4.000 Höhenmeter lebende Flores in Aymara sein Erfolgsgeheimnis preis. Spanisch spricht der fast Ertaubte nicht.

Quinoa-Kugeln von Washington bis Wladikawkas

Die unerhoffte Gratis-Werbung für das „Gold der Inka“ dürfte auch die bolivianische Agrar-Exportwirtschaft freuen. Auf Regierungsinitiative von Bolivien hatte die FAO-Welternährungsorganisation 2013 zum „Internationalen Jahr der Quinoa“ ausgerufen. Mit Info-Veranstaltungen rund um den Globus, auf Messen und einer „Quinoa-Karavane“ durch die wichtigsten Anbaugebiete im Altiplano-Andenhochland rührt La Paz für chenopidium quinoa seitdem heftig die Werbetrommel. Ein Dutzend Bauerngemeinden am Salar de Uyuni in den bettelarmen Departamentos Potosí und Oruro sowie rund um den legendären Titikaka-See erleben einen regelrechten Quinoa-Boom. Das hat Auswirkungen auf die Quinoa-Preise. Seit Gourmets von Washington bis Wladikawkas Quinoa-Kugeln bevorzugt in den Kochtopf werfen, haben sich die Weltmarktpreise seit der Jahrtausendwende mehr als versiebenfacht. Das bekommt auch die bolivianische Hausfrau beim Marktbesuch zu spüren.

Kulinarisches Stiefkind

Doch vorbei sind die Zeiten, in denen die über 3.000 verschiedenen Quinoa-Arten vom Tisch der bolivianischen Elite verbannt waren. Beim berühmten Besuch von Vize-König Diego Morcillo Rubio de Auñón 1716 in der damals reichsten Stadt der Welt Potosí protokollierte dessen Chronist Bartolomé Arzáns das überbordende Bankett: „Königliches Milch-Manjar, Königliche Torten, Speckgerichte, Eiersüßigkeiten, Flamenco-Teigtaschen, Hasen mit Petersilie und Mais-Tamales ...“. Quinoa aber gelangte nicht in den royalen Magen, erinnert heute der bolivianische Schriftsteller Edgar Arandia an die Speisekarte zu Kolonialzeiten, in denen die Europäer den Unterworfenen den Verzehr des Andenkorns sogar unter Strafe verboten. Unter den 160.000 spanischstämmigen Bewohnern der Silberstadt Potosí war der Quinoa-Verzehr verschwindend gering, stellte etwa ein Zensus von 1611 fest. Auch nach der Unabhängigkeit von der Spanischen Krone 1825 blieb Quinoa kulinarisches Stiefkind. Im berühmten Kochbuch von Doña Eugenia Atayora von 1820 taucht Quinoa nicht auf. Was Arandia, der heute das Nationale Kunstmuseum in La Paz leitet, dem leicht bitteren Geschmack der Körner zuspricht, hervorgerufen durch die in der Frucht enthaltenen Saponine. Beim einem Staatsbankett 1869 dann aßen Präsident Mariano Melgarejo und seine Minister ausschließlich französische Cuisine: Feine Horsd’œuvres, Gemüse á la carte, Früchtedesserts und Liköre aus der Normandie. Die Speisen der indigenen Mehrheit blieben unberücksichtigt.

Revival in heimischen Kochtöpfen

Heute achtet Boliviens erster indigener Präsident Evo Morales penibel darauf, Staatsgästen im Palacio Quemado einheimische Quinoa-Gerichte aller Art aufzutischen. Und so könnte eine kompletter Quinoa-Gang aussehen: Quinoa-Suppe mit Möhren und Hühnchen als Vorspeise, als Hauptgericht Quinoa mit Hackfleisch, Ají-Chili und Kartoffeln, dazu Schwarzer Quinoa-Salat mit Champignon-Soße. Und zum Nachtisch Quinoa-Kuchen mit Eiern, Vanille und Singani-Schnaps. Auch ein Getränk gibt es: Quinoa-Saft mit Zimt, Limette und Gewürznelken. Trotz Preisanstieg essen die zehn Millionen Bolivianer heute Quinoa wie lange nicht. „Es gab landesweit einen Mehrkonsum von 40 Prozent“, klärt das Ministerium für ländliche Entwicklung auf. 40.000 Tonnen vom Inka-Reis wandern jährlich durch die Küchen der Nation. Damit zeigt nicht nur der 123 Jahre alte Aymara mit geschätzten 39 Urenkeln - Quinoa ist unter den einfachen Leuten in Stadt und Land weiter Lebensmittel der Wahl.

Autor: Benjamin Beutler

Offizielle Webseite zum „Internationalen Jahr der Quinoa“ mit Rezepten (spanisch):

www.quinuainternacional.org.bo

Getrocknete Quinoa-Ähren. Foto: Bioversity International CC-by-nc-nd

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